Upcycling von Gummidinosauriern

An einer Wand vor unserer Zeit

Unsere Autorin hatte als Kind keine Dinophase. Deshalb holt sie die nun nach und findet eine neue Verwendung für Gummidinos

Gold angemalte Dinosaurierköpfe an einem Holzbrett befestigt, an einem hängt ein Schlüssel

Die Evolution ist vielleicht doch eine Sackgasse: Dinos im Garderobeneinsatz Foto: Christina Spitzmüller

Der letzte Mann, dem ich sehr gern und sehr aufmerksam bei den Ausführungen eines Themas zugehört habe, das mich eigentlich gar nicht interessiert, war vier Jahre alt. Als ich seine Mutter besuchte, kam er angerannt und wollte mir dringend etwas zeigen: seine Spielzeugdinos. Jeden einzelnen nahm er aus dem Korb und sagte mit leuchtenden Augen und sich vor Aufregung überschlagender Stimme Namen und Eigenschaften der Tiere auf: Diplodocus, Stegosaurus, Brachiosaurus, Tyrannosaurus natürlich und noch viele andere -usse. Auch ob sie Carnivore (Fleischfresser) oder Herbivore (Pflanzenfresser) sind, wusste er.

Der Vierjährige möchte gern Dinoforscher werden, wenn er groß ist – Paläontologe, um genauer zu sein. Eine Wissenschaft, die sich unter anderem mit lang ausgestorbenen Tieren beschäftigt. Und manchmal, wenn ihm einfällt, dass Dinosaurier schon sehr, sehr lang ausgestorben sind und er ihnen niemals begegnen kann, wird der Vierjährige ziemlich traurig, erzählt seine Mutter.

Ich bin nachhaltig beeindruckt von diesem Kind. So viel Detailwissen, so viele Fremdwörter, so eine Begeisterung. Und ich lasse mich mitreißen – stelle Fragen, lausche noch mehr Erklärungen, will wissen, was dieser Knubbel am Schwanz des einen Dinos kann oder warum der andere ­einen ­Schirm hinter dem Kopf trägt.

Viele Kinder haben Dinophasen, lasse ich mir sagen – von Menschen, die schon über ihre Dinophase hinausgewachsen sind. Ich selbst habe sie ausgelassen. Auch meine Geschwister hatten nie Spielzeugdinos. Also hole ich das nach.

Zuerst besuche ich Tristan Otto. Das ist ein Tyrannosaurus Rex, der als Dauerleihgabe im Berliner Naturkundemuseum steht. Aber sein Skelett löst keine Begeisterung in mir aus. Es ist dunkel in dem Raum, Tristan Otto ist irgendwie gar nicht so riesig und beeindruckend wie gedacht, und außerdem sind die Selfie-Plätze belegt. Immerhin erfahre ich, dass Tristan Otto nach den Söhnen seiner Besitzer benannt ist. Vielleicht sind sie auch gerade in ihrer Dinophase.

Das seltsame Paarungsverhalten der Dinos

Viel besser finde ich die namenlosen Dinosaurier im Naturkundemuseum. Zwei sind wirklich riesig, und ein anderer hat einen lustigen Kopf. Ein Entenschnabeldinosaurier, klärt mich der Vierjährige per Ferndiagnose mit Fotos auf. Auf den Hinweisschildern im Museum lerne ich, dass auch schon vor Millionen von Jahren einige Männchen ein seltsames Paarungsverhalten an den Tag legten. Stacheln sollten möglicherweise der Damenwelt imponieren oder auch Konkurrenten bedrohen. Aha.

Mehrere Gummidinos stehen auf einem Dielenboden

Na, kennt ihr alle Namen? Foto: Christina Spitzmüller

Eigentlich sehen sie ja eher putzig aus, die Dinos – vor allem die, die nur auf den Hinterbeinen gehen und kurze Ärmchen haben, mit denen sie im Prinzip nichts machen können. Weil ich aber zu faul bin, im Museum all die anderen Erklärungen zu lesen, schaue ich mir zu Hause eine Doku an. Auf Empfehlung des Vierjährigen eine von Pixi – ja, die kleinen quadratischen Bücher gibt’s jetzt auch als Erklärvideos. Schöner Zeichentrick, ich erfahre in zwölf Minuten, was Dinos alles so konnten und auch die unschönen Dinge: Die haben sich gegenseitig gefressen! Pixi begeistert mich mehr als die aufwendige Terra-X-Doku, die ich danach ansehe. Sie dauert viel zu lang, ich steige ziemlich schnell aus.

Vielleicht lieber ein Spielfilm? Schließlich wäre eine Dinophase ohne Jurassic Park keine echte Dinophase. Die Genres, unter denen der Film gelistet wird, schrecken mich aber erst mal ab: Science-Fiction, Action, Thriller. Egal, ich versuche das, an einem verregneten Tag.

Nach gefühlt der Hälfte des Films habe ich gerade mal drei Dinos gezählt. Da hätte ich mehr erwartet. Die Story bis dahin ist auch, na ja, vielleicht mittel? Und vor allem irreführend. DNA hält sich nicht in Fossilien, auch nicht, wenn Blut eingeschlossen ist, ergibt eine 30-sekündige Onlinerecherche. Aber okay, 1993 gab es eben noch kein Google.

Als endlich viele Dinos gezeigt werden, bin ich besänftigt. Aber warum bitte gewinnen am Ende die Menschen trotz ihrer Überheblichkeit, des Gott-spielen-Wollens und ihrer Dummheit? Ich will, dass die Dinos die Menschen auffressen und die Erde regieren! Nicht möglich im Jurassic-Park-Universum. Deshalb spare ich mir die anderen vier Teile.

Der Dino-Soundtrack kommt von Johnny Cash

Stattdessen mache ich das, was ich gut kann. Ich baue mir eine Garderobe aus ein paar Gummidinos, die Freunde wegschmeißen wollten – mit passendem Soundtrack zum Basteln. Dinolieder sind kein Problem für YouTube, ich könnte stundenlang welche hören. Allerdings nur Kinderdinolieder, und das ertrage ich nicht allzu lange. Nach etwas Suchen finde ich den Dinosaur Song von Johnny Cash. Der ist zwar auch für Kinder, aber eben auch von Johnny Cash.

Überhaupt ist der Hype stark auf Kinder ausgelegt. Für sie gibt es sehr coole Klamotten (Hoodies mit Dinozähnen an der Kapuze!), Erklärbücher, Erzählbücher, sogar Mädchenbücher ohne Rosa, es gibt CDs, Ausstellungen, Kuscheltiere natürlich, Spiele, einfach alles. Doch Kinderspielzeug und ein Vierjähriger als einziger spannender Gesprächspartner, sonst nur Nostalgie, das reicht auf Dauer nicht für mich.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Warum hört diese Dinobegeisterung eigentlich irgendwann auf? Ich würde gerne mal bei einem Date ein begeistertes Gegenüber mit mehr als vier Lebensjahren erleben, das mir von der eigenen Dinosammlung erzählt, von all den Dingen, die diese Tiere konnten. Spannender, als über die Arbeit zu plaudern, wäre das allemal.

Anleitung

1. Für eine Garderobe braucht es ein Holzbrett und einige halbe Spielzeug-Gummi-Dinosaurier zum Draufschrauben. Die Anzahl richtet sich nach der Länge des Holzes, etwa zehn Zentimeter Platz sollte jeweils zwischen den Dinosauriern liegen.

2. Mit einer Säge oder einem scharfen Messer die Gummidinos in der Mitte durchschneiden. Die Kanten sollten möglichst glatt und gerade sein.

3. Sind die Dinos innen hohl, müssen sie gefüllt werden – am besten mit Gips oder (fertiger) Spachtelmasse. Den Gips anrühren, in einen Gefrierbeutel füllen, eine Ecke abschneiden und in die Dinohälften füllen. Trocknen lassen.

Ein blauer Gummidino wird mit einer Laubsäge geteilt

Jetzt wissen wir auch, warum die Dinosaurier ausgestorben sind Foto: Christina Spitzmüller

4. Wenn gewünscht, die Dinohälften mit Farbe ansprühen und gut trocknen lassen – am besten über Nacht. Es kann sein, dass die Farbe nicht richtig trocknet, weil sie mit dem Gummi reagiert. Dann mit ein bis zwei Schichten Acryllack versiegeln und wieder über Nacht trocknen lassen. Auch das Holz bei Bedarf lackieren und über Nacht trocknen lassen.

5. Nun die Reihenfolge der Dinos festlegen und auf der Rückseite des Bretts ihre Umrisse anzeichnen. Jede Dinohälfte mit mindestens zwei Schrauben an dem Brett festschrauben. Am besten erledigt man diese Arbeit zu zweit: Eine Person drückt den Dino von oben auf das Brett, die zweite Person schraubt von unten mit dem Akkuschrauber. Damit man gut von oben und unten drankommt, das Brett am besten auf zwei Böcken (oder zur Not auf zwei stabilen Stühlen) lagern.

6. In die Ecken der Holzplatte Löcher bohren, um die Garderobe so an der Wand befestigen zu können.

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