Unteilbar-Demo in Dresden war plural

Kein Tag der Umerziehung

Die Unteilbar-Demo in Dresden war vorab als Idee von Berliner Besserwisserlinken kritisiert worden. Tatsächlich bewiesen die Sachsen das Gegenteil.

Menschen auf der Unteilbar-Demo

Beste Laune auf der Unteilbar-Demo in Dresden Foto: Christian Mang

Warum die „Unteilbar“-Demo ein Schlag ins Wasser werden müsse, das wussten einige schon vorher: Das Ganze sei eine Idee von Berliner Besserwisserlinken, die sich auf einen Moral-Kreuzzug begeben, um den für autoritäre Ideen anfälligen SächsInnen zu sagen, wen diese zu wählen hätten. Das würden die freilich nicht mit sich machen lassen, weshalb der linke Karnevalszug ohne jeden Einfluss auf das sächsische Gesellschaftsklima bleiben werde.

Etwas plumper hatte die AfD vorab versucht zu diskreditieren: Im Schutze der angeblich so friedlichen Großdemo würden Krawallmacher kommen und randalieren. Beides war falsch. Der Protestzug war die größte Demo, die es seit dem Ende der DDR in Dresden gab. Selbst zu Hochzeiten der Proteste gegen den jährlichen Nazi-Aufmarsch am 13. Februar kamen höchstens 25.000 Menschen, ebenso wie bei Pegida.

Und: Unteilbar war friedlich. Niemand war dumm genug an solch einem Tag für Bilder zu sorgen, die die monatelange Arbeit so vieler Menschen empfindlich überschattet hätten. Unteilbar war plural, von Olaf Scholz bis zur Autonomen Antifa Wien: Kirchen, Bildungsträger, Flüchtlinge, Kulturschaffende, Clubbetreiber, Parteien, Sozialverbände, UmweltschützerInnen waren beteiligt und viele ganz normale, allerdings sehr wohl besorgte, Bürger waren auf der Straße. Und das war kein Zeichen allseitiger politischer Beliebigkeit, sondern kluger Prioritätensetzung. Es geht in Sachsen um etwas, das rechtfertigt, andere Konfliktlinien in den Hintergrund treten zu lassen.

Unteilbar war vor allem: sächsisch. Mehr als 150 Organisationen aus dem Bundesland hatten aufgerufen, darunter der sächsische DGB. Seit Monaten hatte das Bündnis, inklusive im Land lebender Flüchtlinge, in der sächsischen Provinz für diesen Tag mobilisiert – auch dort, wo die Bedingungen für nicht-rechte Gruppen teils überaus schwierig sind. Nur etwa 4.000 der 40.000 Menschen reisten am Samstag mit Bussen oder Sonderzügen von außerhalb Sachsens an. Und mit der SPD hatte sich eine Hälfte der Landesregierung entschieden hinter den Aufzug gestellt.

Sachsen sind demokratisch gesinnt

Unteilbar war auch ein Ausdruck der regionalen Zivilgesellschaft die daran erinnert hat, dass das Motto „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ auch 1989 auf Bannern der DDR-Bürgerrechtler stand, und dass sie die Vereinnahmung der einstigen Revolution für ein autoritär-nationalistisches Projekt nicht hinnimmt.

Dieser Tag diente nicht dazu, die SächsInnen umzuerziehen. Diese zeigten am Samstag vielmehr selbst, dass sie in der übergroßen Mehrheit demokratisch gesinnt sind und dass sie das offene Gemeinwesen, das daraus folgt, nicht wieder aufzugeben bereit sind.

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Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, dann Redakteur bei taz1, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Seit 2016 erschienen von ihm im Ch. Links Verlag "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Dikatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek) https://t1p.de/imjo. 2019 erscheinen zudem der "Atlas der Migration" (Hrsg. Rosa Luxemburg Stiftung, https://t1p.de/qsa2) und der "Atlas der Zivilgesellschaft" (Hrsg. Brot für die Welt, https://t1p.de/qs)

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