Leben im Wohnwagen: Yes, we van

Mobiles Leben ist einfach, selbstbestimmt und aufregend. So sieht es für all die Daheimgeblieben via Instagram und Co. jedenfalls aus.

Auf der linken Seite des Bildes sieht man ein Wohnmobil, rechts davon liegen zwei Menschen auf Liegematten und dazugehörigen Fußlehnen auf dem Gras. Im Hintergrund steht ein Baum und eine Hecke. Hinter der Hecke steht ein weiteres Wohnmobil.

Langzeitreisende sind überwiegend RentnerInnen, Jüngere reisen kürzer Foto: Gerhard Westrich/laif

Wenn man bei Instagram nach dem Hashtag #vanlife sucht, finden sich vor allem Autos. Keine klobigen weißen Mobile alten Schlags, sondern bunt lackierte Bullis, selbst ausgebaute Sprinter oder aufwendig umgebaute Feuerwehrautos. Bei 20.000 Euro Kaufpreis geht es los, Ausbaukosten von vielen Tausend Euro kommen drauf; die trendigen Expeditionsmobile liegen bei mindestens 100.000 Euro, nach oben offen.

Junge, schöne Menschen, Laptops, Interieur von hippen Flohmärkten. So fotografiert, als gäbe es Städte gar nicht, nur das Auto und die Welt. Wellen, Wiesen, Weiten. Während der Pandemie nahm der Camping-Hype weiter Fahrt auf.

Mit dem eigentlich sozialkritischen Oscarpreisträger Nomadland wurde das Vanlife weiter romantisiert und auch Texte darüber boomen. Allerdings schauen sie selten über das Instagram-Milieu hinaus. In Wahrheit ist das Leben im Wagen so vielfältig wie die Gesellschaft. Es erzählt vom Wandel der Welt und des Tourismus.

Ich lebe, muss ich hier vielleicht erwähnen, im Wagen, in einem alten umgebauten Militär-LKW. Gekauft vor einigen Jahren, als es so was noch für vierstellig gab, heute unvorstellbar. Wir sind eher in Käffern als auf Küstenstraßen unterwegs, in Orten, wo man an Fabriken steht, nicht auf Felsklippen, wo man auf Menschen trifft, nicht Wellen. Andererseits, wer kann sich vom Zeitgeist und von Klippen lossagen? Ich nicht. Vanlife ist Zeitgeist, irgendwie.

Artikel aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien erzählen ähnliche Geschichten wie in Deutschland: Von jungen, gebildeten Paaren, die in den selbst ausgebauten Wagen ziehen, für immer. Durch die permanente Berichterstattung scheint diese Gruppe viel größer, als sie vermutlich ist.

Reisen muss man sich leisten können

Meine subjektive Beobachtung ist: Für viele ist es ein Lebensstil auf Zeit. Im Sabbatical, in Elternzeit, auf Urlaub gemietet oder auf ein, zwei Jahre begrenzt. Für immer zu anstrengend, trotz Digitalisierung zu schwierig mit einem Beruf vereinbar, und zumindest in Deutschland steht auch die Schulpflicht im Wege.

Man begegnet unter den Langzeitreisenden überwiegend RentnerInnen im luxuriösen Camper. Weiß und wohlhabend. Und dann sind da viele Gruppen, an die gar niemand denkt, weil schon das Wort Vanlife für sie falsch klingt: Menschen mit sehr schmalem Budget, die nur dann reisen, wenn alle anderen es nicht tun und den Rest der Zeit auf einer zurückgezogenen Stelle leben. Der Camper als sparsame Alternative zur Wohnung.

Oder solche, die tatsächlich rein aus finanzieller Not in den Caravan ziehen, auch in Deutschland. Und sich dagegen wehren müssen, vertrieben zu werden. Das Leben auf Rädern pflegen Teile europäischer Minderheiten, die traditionell nomadisch lebten, immer noch. Menschen in Wagenburgen tun es, Zirkusse, reisende KünstlerInnen, AussteigerInnen. Von KapitalismuskritikerInnen bis zu verstrahlten Esos. Und solche, die nach Durchschnittsbürgerin klingen und nach einem Leben harter Arbeit einfach nichts mehr tun wollen außer in Portugal am Meer sitzen.

Ein heterogenes Abbild der Gesellschaft. Leben im Wagen ist prinzipiell niedrigschwellig. Wohlstand bemisst sich hier erstens daran, wie das Auto aussieht. Und zweitens an der Distanz, die man zurücklegt. In einem Wagen leben kann man fast immer. Reisen muss man sich leisten können.

Dass diese Gruppen so wenig gemeinsam haben, macht die Bewegung noch interessanter. Seit Jahren zählt der Caravaning Industrie Verband (CIVD) Rekorde an Fahrzeugzulassungen. Im März 2021 wurden insgesamt rund 13.920 Caravans und Reisemobile in Deutschland neu zugelassen; das entspricht fast einem Viertel der Gesamtzahlen 2017. Damals war das wiederum ein historisches Rekordjahr. Trotz Pandemie wuchs die Branche um sechs Prozent.

Arbeit und Freizeit sind völlig verschränkt

Was erzählt dieser Trend? In seiner kommerziellen Form ist er wohl ein Marketingmärchen, ein Boykott des Kapitalismus durch Kapitalismus. InfluencerInnen, aber auch Menschen, die zurückhaltender sind, müssen die Reise finanzieren, also sind Arbeit und Freizeit völlig verschränkt; technologischer Fortschritt hat Freiheit ermöglicht und sorgt zugleich für die Entgrenzung der Arbeit.

Ausgestiegen und doch voll berufstätig, hedonistisch und konventionell erfolgreich, Tempo und Entschleunigung zugleich. Man kann nicht fort. Nur an Orte, wo die Kulisse schöner aussieht. Zugleich steckt in vielen, die sich zumindest teilweise freiwillig in den Wagen begeben, auch ein rebellischer Geist, eine Systemkritik. Sie ist nicht zwingend eloquent ausgedrückt, sie klingt vielleicht so: Gegen Hamsterrad und Gier. Für ein einfaches Leben, im Einklang mit der Natur, Glück im Weniger. Mehr Zeit, weniger Stress.

Das ist eine alte Geschichte, die im Leistungszeitalter drängender wird. Die Abkehr erfordert Mut und Reflexion. Es ist zugleich keine Revolution, nicht mal ein unbequemer Protest, denn man tritt den Rückzug zum Selbst an; eine Kultur, die von den Entwicklungen seit den 1970er Jahren und den Hippies spiegelt.

Und natürlich verändert sie auch die Welt des Reisens. Eine Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu) von 2020 berechnete möglichst umfassend die Klimabilanz verschiedener CamperInnen. Sie bestätigte, was schon die Intuition sagt: dass Camping in Bezug auf die Klimabilanz die deutlich ökologischere Alternative zum Massentourismus ist. Kreuzfahrt oder Flug schlägt sie vernichtend.

Umweltverschmutzung aus Unwissenheit

Allerdings ist das Mobil auch nicht so grün, wie manche meinen mögen. Sogar der Urlaub mit dem PKW im Hotel schneidet oft besser ab. Das liegt vor allem am hohen Spritverbrauch vieler CamperInnen auf langen Strecken. Je länger die Anreise, desto ungünstiger. Und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) beklagte noch im April alarmierende Abgaswerte bei Wohnmobilen. Der PKW in Kombination mit Camping-/Zeltplatz und erst recht die Anreise mit ÖPNV sind bessere Varianten für die, denen es wichtig ist.

Dann sind da natürlich die Überreste. Einige Campingländer wie Frankreich agieren sehr nachhaltig: im ganzen Land bieten Stationen, die sich per App anzeigen lassen, kostenlose oder sehr günstige Entsorgung von Grauwasser, Toiletteninhalten und Abfall an. Anderswo, erst recht fernab touristischer Gebiete, ist das nicht der Fall. Es fehlen auch öffentliche Müllcontainer oder Optionen, den Abwassertank zu leeren.

Websites zeigen auf, wie man durch biologisch abbaubares Shampoo oder Spülmittel, eine zweite Toilettenkassette oder im Notfall zumindest Abstand zu Gewässern bei der Wasser­entsorgung Schäden an Tier und Umwelt minimiert. Aber die Infos holen sich nicht alle, die unterwegs sind. Oft schlicht aus Unwissenheit. Auch das schafft Probleme. Eine verpflichtende Infoveranstaltung zumindest bei Neuerwerb eines Reisemobils oder eine Art Campingschein, ähnlich dem Angelschein, könnten helfen, präventiv zu bilden.

Dafür ist der Ressourcenverbrauch im Auto selbst gering. Wer Wasser mühsam nachfüllen muss, merkt, wie wenig davon zum Kochen oder Waschen eigentlich nötig ist. Wer gezielt für zwei Gerichte kauft, weil es keine Kühlmöglichkeit gibt, verschwendet kaum etwas. Shopping ist unnütz, weil der Platz ohnehin minimal ist. Und es gibt keinen Anlass, Krempel zu horten. Das übersehen die JournalistInnen, die zufrieden feststellen, dass das Leben im Wagen ja auch ökologische Schwächen habe. Natürlich hat es das, wie fast alles.

Die Gentrifizierung des Nomadentums

Und an den Küsten zeigt es längst Symptome des Overtourism. In vielen Mittelmeerorten gibt es mittlerweile No-Camping-Schilder und Schranken vor Parkplätzen. In Großbritannien, heißt es, würden ökonomisch schwache Gruppen wie Roma dabei von ihren Plätzen verdrängt. Die Gentrifizierung des Nomadentums. Es ist das ewige Paradox des Tourismus: die Eroberung neuer Gebiete, ihre Gleichmachung und das anschließende Naserümpfen über Orte, die ihren Charakter verloren haben.

Zugleich hat all das Wachstumsgrenzen. Es gibt, wie zu jedem Trend, die Geläuterten, die erzählen, wie schrecklich es sei, im Auto zu leben. Fehlender Komfort auf begrenztem Raum, wenige und hart umkämpfte Online-Jobs oder, dass es doch nicht so romantisch war, als Paar ständig aufeinander zu hängen.

Die Einstiegskosten sind hoch, auch, wenn das anschließende Leben mit wenigen hundert Euro im Monat lächerlich günstig sein kann. Gravierend ist auch der persönliche Verzicht: fast jedes Hobby ist mit einem festen Ort verbunden. Freundschaften lassen sich über Distanz schwerer pflegen, weil gemeinsame Erlebnisse fehlen.

Es ist eine wunderbare Art zu leben, aber kein Wunderland.

Alina Schwermer schreibt auf www.nosunsets.de Geschichten über die Menschen, denen sie vor Ort begegnet, und deren Sicht aufs Leben

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben