Unicredit-Übernahme der Commerzbank: Deutsche Nummer zwei soll italienisch werden
Die italienische Großbank Unicredit hat für die Commerzbank ein Übernahmeangebot abgegeben. Bundesregierung und Gewerkschaften sehen das mit Argwohn.
Die Unicredit macht Ernst. Am Montag hat sie ein Übernahmeangebot für die Commerzbank abgegeben. „Unsere Botschaft an die Commerzbank heute ist: Es ist jetzt an der Zeit, zu sprechen“, sagte Unicredit-Chef Andrea Orcel. Die italienische Großbank bietet den Anteilseignern von Deutschlands zweitgrößtem börsennotierten Geldhaus einen Aktientausch an. Für jede Commerzbank-Aktie soll es 0,485 neue Unicredit-Papiere geben. Das entspricht rund 30,80 Euro pro Anteil. Insgesamt ist die Commerzbank für die Italiener knapp 35 Milliarden Euro wert.
Seit Ende 2024 kauft Unicredit Anteile der Commerzbank. Mit 26 Prozent sowie der Option auf knapp 4 weitere Prozent ist sie bereits die größte Aktionärin. Mit dem nun vorgelegten Angebot wolle man die im deutschen Übernahmerecht vorgesehene 30-Prozent-Schwelle überwinden und „in den kommenden Wochen einen konstruktiven Dialog mit der Commerzbank und ihren Stakeholdern“ fördern, teilte das italienische Geldhaus mit. Schließlich wäre sie ab der Schwelle von 30 Prozent von Rechts wegen sowieso verpflichtet, ein Übernahmeangebot abzugeben.
Sowohl bei der Commerzbank als auch in der deutschen Politik wird der Schritt mit Argwohn gesehen. Die Offerte sei nicht mit der Commerzbank abgestimmt, teilte die Bank am Montag mit. Ihre Vorstandschefin, Bettina Orlopp, sagte: „Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt.“
Aus Berlin gab es dafür Rückendeckung. „Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank. Eine feindliche Übernahme wäre insbesondere mit Blick darauf, dass die Commerzbank eine systemrelevante Bank ist, nicht akzeptabel“, sagte ein Sprecher des von Lars Klingbeil (SPD) geführten Bundesfinanzministeriums.
Rekordgewinn bei Commerzbank
Um die Übernahme zu erschweren, kaufte die Commerzbank immer wieder Aktien zurück. Zuletzt schloss sie ein Rückkaufprogramm über 524 Millionen Euro ab. Möglich machte dies eine gute Geschäftsentwicklung im vergangenen Jahr. Die Commerzbank konnte ihren operativen Gewinn 2025 fast um ein Fünftel steigern und fuhr ein Rekordergebnis von 4,5 Milliarden Euro ein.
Die Bank stand nicht immer so gut da. Nachdem sie sich mit dem Kauf der Dresdner Bank übernommen hatte, musste die Commerzbank im Zuge der Finanzkrise vor fast zwei Jahrzehnten vom Staat gerettet werden. Der Bund hält deswegen noch immer einen Anteil von mehr als 12 Prozent.
Derzeit arbeiten knapp 40.000 Beschäftigte für die Commerzbank. Für die Wirtschaft von Bedeutung ist sie vor allem als Bank für den Mittelstand. Mit einem Anteil von rund 30 Prozent am deutschen Außenhandel ist sie zudem eigenen Angaben zufolge eine der führenden Banken bei der deutschen Außenhandelsfinanzierung.
Deshalb ist das Geldhaus auch so interessant für Unicredit, die mit der Hypovereinsbank bereits ein Standbein in Deutschland hat. Unicredit-Chef sieht Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden und argumentiert, Europa brauche im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken. Er glaube an Deutschland und den Mittelstand, bekräftigte Orcel am Montag.
Mittelstand aufgeschlossen
Bei der Kundschaft scheint man den Übernahmeplänen gegenüber aufgeschlossen zu sein. „Der Markt entscheidet“, sagte der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Mittelstands-Bund (DMB), Marc Tenbieg, der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir haben keine Präferenz für oder gegen einzelne Transaktionen“, so Tenbieg weiter. Entscheidend sei, dass am Ende starke, mittelstandsorientierte Finanzierungspartner stehen.
Bei Belegschaft und Gewerkschaft sieht es anders aus. „Wir lehnen eine Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit ab. Der Vorstandsvorsitzende Andrea Orcel handelt weiterhin unkalkulierbar und spielt mit dem Vertrauen der Beschäftigten aber auch der gesamten deutschen Wirtschaft“, erklärte Christoph Schmitz-Dethlefsen vom Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Große Anleger, insbesondere der Bund, trügen nun Verantwortung für den deutschen Mittelstand, für Millionen Privatkunden und nicht zuletzt für Tausende Beschäftigte.
Der Betriebsrat kündigte zugleich Widerstand gegen einen möglichen Stellenabbau an: „Wenn Orcel Synergieeffekte heben will, bräuchte es einen Stellenabbau. Dafür bräuchte er uns Betriebsräte“, sagte Commerzbank-Betriebsratschef Sascha Uebel. Zudem habe der Betriebsrat mit dem Vorstand „klare Regeln bis Ende 2027 für Stellenabbau“ festgelegt: „Daran muss sich jeder halten, der kommt.“
Unterdessen müssen einem Verkauf der Commerzbank an die Unicredit nicht nur die Eigentümer zustimmen. Auch das Bundeskartellamt und die EU-Kommission müssten grünes Licht geben, wenn Deutschlands Nummer 2 italienisch werden soll. (mit Agenturen)
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