Ungebetener Besuch: Wildschwein in Rotweinsauce
Lautes Grunzen erklingt in der Früh um fünf. Vorgärten einer Berliner Siedlung werden gründlich zerpflügt. Leicht lassen sich die Viecher nicht verjagen.
G egen fünf Uhr morgens werde ich wach. Es ist noch stockfinster. Aus dem Garten dringen seltsame Geräusche zu mir. Schnaufende, stänkernde Igel? Nein, es klingt eher wie – genau, wie Grunzen. In den umliegenden Parks gibt es jede Menge zerwühlter Flächen. Ist jetzt etwa ein Wildschwein im Garten? Mutig und im Nachthemd öffne ich die Terrassentür und will den Besucher verscheuchen, aber es klingt nach mehrstimmigem Grunzen. Ich bleibe lieber im Haus.
Bei uns gibt es nicht viel zu zerwühlen, weil unter 13 Kiefern verdammt wenig wächst. Die Wildkamera zeigt am nächsten Morgen fünf gut gebaute Schweine am Vogelfuttertrog. Ein paar Tulpenzwiebeln hat das Team ausgegraben, im Nachbargarten hat es den mühsam gezüchteten Rasen ein wenig vertikutiert. Das erspart dem Gärtner Arbeit. Die Nachbarn rundherum sind sauer. Wer hat die Wildschweine aufs Gelände gelassen? Durch welches offenstehende Tor haben sie sich geschlichen?
Zäune zwischen den Grundstücken gibt es kaum, da können die nach Maggi riechenden Tiere leicht durch mehrere Gärten spazieren. Ein Nachbar aus Schleswig-Holstein prahlt von seiner Jagdlizenz und will umgehend aktiv werden. Darf er aber in Berlin glücklicherweise nicht. Mein Mann sucht im Netz schon mal nach Kochrezepten. Wildschweinbraten in Rotweinsauce ist sein Favorit. Während er mir verzückt die Zubereitungsart schildert, sehe ich den zukünftigen Braten durch den Garten streifen. Ein schlankes, gut trainiertes Tier. Mein Mann nimmt begeistert die Pirsch auf. Denkt er, das Wildschwein wird ihm willig in den Kochtopf springen?
Es flüchtet stattdessen in eine unzugängliche Gartenecke mit Brombeerhecken und alten Ästen. Und verschwindet irgendwie. Mein Mann kehrt ratlos, aber unversehrt zurück. Ich freue mich, dass ihm das Wildschwein entkommen ist. Es will eigentlich auch nicht viel anderes als wir Menschen: fressen und Kinder großziehen.
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