Verschenkaktion „4.000 Tonnen“: Unverhoffter Kartoffelsegen für Berlin
Weil die Preise im Keller sind, werden Landwirte ihre Ernte nicht los. Damit sie nicht vernichtet werden, verschenkt ein sächsischer Betrieb seinen Bestand.
D ie Kartoffel ist ein wundersames Produkt. Schmackhaft, nährstoffreich und gesund. Kompakt in der Größe und vielseitig einsetzbar als Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Ofenkartoffeln und Kartoffelstampf. Spätestens seit der Preußenkönig Friedrich der Große das Nachtschattengewächs Mitte des 18. Jahrhunderts hierzulande etablierte, ist die Kartoffel ein wichtiges Grundnahrungsmittel.
Nur, auf dem Lebensmittelmarkt ist die Knolle trotz all ihrer Qualitäten zurzeit nichts wert. Nach einer Rekordernte im vergangenen Jahr ist der Kartoffelpreis dermaßen im Keller, dass die Bauern ihre Ernten kaum noch loswerden.
In den Hallen der sächsischen Osterland-GmbH lagern derzeit 4.000 Tonnen Kartoffeln, die keinen Abnehmer finden. Für den Großhändler, der die Ernte bestellt hat, lohnt es sich bei den Niedrigpreisen schlicht nicht mehr, sie abzuholen. „Der Händler hat ein faires Angebot gemacht und die Waren entschädigt“, erklärt Osterland-Chef Hans-Joachim von Massow.
Wirtschaftlich ist der Schaden also verkraftbar. Aber emotional und ökologisch wäre eine Vernichtung der Ernte eine Belastung. „Wir sind begeistert, wie wir es als Landwirte immer wieder schaffen, dieses komplexe Lebensmittel aus dem Boden zu zaubern“, sagt von Massow. Der Anbau sei sehr aufwendig und arbeitsintensiv.
Zivilgesellschaft regelt Verteilung
Um das kostbare Gut vor der Vernichtung zu wahren, hat sich der Agrarbetrieb zusammen mit der Öko-Suchmaschine Ecosia und der Berliner Morgenpost etwas einfallen lassen. Statt aufs Feld oder in die Biogasanlage werden die Kartoffeln auf Lastern nach Berlin gebracht und verschenkt.
Hans-Joachim von Massow
Rein rechnerisch könnte so fast jede*r Berliner*in ein Kilo Kartoffeln erhalten. Bei der Verteilung setzt das Bündnis auf die lebendige Berliner Stadtgesellschaft. Wer will, kann sich anmelden, um eine Tonne abzunehmen und zu verteilen. Geliefert werden die Kartoffeln mit einem 25-Tonnen-Laster, in handlichen Bigbags, die jeweils eine Tonne Kartoffeln fassen. Interessierte können sich dann am Donnerstag und Freitag an den auf einer Karte verzeichneten Verteilstellen haushaltsübliche Mengen abholen. Ein großer Teil der Ernte geht auch an die Tafeln.
„Wir sind überwältigt vom großen Andrang“, berichtet Ecosia Geschäftsführer Wolfgang Oels. Anfangs hätten sich die Organisator:innen Sorgen gemacht, ob es überhaupt Abnehmer:innen für einen 25-Tonner gebe.
Für den Preisverfall der Kartoffeln sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Nach einer Knappheit und hohen Preisen im Vorjahr haben viele Bäuer:innen auf die Knolle gesetzt. Der regenreiche Juli führte dazu zu einer Rekordernte. „Alle Betriebe haben besser geerntet als erwartet“, erklärt Claudia Schievelbein von der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL).
Katastrophale Kartoffelschwemme
Die Folge: deutlich mehr Kartoffeln sind am Markt als gebraucht werden. „In dem Moment des Überangebots unterbieten sich die Erzeuger gegenseitig, das ist katastrophal“, sagt Schievelbein. Seien sie nicht vielfältig genug aufgestellt, könnten die Nullpreise „Betriebe auch vor existenzielle Probleme stellen“. Außerdem würde der Absatz seit Jahren sinken, Kartoffeln seien halt kein „In-Produkt“, sagt die Landwirtin.
Während das Überangebot am Markt für viele Berliner:innen einen unverhofften Kartoffel-Segen bedeutet, ist die Situation für viele Landwirte deutlich ernster. Osterland-Chef von Massow plädiert daher für mehr Kartoffel-Konsum: „Uns ist allen geholfen, wenn wir die alten Rezepte wieder herausholen. Es ist eine sehr vielfältige Frucht.“
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