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„The Kyiv Independent“ berichtet auf Englisch und trifft auf großes Interesse. Die Herausforderung für die Mitarbeiter*innen ist es, objektiv zu bleiben
Von Yelizaveta Landenberger
Vor ein paar Wochen wäre sie wohl noch im Mantel hier im Büro gesessen, sagt Olga Rudenko während eines Videocalls mit der taz. Inzwischen sei die Situation etwas besser. Ein paar Stunden am Tag gebe es wieder Strom, dann funktioniere auch die Heizung. Die restliche Zeit laufe die Versorgung über einen Generator. Es herrschen widrige Bedingungen für den Journalismus in der ukrainischen Hauptstadt in Zeiten, da Russland die zivile Energieinfrastruktur massiv unter Beschuss nimmt.
Doch die Chefredakteurin des englischsprachigen Onlinemediums „The Kyiv Independent“, das im November 2021 gegründet wurde, also nur drei Monate vor Beginn der russischen Großinvasion, gibt sich standhaft. In ihren Meinungsartikeln betont sie die Wichtigkeit unabhängiger Berichterstattung und der Unterstützung von Medien, die nicht an Oligarchen angebunden sind, wie es in der Ukraine immer noch üblich ist.
Auch Rudenko arbeitete zehn Jahre lang in einer solchen Redaktion – bei der Kyiv Post, der ersten englischsprachigen Zeitung im Land. Nachdem viele ihrer Kolleg:innen dort plötzlich entlassen worden waren, weil sie sich der Einflussnahme des damaligen Eigentümers Adnan Kivan auf die Berichterstattung entgegengestellt hatten, beschlossen die Journalist:innen ihren eigenen Newsroom zu gründen, mit Rudenko als Chefredakteurin.
Laut ihr kommen die meisten Leser:innen aus den USA, an zweiter Stelle folgt Großbritannien, Deutschland liegt auf Platz fünf. Zu 70 Prozent finanziert sich „The Kyiv Independent“ durch regelmäßige Beiträge seiner Stammleser:innen, den inzwischen 27.000 Mitgliedern. Das restliche Geld stammt aus kommerziellen Einnahmen wie dem Merch-Verkauf.
„Wenn Sie ‚The Kyiv Independent‘ lesen und unterstützen, können Sie sich immer sicher sein, dass alle Entscheidungen darüber, worüber wir schreiben, hier in dieser Redaktion von genau diesem Team getroffen werden, das Sie auf der Website sehen“, so Rudenko. „Niemand wird mich anrufen und sagen: Diese Person ist mein Freund, also schreib nichts Negatives über sie.“
Man hätte eigentlich nie geplant, ein Kriegs-Newsroom zu sein, aber selbstverständlich habe man sich der Herausforderung stellen müssen. Nachdem der erste Schock der Invasion vorüber gewesen sei, habe man damit begonnen, Geschichten zu veröffentlichen, die nicht direkt vom Krieg handelten. Es entstand ein Wirtschaftsressort, eine Kultursektion, das Format „Explaining Ukraine“, eine Art Lexikon mit Grundwissen zum Land – außerdem Newsletter, Videos und Dokumentationen, vor allem über russische Kriegsverbrechen.
„Die Idee war immer, dieses Fenster der Welt zur Ukraine zu sein, qualitativ hochwertigen Journalismus aus der Ukraine in die Welt zu tragen und die Welt über alles, was die Ukraine betrifft, zu informieren“, schildert Rudenko.
Das Medium expandierte schnell. Waren es anfangs noch 18 Redaktionsmitglieder, sind es heute 82. Weitere Stellen sind ausgeschrieben, man sucht etwa einen Korrespondenten in Brüssel und eine Person, der von außen fundiert über Russland berichten kann. Zu den Themen, die „The Kyiv Independent“ abdeckt, gehören auch Missstände in der ukrainischen Politik und im Militär. Erst kürzlich wurde ein Bericht über Folter in einer brasilianischen Einheit veröffentlicht, die mutmaßlich zum Tod eines Soldaten führte.
Rudenko sagt: „Unser Geschäft besteht nicht darin, die Welt dazu zu bringen, die Ukraine zu lieben. Unser Geschäft besteht darin, der Welt zu helfen, die Ukraine zu verstehen.“
Es sei kein Geheimnis, dass zu Beginn der Großinvasion viele ukrainische Journalist:innen mit der Versuchung der Selbstzensur gekämpft hätten. Wenn man sich im Überlebensmodus befinde, könne es sehr verlockend sein, etwas zu zensieren, von dem man glaubt, dass es dem eigenen Land und somit einem selbst schaden könnte, so Rudenko. Diese Versuchung sei dann doppelt oder dreifach so groß, wenn man auf Englisch für ein ausländisches Publikum schreibe.
Aber man habe ihr widerstanden, sei keine „PR-Agentur der Ukraine“ geworden und habe auf diese Weise langfristig das Vertrauen der Leser:innen gewinnen können.
Der Australier Francis Farrell ist Reporter von „The Kyiv Independent“ und hat sich auf die Frontberichterstattung spezialisiert. „Manchmal hat man mit Leuten an der proukrainischen Seite des Informationskriegs zu tun, die den Krieg als Zuschauersport verfolgen und dir sagen, dass du das Falsche tust, wenn du auf systemische Probleme hinweist, die die ukrainischen Kriegsanstrengungen sabotieren“, erzählt er den taz.
Farrell hat eine ungarische Mutter, die Verbindung nach Europa war also früh gegeben – und auch das Verständnis, was russische Besatzung bedeutet. Als die Großinvasion begann, habe er gespürt, dass er vor Ort sein muss. Seitdem lebt er in der Ukraine, die er aber schon von vorherigen Besuchen kannte.
Olga Rudenko, Chefredakteurin „The Kyiv Independent“
„Erst wusste ich nicht wirklich, was ich tue. Es herrschte diese Cowboy-Atmosphäre wie für alle 2022“, berichtet er. Frontberichterstattung sei über informelle Kontakte gelaufen. 2023 habe das ukrainische Militär versucht, die journalistische Arbeit stärker zu reglementieren – laut Farrell ohne ein wirkliches Verständnis für die Wichtigkeit von Journalismus.
Als die Zusammenarbeit mit den Presseoffizieren schließlich ab 2024 immer besser funktioniert habe, sei es mit der Sicherheit bergab gegangen. „Vor allem wegen der FPV-Drohnen, die alles jagen können: Soldaten, Zivilisten, Fahrzeuge, Journalisten.“ Erst sei es 3 Kilometer von der Front deshalb gefährlich gewesen, dann 5, inzwischen sind es sogar 15 oder 20. Die Infanterie an der Nulllinie zu besuchen sei inzwischen unmöglich, und selbst Geschichten über die Artillerie oder Drohnenteams würden immer schwieriger.
Große westliche Medien ließen ihre Reporter nicht mehr in gefährliche Gebiete. Farrell nimmt das Risiko aber in Kauf. Angst habe er vor allem vor den Fahrten in die Gefahrenzone. „Im Moment selbst nicht so sehr, da übernimmt das Adrenalin, man ist konzentriert bei der Sache.“
„Der herausforderndste Teil ist, die Geschichte auf eine andere, bessere Art an ein westliches Publikum heranzutragen, das müde vom Krieg geworden ist“, sagt er. Bilder aus dem Krieg könnten wirken, als seien sie immer gleich – und das über Jahre hinweg. Dagegen arbeiten er und die anderen Journalist:innen von „The Kyiv Independent“ jeden Tag an.
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