Verknallt in der S-Bahn: Die Gesichtshälfte eines Fremden

In den letzten Wochen ist viel passiert, das mindestens schlechte Laune macht. Die beste Ablenkung davon ist ein S-Bahn-Schwarm.

eine S-Bahn fährt durch einen Tunnel

Berühmte Hitchcock-Metapher mit Berliner S-Bahn Foto: Karsten Thielker

Seit ein paar Tagen habe ich einen S-Bahn-Schwarm. Laut meiner Mutter ist das ein bisschen peinlich, weil ich schon 31 bin, aber ich gehe auch noch auf Pyjamapartys und rede mit Fremden auf Twitter über meine Periode. Mir ist offenbar nicht so viel peinlich.

Zurück zu meinem S-Bahn-Schwarm: In den letzten Wochen ist ja sehr viel passiert, das mindestens schlechte Laune machen kann und einen in den meisten Fällen zur Verzweiflung treibt. Und da ist jede Ablenkung recht. Und S-Bahn-Bae – wie ich ihn nenne – ist die beste Ablenkung.

Normalerweise stehe ich auf den letzten Drücker auf, schminke mich in der Tram, nehme immer die letzte S-Bahn, sodass ich gerade so pünktlich ins Büro komme für meinen ersten Termin. Einige nennen es unverantwortlich, ich nenne es Leben am Limit, no risk, no fun etc. Wenn wir ehrlich sind, ist das der letzte Nervenkitzel, der uns sogenannten young professionals bleibt.

Als ich neulich in die S-Bahn rannte und mich nach einem freien Platz umschaute, erblickte ich meinen S-Bahn-Schwarm. Es war wie im Disney-Film, außer dass ich meine Maske komisch trug, meine Brille sofort beschlug und meine Augenbrauen asymmetrisch waren. Ich verfluchte mich. Für meine beschlagene Brille konnte ich nichts, aber meine merkwürdige Augenbrauenform lag daran, dass ich mal wieder spät aufgestanden war.

Die gute Augenbraue in den Fokus

Ich versuchte mich so zu positionieren, dass S-Bahn-Bae meine gute Augenbraue sah (die linke), und tippte hoch konzentriert eine wilde, sinnlose Buchstabenfolge in meine Notizen-App, damit ich sehr busy aussähe. 20 Minuten später kam ich an meiner Haltestelle an, und er stieg MIT MIR aus. Damit hatte ich natürlich nicht gerechnet, und für eine Milli­sekunde kam es mir vor, als hätte ich das Laufen verlernt. Anna, konzentrier dich bitte!, ermahnte ich mich. Meine Mutter rief an, und ich erzählte ihr auf Kinyarwanda sofort, was da gerade in Echtzeit passierte. Ich hoffe sehr, dass S-Bahn-Bae nicht auch zufällig aus Ruanda kommt und das Gespräch verstanden hat.

Jedenfalls liefen wir die Treppen gemeinsam runter, und ich konzentrierte mich auf meine sehr unsportliche Atmung und, wie oben erwähnt, aufs Laufen.

Unten angekommen, ging er links ab und ich rechts. Ich schaute ihm hinterher, er mir leider nicht. Den ganzen Tag dachte ich an S-Bahn-Bae, und am nächsten Morgen stand ich früher auf, gab mir Mühe mit meinen Augenbrauen, schminkte sogar meine untere Gesichtshälfte und zog meine beste Maske an.

Am Bahnsteig stand schon S-Bahn-Bae, lächelte mich mit seinen Augen an und nickte. Ich rastete innerlich aus und stieg vor lauter Nervosität in einen anderen Waggon. Fast hätte ich meine Station verpasst. Wenn mir jemand letztes Jahr gesagt hätte, dass ich mich mal in die obere Gesichtshälfte eines Fremden aus der S-Bahn verknallen würde, hätte ich gelacht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Journalistin, Speakerin und freie Kreative. Kolumne: "Bei aller Liebe". Foto: Pako Quijada

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben