Untersuchungsberichte zum Fischsterben: Gift in der Oder
Polen und Deutschland legen eigene Berichte zum Fischsterben vor – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Das liegt auch an den Wahlen im Nachbarland.
Jetzt ist es offiziell: Die Goldalge Prymnesium parvum hat das massenhafte Fischsterben an der Oder im August ausgelöst. Zu diesem Ergebnis kommt sowohl der Bericht der polnischen als auch der deutschen Expertenkommission, die jeweils am Donnerstag und am Freitag getrennt vorgestellt wurden.
Die Blüte der Brackwasseralge erzeugt ein Toxin, das Atmungsorgane von Kiementieren schädigt. Millionen Fische, Muscheln, Schnecken sind qualvoll erstickt. Wie es aber zu der plötzlichen Algenblüte kommen konnte, ist weiter strittig. Die einzellige Mikroalge kommt eigentlich nur im Meer- oder Brackwasser vor, also dort, wo es einen hohen Salzgehalt gibt – nicht aber im Süßwasser der Oder.
249 Tonnen Fischkadaver wurden auf der polnischen Seite der Oder eingesammelt, auf deutscher Seite waren es über 100 Tonnen. „Das kann nur die Spitze des Eisbergs sein, denn nach dem Platzen der Schwimmblase trieben die meisten toten Fische unter Wasser Richtung Ostsee“, sagt Michael Tautenhahn, Vizeleiter des Nationalparks Unteres Odertal.
Fragt sich, wer verantwortlich ist für den Umweltskandal. Die polnische Oppositionspartei Bürgerkoalition hatte aufgedeckt, dass es 282 illegale Einleitungen von Abwasser in die Oder gab, darunter auch salzhaltiges aus dem Bergbau. Viele Bergbauunternehmen sind in Staatsbesitz, es ist Wahlkampf in Polen und ein Umweltskandal käme der regierenden Partei PiS ungelegen: Angler sind hier ein großes Wählerpotenzial.
Keine Auskunft, woher die hohe Salzfracht kommt
Der polnische Untersuchungsbericht spricht davon, dass die Wasserqualität der Oder schon in den vergangenen Jahren schlecht war und einen hohen Salzgehalt aufwies. Zudem hätten hohe Temperaturen im Sommer das Wachstum der Alge begünstigt. Woher die hohe Salzfracht kommt – dazu sagt der Bericht aber nichts.
„Salzeinleitungen sind nach Ansicht der Fachleute die Ursache für das Fischsterben“, erklärte Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Neben der illegalen Einleitung von Abwasser gibt es legale, in Deutschland etwa durch eine große Papierfabrik in Schwedt oder die Raffinerie PCK. „Wir müssen die Einleitungen von Stoffen, zum Beispiel aus Kläranlagen, in Flüsse überprüfen und reduzieren“, betonte Lemke.
Ein Fischsterben, zwei Abschlussberichte. „Dass nach dieser Katastrophe die deutsch-polnische Zusammenarbeit im Umweltschutz so schlecht funktioniert, ist erschütternd“, sagt die grüne Europaabgeordnete Hannah Neumann. Die EU-Kommission müsse sich einschalten und auf die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie pochen. Polen will die Oder zu einer Ostsee-Schwarzmeer-Wasserstraße über Elbe und Donau ausbauen, Deutschland ist dagegen.
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