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Unangemeldeter VerkehrsversuchEin Brand sorgt für Verkehrsberuhigung

Kommentar von

Benno Schirrmeister

Die Bremer Martinistraße ist temporär stillgelegt. Aber weil die Maßnahme aus der Not geboren ist, regt sie anders als vor fünf Jahren niemanden auf.

J a, ist denn schon wieder Verkehrsversuch? Aber nein, es hat gebrannt. Und deshalb ruht seit Montag und auf unbestimmte Zeit die Bremer Martinistraße still wie ein Waldsee, zumindest morgens. Später, wenn es wärmer wird, kommen auch die Bauarbeiter auf Touren und schmeißen den Generator an sowie die Baustellenmonstertrucks mit Gigakran.

Also der Fahrzeugname ist bestimmt falsch. Für die genaue Bezeichnung fragen Sie besser einen Vierjährigen Ihres Vertrauens, die kennen sich da aus, vergessen aber erfahrungsgemäß dieses nützliche Wissen kurz nach der Einschulung, außer sie sind Frühnerds. Hier ist aber gerade keiner zur Hand. Auf der Straße bleiben aber immer wieder welche stehen und erklären ihren Eltern die Welt der Maschinenparks.

Das aus Bremer taz-Perspektive Interessante ist hingegen weniger das aufgebotene baustellenfahrzeugkundliche Anschauungsmaterial als die Reaktion aus dem verkehrs- und handelspolitischen Stadtraum auf die Martinistraßensperrung von Interesse, und zwar hier: ihre Abwesenheit.

Denn vor fünf Jahren war hier im Rahmen eines Verkehrsversuchs schon einmal auf einem viel kleineren Abschnitt Autos die Durchfahrt untersagt worden. Damals, als die grüne Senatorin Maike Schaefer diese Maßnahme verfügt hatte, um zum Wohle aller den Einstieg in einen klimaverträglichen Stadtumbau zu finden, war der archivierten veröffentlichten Meinung zufolge das Abendland untergegangen, Bremen am Verkehrsinfarkt erstickt und zudem die Rettung von Menschen in Not verunmöglicht gewesen.

Die Fasttoten und anderen Opfer der planmäßigen Sperrung vor fünf Jahren blieben ungezählt. Doch es war ein großes Leid

Den Geschäften hatte die temporäre Ad-hoc-Fußgängerzone so sehr geschadet, dass Ver­tre­te­r*in­nen der Handelsjammerkammer erwägt haben sollen, mit Selbstverbrennung zu drohen, wenn es auch nur eine Woche länger dauern würde. Es war ein einziges Leid. Die Fasttoten und anderen Opfer dieser ärgerlichen Freiheitsbeschränkung blieben ungezählt.

Aber für die Anrainer war es ganz schön, und für die Pas­san­t*in­nen auch: etwas wenig begrünt, und die Sitzmöbel hätte man sich sparen können, aber das Flanierpotenzial der Durchfahrtsstraße hatte sich zu erkennen gegeben, die Rußluftwerte und der Geräuschpegel waren krass gesunken.

Der jetzige Dachstuhlbrand war bestimmt schlimm für unseren Nachbarn, den Hausbesitzer, und die Luftwerte waren Montag wohl auch eher bescheiden. Es schwadete ganz schön dolle, das kann nicht gesund gewesen sein. Es fehlt der Rollrasen, und dass die Bauarbeiter lieber tags bei Sonnenschein ihre Apparate röhren lassen, ist nicht so erfrischend unterhaltsam wie zu Zeiten des Verkehrsversuchs die auch recht dezibelstarke temporäre Surfwelle: Hier wohnt doch keiner. Wäre Nachtarbeit bei der Sommerhitze nicht die viel bessere Lösung?

Aber egal. Das Schöne dieses unfreiwilligen Verkehrsversuchs ist: Er ruft in Erinnerung, dass, dank Platanenschatten und befreit von motorisiertem Verkehr die Martinistraße Flanierpotenzial hat, als läge sie in Spanien oder Südfrankreich, wo Städte wie Toulouse die Autos rausgeschmissen haben – und seither aufblühen. Und trotzdem halten die Halbprofinörgelpinne die Klappe, die sonst an chronischer Unzufriedenheit leiden, weil es ja gebrannt hat. Und dann muss das halt.

Vielleicht sollte sich also, wer künftig einen Verkehrsversuch startet, überlegen, wie eine Notsituation herbeizuführen ist, am besten ohne Qualm und Lärm, auf die dieser die Reaktion sein könnte. Das klingt zwar erst mal unethisch. Aber es lässt sich rechtfertigen. Denn es würde die Akzeptanz der Maßnahme deutlich erhöhen. Die muss man dann nur noch auf Dauer stellen. Und schon hätten alle gewonnen.

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Benno Schirrmeister Reporter und Redakteur

Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.
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