Rassistische Stereotype beim Hautarzt: Ist das ein medizinischer Begriff?
Es gibt Orte, an denen man das eine erwartet, am Ende aber das Unerwartete eintritt. Beispielsweise Gespräche über Stereotype beim Hautarzt.
I ch war neulich beim Hautarzt, weil ich ein schmerzhaftes Neurinom untersuchen lassen wollte. Irgendwann wurde mein Name aufgerufen. Der Arzt erkundigte sich höflich, ob er meinen Namen richtig ausgesprochen hätte. Hatte er, nur leicht anders betont. Nicht weiter schlimm, dachte ich. Er hatte sich schließlich Mühe gegeben und sogar gefragt.
Ich saß also mit Mundschutz im Behandlungszimmer und erklärte ihm, warum ich da wäre. Ich wollte unbedingt, dass dieses schmerzhafte Geschwulst entfernt würde. Er klärte mich über Narbenbildung auf, aber ich hörte nur halb zu, da mein Entschluss eh schon gefasst war. Ich weiß, nicht superschlau. Jedenfalls wurde ich schlagartig hellhörig, als er mich von oben bis unten anschaute und sagte: „Bei Ihrem“, merkwürdige Pause, „wunderschönen ebenholzfarbenen Teint kann die Narbenbildung ganz anders verlaufen.“ Ich erschrak, weil ich noch nie das Wort ebenholzfarben im Zusammenhang mit meiner Hautfarbe gehört hatte. Also außer in Songs und auf Pornhub. Und erst recht nicht beim Hautarzt. Ist das der medizinische Begriff?
Ich sagte nichts, machte nur gedanklich eine Grimasse und erinnerte mich selbst daran, wie schwer es ist, einen Hautarzttermin zu bekommen. Dank Mundschutz hatte er meine Irritation kaum mitbekommen und redete enthusiastisch weiter: „Keloide treten an bestimmten Körperstellen häufiger auf.“ Er klopfte sich dabei links und rechts oberhalb der Brust und dann hinten auf die Schultern. Es sah ein wenig aus wie ein witziger Macarenatanz. Ich hatte den Ebenholzkommentar schon fast vergessen. Er sprach weiter: „Na ja, und es gibt bestimmte Bevölkerungsgruppen, bei denen sie häufiger auftauchen. Und dreimal dürfen Sie raten, bei wem? Richtig bei den Schwatten.“
Ich stutzte. Das letzte Mal hatte jemand Schwatte zu mir gesagt, als ich in einer Kneipe namens Bierdoktor arbeitete. Dort wurde aber auch mal der Türsteher mit einem Messer attackiert. Der Bierdoktor ist kein guter Maßstab.
Nichts wie es scheint
Ich schaut ihn an und sagte ihm, dass ich mich mit dem Begriff nicht wohlfühlte und er mich (und andere Schwarze) bitte nicht so nennen sollte. Er unterbrach mich: „Also, wenn Sie mich kennen würden, dann wüssten Sie: Ich bin kein Rassist.“ Ich entgegnete ihm, dass ich ihn ja gar nicht als Rassisten bezeichnete hätte. Es folgten Beispiele, die mich davon überzeugen sollten, dass er nicht rassistisch wäre.
Als er nach und nach aus der defensiven Haltung kam, entstand ein Gespräch. Ich hatte das Gefühl, dass er zuhörte, einiges verstand und sogar sein Verhalten reflektierte. Zum Ende hin sagt er wie aus dem Nichts: „Spielen Sie Basketball?“ Ich war kurz davor auszurasten, weil ich nicht verstand, warum er jetzt noch ein Stereotyp auspackte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann sah ich, dass sein Blick an meinem T-Shirt hing. Ich schaute hinunter, und mir fiel auf, dass ich ein Chicago-Bulls-T-Shirt trug. Na ja, manchmal ist alles nicht so, wie es scheint. Ich werde morgen von ihm operiert.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert