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Sexuelle Gewalt gegen Kinder Wo bleibt die Bazooka?

Nina Apin

Kommentar von

Nina Apin

Scho wieder ein Fall sexueller Gewalt gegen Kinder, bei dem Jugendämter versagt haben. Es fehlen: systematische Schulung und behördliche Vernetzung.

D ie Parallelen zum Fall Lügde drängen sich auf: Wieder haben mehrere Männer systematisch Kinder aus ihrem Umfeld sexuell ausgebeutet, wieder war der Tatort eine Parzelle an einem kleinbürgerlichen Erholungsort. Und wieder steht die Arbeit der Jugendämter im Fokus: Das Jugendamt Münster beobachtete eine der drei betroffenen Familien schon vor Jahren, weil der „soziale Kindsvater“ mehrfach wegen Besitz und Vertrieb von kinderpornografischem Material aufgefallen war.

Dennoch sah man keinen Anlass, das Kind aus der Familie zu nehmen. Eine Entscheidung, die für das Leben dieses und zweier anderer Jungen schlimme Konsequenzen hatte: schwere sexuelle Gewalt zwischen November 2018 und Mai 2020; davon gehen die Ermittler derzeit aus. Eineinhalb Jahre Martyrium, weil das Jugendamt die Gefahr nicht ernst genug nahm? Und weil die Polizei, die 2019 erneut Material bei dem Verdächtigen entdeckte, die Erkenntnisse nicht umgehend weiterleitete?

Bitter, dass sich so ein Fall ausgerechnet in NRW wiederholt, wo Innenminister Reul nach dem Behörden­versagen in Lügde und den Ermitt­lungs­­pannen im Netzwerk von Ber­gisch-Glad­bach den Kampf gegen Kindesmissbrauch zur „Chefsache“ erklärt hatte. Fairerweise muss man sagen, dass der letztgenannte sowie der aktuelle Fall auch andere Länder betrifft und sich die Ausstattung der Polizei verbessert hat.

Doch wo sind die systematische Schulung, die behördliche Vernetzung und die fachliche Begleitung derer, die von Amts wegen das Kindeswohl sicherstellen sollen? Deprimierend, dass die Bundesregierung trotz des offensichtlichen Bedarfs keine „Bazooka“ für den Kinderschutz auspackt. Die Lücken im Kinderhilfesystem sind unübersehbar.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Nina Apin

Nina Apin Kultur/Politisches Buch

Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2021 leitete sie das Meinungsressort. 2020 erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag. Seit Dezember 2024 ist sie Redakteurin im Kulturressort und betreut zusammen mit Ulrich Gutmair das Politische Buch.
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4 Kommentare

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  • susonne

    Danke Frau Apin für Ihre differenzierte Sprache! Es ist sexuelle Gewalt bzw sexuelle Ausbeutung und kein "Mißbrauch"!!! Letzteres setzt nämlich einen bestimmungsgemäßen Gebrauch voraus.

  • Sophokles

    Soweit ich informiert bin, wollte das Jugendamt das Kind aus der Familie holen, ein Geri Hz hat dies aber verhindert

    • joaquim

      @Sophokles:

      ein Gericht? woher haben Sie diese Info? das wäre ja unglaublich!

  • aujau

    Es fehlt auch bundesweit an Personal für den Kinderschutz.