Urlaub im Van: Camping mit und ohne Currywurst

Von der Schwierigkeit, rückwärts mit einem Campingwagen einzuparken und veganen Burgern. Urlaub in Deutschland.

Ein Wohnmobil am Meer

So ein Gefährt ist im Vergleich zu einem Fahrrad oder einem Car2Go nicht gerade bequem zu lenken Foto: Christa Eder/imago-images

Die Minderjährige, die zu meiner Infektionsgemeinschaft gehört, hält mich für eine schlechte Autofahrerin. Sie hatte schon Bedenken, als wir das Wohnmobil von der Vermieterin abholten. Kaum waren wir losgefahren – ohne Schwierigkeiten, wie ich betonen möchte –, da rief sie schon ihren Onkel an, um kundzutun, dass sie mit allem rechne. Natürlich ist so ein Gefährt im Vergleich zu einem Fahrrad mit zwei Gepäcktaschen oder einem Car2Go nicht gerade bequem zu lenken.

Doch ich fand mich erstaunlich zufriedenstellend. Nach einer Weile war ich von meinen Fahrkünsten schon aus feministischen Gründen so überzeugt wie Annalena Baerbock von ihrer Kanzlerinnentauglichkeit. Die Minderjährige, die zu meiner Infektionsgemeinschaft gehört, hält mich für eine schlechte Autofahrerin.

Wie ein Profi lenkte ich das große Ding bis zu einem idyllischen Campingplatz an einem See. Ein von einer Hainbuchenhecke umrandeter Stellplatz wurde zugewiesen, in den man glücklicherweise vorwärts hineinfahren konnte. Leider aber reichte die Verlängerungsschnur für den Stromanschluss nicht.

Die Minderjährige klagte bereits über einen akuten Notfall: nur noch fünf Prozent Akku! In Erwachsenensprache bedeutet es, dass eine ernste Krise heraufzieht und die sieben Urlaubstage, die die Minderjährige freundlicherweise mit mir zu verbringen bereit ist, atmosphärisch stark gefährdet sind. Zunächst einmal kann eine Powerbank Schlimmeres verhindern. Nun heißt es – um mit es Annalena Baerbocks Worten auszudrücken –, vorausschauend zu handeln und nicht immer nur auf Sicht zu fahren.

Ich denke daran, wie Robert Habeck seine Rolle als Machtmensch Peachum in einer Schü­le­r*in­nen­auf­füh­rung der „Dreigroschenoper“ zu retten versuchte. Er überzeugte sich einfach selbst, er könne singen, und sang los. Ich tat es ihm nach. Rückwärts einzuparken kann ja auch bei dieser Größe nicht so schwer sein.

Ich habe schließlich vor dem journalistischen Einsatz in Kriegsgebieten Survivalkurse besucht, bei denen man einen großen Jeep einen extrem steilen Hang aus rutschigem Matsch hinunter bekommen musste – im ersten Gang und ohne zu bremsen. Jetzt also auch: erster Gang, ohne zu bremsen. Leider. Die Hecke stellte sich als recht widerstandsfähig heraus. Rückwärts raus aus der Hecke war noch schlimmer. Ich wäre gern auf Sicht gefahren, aber es ging ja nicht.

Ich besah mir die fetten Kratzer und eine recht lange Eindellung. Auf diese Weise habe ich ganz ähnlich wie die grüne Kanzlerkandidatin recht schmerzhaft lernen müssen, dass die Überzeugung, etwas zu können, nicht immer ausreicht und etwas mehr Erfahrung schon ganz hilfreich gewesen wäre. Aber meine eigenen Fehler ärgern mich natürlich selbst am meisten. Ich muss unbedingt daran denken, in meinem Lebenslauf unter „besondere Kenntnisse“ das „Autofahren cum laude“ zu streichen.

Ich wünsche mir übrigens einen Ottmar von Holtz in meinem Leben. Der Mann ist grüner Bundestagsabgeordneter aus Hildesheim und behauptete genau dort diese Woche: Baerbock habe ein so breites Fachwissen, dass, wenn sie erst einmal Kanzlerin sei, kein Minister und keine Ministerin ihr das Wasser werde reichen können. Genau mein Humor! Ich würde gern mit diesem Herrn eine Wanderung durch Biesenthal und das Oderbruch machen, oder auch gern umgekehrt. Ich bin da flexibel.

Doch nicht alle hatten diese Woche Zeit für lustige Bemerkungen. Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD, auch wenn man das manchmal vergisst) reicht sein Engagement für den lupenreinen Demokraten Wladimir Putin nicht mehr aus. Er hat seine Lebensaufgabe ausgeweitet – auf die Rettung der Currywurst, den „Kraftriegel des Facharbeiters“.

Die Arbeiterkultur ist dem Untergang geweiht, sollte es nicht gelingen, denn eine von 30 VW-Kantinen hat auf vegane Currywurst umgestellt. Vegan! Currywurst! Schröder soll nachts an den VW-Werkstoren gerüttelt und „Ich will hier rein!“ gerufen haben. Wahrscheinlich wollte er eigenhändig die Currywurst mit Darm zurück in die Kantine bringen. Ein solches Engagement gibt es in der heutigen SPD ja gar nicht mehr. Klettert Kanzlerkandidat Olaf Scholz etwa auf die Barrikaden?

Oder die beiden SPD-Parteivorsitzenden, wie heißen sie noch gleich? Kann die Currywurst bei VW nicht gerettet werden, so kann ich Schröder persönlich versichern, dass sie auf jeden Fall auf dem Campingplatz überleben wird, als Kraftriegel des Wohnwagenbesitzers. Die Nut­ze­r*in­nen von Wohnmobilen hingegen scheinen eher dem Grillkäse zugeneigt, wie mein repräsentatives Spähen über die Hecke ergeben hat.

Die Minderjährige will übrigens auch kein Fleisch mehr essen. Es sei denn, es kommt in Form eines Burgers daher, der zählt nicht als Fleisch. Ein Stopp bei McDonald’s ist deshalb unvermeidbar. Leider sehr schwierige Parkverhältnisse. Beim Zurücksetzen stand ein total unauffälliger Zaun im Weg. Es war wirklich nicht meine Schuld.

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Kommentatorin & Kolumnistin, Themen: Grüne, Ampel, Feminismus, Energiewende, Außenpolitik

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