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Unabhängigkeit von Bergbau-PhosphorAlles noch im Trüben

In gut zwei Jahren muss der für Dünger wichtige Stoff Phosphor aus Klärschlamm zurückgewonnen werden. In der Praxis klappt das aber noch gar nicht.

Das Bundesumweltministerium lädt für Donnerstag zum Krisengespräch ein. Das unglamouröse Thema: Klärschlamm. Ab 2029 sind Kläranlagenbetreiber verpflichtet, den Phosphor daraus zurückzugewinnen. Phosphor ist in der EU ein kritischer Rohstoff, den insbesondere die Landwirtschaft als Dünger oder Futterzusatz fürs Vieh dringend braucht: Keine Pflanze und kein Tier kommt ohne aus. Doch die Praxis kommt der gesetzlich vorgesehenen Theorie nicht hinterher.

Auf dem Spiel steht die langfristige Ernährungssicherheit. Phosphor wird auch aus Phosphatgestein gewonnen, das wiederum ein Bergbauprodukt ist. Die hauptsächlichen Vorkommen konzentrieren sich aber auf nur wenige Länder und Regionen: Marokko und die von dem Königreich besetzte Westsahara sowie China. Klar ist auch, dass die mineralischen Lagerstätten über kurz oder lang erschöpft sein werden. Hinzu kommt, dass die planetare Belastungsgrenze bei Phosphor massiv überschritten ist.

Also: Rückgewinnung aus der Kanalisation. Dorthin gelangt Phosphor vor allem durch menschliche Ausscheidungen und zum kleineren Teil durch Spülmittel und Nahrungsreste. Doch weil sich der Nährstoff dort mit Schwermetallen, PFAS und Mikroplastik mischt, darf Klärschlamm nicht mehr einfach zum Düngen auf die Äcker gebracht werden.

Als „heißer Scheiß“ gelten gegenwärtig Monoverbrennungsanlagen, in denen ausschließlich Klärschlamm verbrannt wird. Abfallkonzerne wie Remondis und Gelsenwasser haben hier ein neues, lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Und so wird es bald ausreichend viele Öfen geben, um die in Deutschland anfallenden über 1,5 Millionen Tonnen an getrocknetem Klärschlamm zu verarbeiten. Aus der Asche soll dann anschließend der Phosphor recycelt werden.

Die passende Technik fehlt noch

Doch obwohl viel Fördergeld in Forschung geflossen ist, gibt es bisher so gut wie keine Techniken, die im großindustriellen Maßstab funktionieren. Zudem liefern die meisten Pilotanlagen keinen pflanzenverfügbaren Phosphor, der wasserlöslich ist und so über Wurzeln direkt aufgenommen werden kann. Darüber hinaus sind die Rezyklate oft auch noch mit Cadmium, Kupfer und Nickel belastet, was weitere Aufbereitungsstufen nötig macht. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass bis 2029 maximal 25 Prozent der benötigten Kapazitäten zur Ascheaufbereitung verfügbar sind.

Kläranlagenbetreiber und Kommunen geraten langsam in Panik. Obwohl das Gesetz bereits 2017 verabschiedet wurde und viele Arbeitsgruppen getagt haben, wissen die meisten nicht, wie sie die erforderlichen Nachweise für die Phosphorrückgewinnung erbringen können. Ihr Interessensverband DWA forderte vor einigen Wochen, das Inkrafttreten der Klärschlammverordnung um 10 Jahre zu verschieben. Auch die Umweltministerkonferenz der Länder forderte im Frühjahr eine rechtssichere und pragmatische Lösung.

Doch die Bundesregierung hält am bisherigen Zeitplan fest. „Es kann nicht sein, dass die Vorleistungen derjenigen, die auf die Gültigkeit von Recht vertrauen, entwertet werden“, so Silke Karcher vom Umweltministerium kürzlich auf einer Veranstaltung des Vereins Deutsche Phosphor-Plattform. In dem versammeln sich alle möglichen Organisationen, die die Phosphor-Rückgewinnung voranbringen wollen, vom Umweltministerium Schleswig-Holstein über Forschungsinstitute, Abwasser- und Recycling-Verbände. Julia Vogel vom Umweltbundesamt sekundierte: „Die großtechnische Umsetzung muss zum Laufen gebracht werden.“ Bis dahin brauche es Übergangslösungen.

So könnten ab 2029 riesige Ascheberge entstehen, die auf unbestimmte Zeit zwischengelagert werden müssen, bis es irgendwann Weiterverarbeitungskapazitäten dafür gibt. Die Kosten müssten diejenigen tragen, die Abwassergebühren zahlen. Beim Treffen am 8. Oktober wird es absehbar um die Frage gehen, ob die Asche zentral oder dezentral gelagert wird und wie der spätere Aufwand den einzelnen Kläranlagen zugeordnet werden kann.

Düngerindustrie findet Recycling-Phosphor zu teuer

Bei alledem gibt sich die Düngerindustrie bisher nur mäßig interessiert: Sie ist zwar bereit, Recycling-Phosphor abzunehmen – aber nur, wenn Preis und Qualität ihren Anforderungen entsprechen, machte Johannes Monath vom Industrieverband Agrar auf der Veranstaltung der Phosphor-Plattform deutlich. Doch bisher existieren nicht einmal rechtliche Vorgaben zur Düngewirkung der Rezyklate. Auch ist klar, dass ihre Herstellung sehr teuer wird und sie nur durch massive Zuschüsse eine Chance auf dem Markt haben werden.

Eine im Frühjahr veröffentlichte internationale Studie kommt zu dem Schluss, dass eine globale Phosphor-Kreislaufwirtschaft möglich ist, in der nur noch 3 Prozent des weltweit benötigten Nährstoffs bergbaulich abgebaut wird. Dafür müssten allerdings Dünger, Landwirtschaft und Ernährung als ein System betrachtet werden. Nötig wäre, dass Äcker nicht mehr über- oder falsch gedüngt und weniger Lebensmittel verschwendet würden, fordert das Forschungsteam aus China, Russland und den USA.

Auch die heutigen Konsummuster und der Umgang mit menschlichen Exkrementen seien veränderungsbedürftig. Eine gerade erschienene Studie fasst die Ergebnisse von etwa 200 weltweit erschienenen wissenschaftlichen Untersuchungen zusammen: Aufbereiteter Urin und Kot haben eine ähnliche Düngewirkung wie die Produkte der Agrarindustrie – und diese Ausgangsstoffe sind dezentral überall vorhanden.

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