Upcycling statt Wegwerfen: Ganz schön verpuzzelt

Was macht man mit einem Puzzle, wenn ein Teil fehlt? Man bastelt daraus ein Weihnachtsgeschenk, etwa eine Halskette. Eine Anleitung.

Ein Halskette aus Puzzleteilen.

Aus alt mach neu: Upcycling als Weihnachtsgeschenk Foto: Waltraud Schwab

Wieder Advent. Wieder Lockdown. Ob freiwillig, wie Steinmeier vorschlägt, oder per Verordnung, wie Vi­ro­lo­g*in­nen es fordern. Wieder die Kinder zu Hause. Wieder müssen Eltern alles sein: Erziehende, Ernährende, Beschützende, Unterrichtende, Spielgefährten, Krankenpflegende, Anlaufstelle gegen Langeweile, Weihnachtsengel. Die Aufgaben, die Eltern schultern müssen in den Hochphasen der Pandemie wie jetzt, sind immens. Und sie müssen das bewältigen ohne viel Unterstützung von außen.

Da mutet es herzzerreißend an, wenn hier ein Vorschlag zum Basteln steht. In der Hoffnung, dass alle, die sich von der Idee inspirieren lassen, die Zeit und den Stress vergessen. Und zwar soll etwas hergestellt werden aus Dingen, die zuhause herum liegen und die niemand mehr braucht: Puzzleteile, kaputte Perlenketten, Tand. „Aus Alt mach Neu“, sagte mein Vater; „schöner Müll“, sagt mein Kollege. „Recycling, upcycling“ sagen die Trendscouts. Fakt ist: Neues kaufen ist in der Pandemie jedenfalls auch kein Vergnügen.

In vielen Haushalten liegen Puzzles, bei denen ein paar Teile fehlen. Weggeworfen werden diese nicht, denn da ist die Hoffnung, dass sich die fehlenden Teile hinter Schränken, zwischen Sofapolstern oder unter Teppichen doch wieder finden. Sie tun es nicht. In den allermeisten Fällen zumindest. Und wenn doch, wird nicht sofort das Puzzle ausfindig gemacht, zu dem sie gehören. Die Fundstücke wandern in irgendwelche Schubladen, und es wird vergessen, in welche. Einmal unvollständig, bleiben die Puzzle es meist. Die erste Frage also: Warum werden sie nicht in den Papiermüll getan? Und die zweite: Wenn sie nicht weggeworfen werden, was kann man noch damit machen?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die gleiche Geschichte wiederholt sich bei kaputten Halsketten, kein echter Schmuck, aber dennoch heiß geliebter. Als der Verschluss abriss, sprangen ein paar Perlen raus und verteilten sich zwischen Bodendielen und Ritzen. Werden sie nicht gefunden, verschwinden auch die kaputten Ketten in Schatullen in der Hoffnung, sie doch irgendwann wieder zu vervollständigen. Die Idee ist so charmant wie aussichtslos. Ich spreche aus Erfahrung.

Alter Tand liegt bei mir rum. Was es allerdings nicht gibt, sind Puzzles. Für die reichte meine Geduld nie. Bis jemand jedoch bereit war, mir ein altes Puzzle zu schenken, bedurfte es mehrerer Anläufe. Offenbar ist die Hoffnung auf Vervollständigung doch größer als die Vernunft. Am Ende erbarmte sich meine Schwester und schickte mir welche per Post, damit ich endlich etwas Neues aus ihnen machen kann: Puzzleketten, Körperdeko, selbst Baumschmuck für den Weihnachtsbaum ist möglich. Unikate eben. Jedes verwandelte Ursprungsding fördert den Eigen-Sinn.

Die Idee, aus Puzzleteilen und alten Perlenketten Schmuck und Deko zu machen, stammt gar nicht von mir, sondern von Witha Heussner. Sie lebt in Hartheim am Rhein, diesem Dorf, das laut Statistischem Landesamt der „Durchschnittsort“ von Baden-Württemberg ist und über das ich im Frühjahr schrieb. Heussner wohnt dort schon ein halbes Jahrhundert – als Künstlerin, Lebenskünstlerin, Vermittlerin auch. Vor ihrer Scheune steht ein Büchertisch, man nimmt und gibt – es ist die Bibliothek im Ort; in der Scheune wird wundersam Künstlerisches und Handwerkliches verkauft, auch Second-Hand-Dinge – es ist der dörfliche Geschenkeladen; ihr Garten aber ist ein Zentrum für Kunst und Kultur.

Eine Person bastelt eine Kette.

Basteln geht immer, vor allem in Coronazeiten zu Hause Foto: Waltraud Schwab

Heussner bietet den Kindern aus dem Dorf und der Umgebung mitunter Ferienkurse an. Immer wird dabei Altes zu Neuem. Jedes Jahr macht sie etwas anderes. Die Idee, Puzzleteile zu verwandeln, sei in all den Jahren allerdings der Hit gewesen. Am Ende hätten die Kinder mit ihren Halsketten, Armbändern, Fußbändern posiert, wie Models es tun, erzählt Heussner. Sie hätten ihre Hände mit dem Armschmuck, ihre Oberkörper mit dem Halsschmuck elegant in Szene gesetzt. Als wäre es etwas Überliefertes, sich zu zeigen, „als liege es im Blut“.

Heussners großer Wunsch jedenfalls, wenn Sie ihre Idee aufgreifen: dass Sie den Stress und die Pandemie vergessen, wenn Sie nach dem Schönen im Vergänglichen suchen. Probieren Sie es mit Ihren Kindern aus.

Und so funktioniert's:

1. Sie benötigen Puzzle­teile, Perlen, einen ­festen Faden und ­einen Ösenknopf, das ist so einer ohne Knopflöcher, aber mit einer Öse auf der Unterseite, durch die man den Faden ziehen kann. Der Knopf dient als Verschluss. Bei langen Ketten, die problemlos über den Kopf gezogen werden können, braucht man ihn nicht, da verknotet man die Fäden einfach.

2. Mit einer Ahle oder einer großen, dicken Nadel werden feine Löcher in die Puzzleteile gestochen. Das ist der Part, der die Mitarbeit von Eltern verlangt. Wer eine Lochzange hat, hat es einfacher.

3. Sie nehmen einen festen Faden, idea­ler­weise Leinenzwirn, in einer großzügigen Länge und machen am Ende eine Schlaufe, die groß genug für den Ösenknopf ist.

4. Danach fädeln Sie abwechselnd Perlen und Puzzleteile so auf die Schnur, wie es Ihnen gefällt.

5. Dann fixieren Sie den Knopf am F­aden und ­ziehen die abstehenden Restfäden ebenfalls durch die Puzzlestücke und Perlen, damit sie nicht mehr zu sehen sind.

6. Zum Schließen ziehen Sie nun einfach die Schlaufe, die Sie am Anfang gemacht haben, über den Knopf.

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