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Unrechtsprozess in RusslandKünstler Jacques Tilly will nicht kleinlaut werden

Dem Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly wird in Russland der Prozess gemacht. Dem Künstler zeigt das, dass Satire wirkt.

Der Karnevalswagenbauer Jacques Tilly will sich auch nicht von Putin unterkriegen lassen Foto: Stephane Nitschke/Reuters

dpa/epd/taz | Der Düsseldorfer Bildhauer und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly gibt sich unbeeindruckt davon, dass ihm derzeit in Abwesenheit in Moskau wegen angeblicher Verunglimpfung der russischen Staatsorgane der Prozess gemacht wird. Er mache seine Arbeit wie immer. „Weder nach dem Motto ‚Jetzt erst recht‘, noch werde ich vor lauter Respekt vor dem Angriff besonders kleinlaut“, sagt Tilly dem Portal „Web.de News“ in einem am Dienstag veröffentlichten Interview.

Tilly hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Karnevalswagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit Karikaturen von Kremlchef Wladimir Putin gebaut. So ließ er im vergangenen Jahr ein Motiv mit der Aufschrift „Hitler-Stalin-Pakt 2.0“ fahren. Dabei schütteln sich Putin und der amerikanische Präsident Donald Trump die Hände und zerquetschen den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj.

Zuvor hatte Tilly einen Wagen präsentiert, der Putin zeigt, wie er ein Blutbad in einer Badewanne nimmt, die die Farben der Ukraine hat. Eines seiner Werke – eine Figur von Putin in Handschellen – brachte der Bildhauer nach Den Haag zum Internationalen Strafgerichtshof.

Laut Gericht muss sich Tilly unter anderem wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane verantworten, dazu gehört neben der russischen Armee auch Putin. Nach solchen Anschuldigungen sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion der Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen stehen international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz in der Kritik.

„Humor ist eine sehr humane Waffe“

Tilly, der nach eigenen Angaben nie eine offizielle Information aus Russland zum Verfahren bekommen hat, glaubte zunächst an eine Falschinformation. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass selbst ein autoritärer Staat wie Russland so unsouverän ist, dass er auf Satire und Humor auf diese Weise reagiert“, sagte er dem Portal.

Er habe diese Wagen gebaut, „das kann ich nicht mehr rückgängig machen, und das will ich auch gar nicht“, sagte Tilly. Wenn so die Folgen der Narrenfreiheit aussähen, dann müsse er das hinnehmen. Der Prozess bestätige, dass Satire auch und vor allem autokratischen Herrschern wehtue. „Aber Humor ist eine sehr humane Waffe. Sie verletzt nicht physisch, und sie tötet auch nicht“, sagte der 62 Jahre alte Düsseldorfer Künstler.

Er nannte Angst angesichts des Prozesses einen schlechten Ratgeber. „Aber ich muss eine Risikoeinschätzung vornehmen, wenn ich reise. Manche Staaten gehen nun nicht mehr, Indien, Serbien, Indonesien: alle Länder, die ein Auslieferungsabkommen mit Russland haben“, sagte Tilly. Aber Italien sei ohnehin am schönsten.

Tilly ist vor allem für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Karneval bekannt. Seit 1984 baut und entwirft er Karnevalswagen, die schon mehrfach weltweit für Aufsehen sorgten. Jedes Jahr werden seine Karnevalswagen daher mit besonderer Spannung erwartet. Zu den Motiven für den diesjährigen Rosenmontagszug am 16. Februar äußerte sich Tilly im Interview nicht: „Das verraten wir nicht. Wir haben strenge Geheimhaltung in Düsseldorf.“

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