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Vernetzung unter extrem RechtenBrandherd Österreich

Eine AfD-Mitarbeiterin tritt bei einer völkischen Sonnwendfeier in Österreich auf, auch die AfD-Parteispitze sucht im Nachbarland Inspiration.

Nicolai Kary

Aus Leoben, Klosterneuburg und Berlin

Nicolai Kary und Samuel Winter

I m österreichischen Wienerwald, weit abgelegen von der Öffentlichkeit, will am vergangenen Sonnabend ein eingeschworener Kreis auf einer Lichtung ungestört feiern – sie stimmen deutschnationale Lieder an und tragen Kerzen durch die Dunkelheit. Doch die taz ist vor Ort und beobachtet das Treiben der Gruppe aus nächster Nähe. Auf einer Lichtung stellt sich die Gruppe in einem Kreis auf. „Deutschland soll ewig sein“, ruft ein Mann –, „Heil“ antworten die anderen. Auch von „Urdeutschen“ und „großen germanischen Vorfahren“ ist dort zu hören.

Die meisten der Teilnehmenden sind Männer, viele mit Schmiss im Gesicht. Um ihre Brust spannen sich Bänder mit den Farben Schwarz-Rot-Gold, die Farben deutschnationaler Burschenschaften. Die anwesenden Frauen tragen Trachten, haben sich teils die Haare zu Zöpfen geflochten.

Das, was der eingeschworene Kreis an diesem Sonntagabend, dem 21. Juni, hier feiert, ist eine sogenannte Sonnwendfeier. Zum Ärger der Gruppe muss sie in diesem Jahr wegen Waldbrandgefahr in der Region auf ihr Feuer verzichten, um das sie sich normalerweise versammeln. Statt der traditionellen Fackeln tragen sie einfache Kerzen.

Eingeladen zu dem alljährlichen Ritual in der Gemeinde Klosterneuburg nahe der österreichischen Hauptstadt haben die Österreichische Landsmannschaft (ÖLR) und der Wiener Korporationsring (WKR), der Dachverband der deutschnationalen Studentenverbindungen Wiens. Beide Organisationen verstehen sich als völkisch-national und wünschen sich eine ethnisch definierte deutsche Volksgemeinschaft.

Nähe zur AfD

Rund hundert Personen sind zu der Veranstaltung erschienen, darunter Politiker der FPÖ und auch Mitglieder der Identitären Bewegung. Gekommen sind aber nicht nur Besucher aus Österreich. Die diesjährige Feuerrede hält eine Frau, die einen engen Draht zur AfD hat: Reinhild Boßdorf. Öffentlich angekündigt wurde ihr Auftritt auf einem Plakat in Frakturschrift.

Boßdorf ist Assistentin des AfD-Europaabgeordneten Alexander Jungbluth, der selbst Mitglied der Bonner Burschenschaft Raczeks ist, die 2011 in einem Antrag auf dem Eisenacher Burschentag eine Art „Ariernachweis“ forderte. Ihre Mutter, Irmhild Boßdorf, ist Abgeordnete der AfD im EU-Parlament.

Dass die junge Boßdorf an diesem 21. Juni im Kreise des Männerbundes die Feuerrede halten darf, dürfte für sie ein Zeichen der Ehre sein – aber auch eine Herausforderung, denn die Feuerrede ist bei einer solchen Feierlichkeit ein zentrales Element.

Boßdorf ist europaweit in der rechtsextremen Szene vernetzt. Sie gründete 2019 die extrem rechte Frauengruppe Lukreta, die Frauenrechte für ihre völkische Agenda instrumentalisiert. Die zahlenmäßig kleine Gruppe tritt europaweit bei Veranstaltungen der extremen Rechten in Erscheinung und pflegt gute Beziehungen zu „identitären“ Gruppen wie etwa der Schweizer „Jungen Tat“.

Die meist jungen Frauen propagieren einen „Geburten-Dschihad von rechts“, wie eine RTL-Recherche im vergangenen Jahr zeigte. Ein Narrativ, das an völkische Ideologien eines angeblichen „Großen Austauschs“ oder „Volkstods“ anknüpft. Mit Julia Gehrckens ist seit Ende November vergangenen Jahres ein Mitglied von Lukreta im Bundesvorstand der AfD-Jugend installiert.

Sonnwendfeiern gab es an diesem Sonntagabend im Umland von Wien an mehreren Orten, etwa in der Region Wachau und dem Nibelungengau. Doch nicht jedes dieser Brauchtumsfeste ist völkisch aufgeladen. Feuerfeste zur Sommer- und Wintersonnenwende haben in Mitteleuropa eine jahrhundertealte Tradition.

Während der NS-Zeit wurden sie instrumentalisiert und als vermeintlich germanische Rituale verklärt. Das NS-Terror-Regime nutzte die Feiern zur Inszenierung der „Volksgemeinschaft“. Insbesondere die Hitlerjugend wurde in die Feiern eingebunden. Kinder und Jugendliche wurden so an die nationalsozialistische „Blut-und-Boden“-Ideologie herangeführt.

Dass die Sonnwendfeier im Wienerwald eher in letztere Richtung geht, wird mehr als deutlich. So schwadroniert ein junger Burschenschafter in seiner Rede über die Jahrtausende alte deutsche Kultur und das sogenannte „Sonnenrad“. Das Symbol gilt auch als Chiffre für die in Österreich verbotene Schwarze Sonne, ein in neonazistischen Kreisen verwendetes NS-Symbol. Der Mann arbeitet als parlamentarischer Mitarbeiter für einen FPÖ-Abgeordneten und ist bei der identitären Gruppe „Aktion 451“ bei Aktionen federführend beteiligt gewesen.

Nach Österreich pflegt die AfD und ihr Vorfeld einen guten Draht. Auch Reinhild Boßdorf dürfte an Austausch und der Festigung internationaler Strukturen gelegen sein. Reinhild Boßdorf selbst ließ mehrere Anfragen der taz zu ihrer Teilnahme an dem Fest bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Die von ehemaligen SS-Männern gegründete FPÖ feierte ihr 70-jähriges Bestehen am Samstag mit einem Festakt in der Wiener Hofburg

Anfang des Jahres bereits reiste eine AfD-Delegation, darunter auch der Spitzenkandidat der Partei in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, nach Salzburg und holte sich von der dortigen FPÖ Tipps zum Regieren ab.

Auch am vergangenen Wochenende tummelten sich Vertreter der extrem rechten Partei im österreichischen Nachbarland. Die FPÖ, in deren frühen Reihen auch ehemalige Nationalsozialisten und SS-Angehörige eine Rolle spielten, feierte ihr 70-jähriges Bestehen am Samstag mitsamt „Volksfest“ am Stephansplatz und einem Festakt in der Wiener Hofburg. Zu den geladenen Gästen gehörten neben dem Niederländer Geert Wilders und Ungarns Ex-Ministerpräsident Viktor Orbán auch die AfD-Bundesspitze, Alice Weidel und Tino Chrupalla.

Die stattliche Wiener Hofburg liegt mitten im Zentrum der Stadt. Vom Balkon aus hatte Adolf Hitler 1938 unter Jubel den „Anschluss“ an das Deutsche Reich verkündet. Heute kommen hier jährlich im Frühjahr beim sogenannten Wiener Akademikerball Burschenschafter aus der FPÖ und AfD mit Akteuren aus dem sogenannten Vorfeld zusammen, insbesondere der Identitären Bewegung.

Rund 180 Kilometer von Wien entfernt sorgte am Wochenende der nordrhein-westfälische AfD-Politiker Matthias Helferich, der sich selbst einst als „freundliches Gesicht des NS“ bezeichnet hatte, für Aufmerksamkeit. Als Festredner war er zum dreitägigen Stiftungsfest der deutschnationalen Burschenschaft Leder in Leoben eingeladen, das mit dem Slogan „Deutsch, Furchtlos, Treu“ beworben wurde.

Teilnehmende trugen Kornblumen auf ihren Kappen, in den 1930er Jahren ein Erkennungszeichen der Nationalsozialisten. Augenzeugen berichteten der taz zudem von Hitlergrüßen einzelner Teilnehmer. Auch sollen laut der österreichischen Tageszeitung Der Standard Burschenschafter nach „Sieg Heil“-Rufen in einem Taxi den Fahrer mit Tritten und Schlägen verletzt haben.

Faszination für die FPÖ

Was macht das Nachbarland Österreich und die FPÖ so interessant für die AfD? Zwischen der deutschen und der österreichischen extremen Rechten bestehen schon lange Allianzen. Der Historiker Darius Muschiol von der Dokumentationsstelle Rechtsextremismus in Karlsruhe spricht im Gespräch mit der taz von einer „breiten Vernetzung“ nach '45, die „stark akademisch geprägt“ sei. Diese ließe sich bis in die 1950er Jahre sowie zum Südtirolterrorismus zurückverfolgen. Auch die Faszination für die FPÖ als etablierte rechte Kraft gebe es in der deutschen extremen Rechten schon seit Jahrzehnten.

Diese Faszination zeigte sich an diesem Samstag auch bei der AfD-Spitze. Weidel überschüttete die FPÖ in ihrer Festrede in der Hofburg mit Lob. Die Arbeit der FPÖ sei für die AfD ein „leuchtendes Vorbild“, „Inspiration und Ansporn“, so Weidel.

Dass das so ist, verwundert kaum. Die FPÖ ist in fünf von neun Bundesländern Teil der Landesregierungen. Zudem stellt die Partei den aktuellen Nationalratspräsidenten, Walter Rosenkranz, der Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft Libertas in Wien ist, deren Umfeld wegen NS-Bezügen wiederholt in der Kritik stand. Auch der designierte Parlamentsdirektor ist Mitglied dieser Burschenschaft, die mit dem Slogan „Deutsches Herz und freier Sinn“ wirbt.

Burschenschaften sind in der FPÖ schon seit Jahrzehnten stark verankert. Laut dem Rechtsextremismusforscher Bernhard Weidinger gehörte über die Geschichte der Partei hinweg rund jeder dritte „Freiheitliche“ in gehobenen Partei- und Staatsämtern einer völkischen Studentenverbindung an.

Und auf noch etwas dürfte die AfD mit einem gewissen Neid schielen: In Österreich ist Brandmauer quasi ein Fremdwort. Auch die einstige Trennung zwischen der FPÖ und der Identitären Bewegung hat sich in ein symbiotisches Verhältnis verwandelt.

In Deutschland haben sich die Grenzen zwischen der AfD und ihrem rechtsextremen Vorfeld ebenfalls weiter verschoben. Partei und Vorfeld wirken heute enger verzahnt denn je. So strebt der Bundesvorsitzende der AfD-Jugend, Jean-Pascal Hohm, beim Bundesparteitag in Erfurt am 4. und 5. Juli einen Sitz im Bundesvorstand an. Nur rund eine Woche später will er bei Götz Kubitschek in Schnellroda gemeinsam mit dem selbsternannten Bundessprecher der Identitären Bewegung über „Arbeitsteilung“ diskutieren. Reaktionen aus der Partei dazu bleiben bislang aus.

Bei der völkischen Zeremonie im Wienerwald hallt ein Feuerspruch in den sommerlichen Nachthimmel: „Deutschland soll frei, Deutschland soll ewig sein“. Das knüpft nahtlos an die Ideologie der Nazis an. Die Phrase vom „ewigen Deutschland“ fand sich auch in der NS-Propaganda. Als die Kerzen auf der Lichtung erlöschen, bleibt vor allem eines sichtbar: wie eng Burschenschaften, Identitäre, FPÖ und AfD-nahes Milieu vernetzt sind. Und wie selbstverständlich völkische Ideologie und NS-Kontinuitäten in diesen Kreisen gepflegt werden.

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