piwik no script img

Umgang mit DDR-BautenInternationale Vorbildfunktion

Jonas Wahmkow

Kommentar von

Jonas Wahmkow

Das Kino International ist ein Beispiel für denkmalbewusste Stadtentwicklung. Die ist nicht nur identitätsstiftend, sondern auch ökologisch.

Sieht nach 18 Monaten Sanierung genauso aus wie vorher: das Kino International an der Karl-Marx-Allee Foto: dpa, Britta Pedersen

E s ist eine Nachricht, die man in Berlin gar nicht mehr erwartet: Das Kino International eröffnet zwei Monate früher als geplant. Nach über einem Jahr denkmalgetreuer Komplettsanierung erstrahlt es in altem Glanz, der schon DDR-Staatschef Erich Honecker bei zahlreichen Premieren erfreute. Film- und Architekturfans, die es wegen seines einzigartigen 60er-Jahre-Chics schätzten, sind erfreut. Das International ist fit für die nächsten Jahrzehnte Kinokultur.

Der Umgang mit dem Kino International ist ein herausragendes Beispiel für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem architektonischen Erbe der DDR. Anstatt das 1963 errichtete Vorzeigekino des SED-Regimes abzureißen, übernahm nach dem Mauerfall die Yorck-Kinogruppe das Lichtspielhaus. Der neue Betreiber erhielt das Gebäude nicht nur in seiner Form, sondern auch in seiner Nutzung: Das International ist weiterhin ein beliebtes Premierenkino.

Anderen Architekturikonen der DDR wird hingegen deutlich weniger Wertschätzung entgegengebracht. So soll das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Landsberger Allee bereits am 2. März der Abrissbirne zum Opfer fallen. Für die SED-Führung war der 1981 eröffnete futuristisch gestalteten Freizeitkomplex ein weiteres Prestigeprojekt, das die Überlegenheit des Sozialismus beweisen sollte.

Verramscht und verwahrlost

Nachdem der Betrieb im SEZ nach der Wende nach und nach eingestellt wurde, ging es für einen symbolischen Euro an einen Investor, der versprach den Freizeitkomplex inklusive Spaßbad wiederzubeleben. Doch stattdessen erfolgten jahrelange Verwahrlosung und Leerstand. 2023 ging das SEZ wieder an das Land Berlin. Der Senat will abreißen und Wohnungen bauen. Das ist rechtlich möglich, denn im Gegensatz zum Kino International steht das SEZ nicht unter Denkmalschutz.

Die Proteste von Anwohner:innen, Ar­chi­tek­t:in­nen und Um­welt­schüt­ze­r:in­nen blieben ungehört. Berlin brauche nun einmal Wohnungen dringender, heißt es vom Senat. Die letzte Hoffnung ist eine Klage, mit der die Vereine „Gemeingut in BürgerInnenhand“ und die Naturfreunde Berlin einen Abriss noch verhindern wollen.

Die Ak­ti­vis­t:in­nen wollen die Denkmalwürdigkeit des Komplexes richterlich feststellen lassen. Zuletzt sprachen sich im vergangenen Dezember 150 Wis­sen­schaft­le­r:in­nen für einen Erhalt aus. Die Ak­ti­vis­t:in­nen hoffen, mit einer einstweiligen Verfügung den Abriss zumindest aufschieben zu können.

Es ist ein Trauerspiel, dass die Ab­riss­geg­ne­r:in­nen den Senat durch Gerichtsverfahren davon abhalten müssen, das architektonische Gedächtnis der Stadt zu vernichten. Dabei ist der Bestandserhalt nicht nur eine Frage des Denkmalschutzes, sondern vor allem eine ökologische. Es ist Wahnsinn, Schwimm- und Sportanlagen abzureißen, nur um sie an andere Stelle wieder aufzubauen. Der dichtbesiedelte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist in dieser Beziehung extrem unterversorgt. Eine Sanierung und Wiedereröffnung wäre hier die einfachste, ökologischste und offensichtlichste Lösung. Wenn es beim Kino International geht, warum nicht beim SEZ?

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Jonas Wahmkow
Redakteur für Arbeit und Soziales im Berlin Ressort.
Mehr zum Thema

17 Kommentare

 / 
  • Wer sehen möchte, wie absurd, um nicht zu sagen, pervers die mit Architektur verbundene Ostalgie werden kann, der lese den Artikel im Tagesspiegel, in dem sich Menschen allen ernstes darüber beklagen, dass mit der gestern erfolgten Sprengung von zwei Flutlichtmasten am Jahn-Sportpark ein “Teil ihrer Identität” verloren gegangen sei.

    Identifikation mit Lichtmasten. Kein Witz.

  • Das SEZ wurde von einem Westdeutschen entworfen.

    Im übrigen verschlang es schon zu DDR-Zeiten Unsummen. Könnte man das irgendwie wirtschaftlich betreiben, dann hätte sich längst ein Betreiber gefunden. Aber es geht einfach nicht. Ich persönlich denke ja auch, dass man die markante Fassade erhalten sollte, aber dieses Gejammere, das Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer immer wieder losgeht und aus jedem noch so hässlichen DDR-Bau ein unschätzbar wertvolles Architekturjuwel macht, ist absurd. Besonders auffällig bei diesem potthässlichen Hotel in Potsdam, das nun wirklich betongewordenes DDR-Unrecht ist und damals aus purem ideologischem Fanatismus die historischen Sichtachsen und Stadtansichten zerstören sollte und es auch tut. Kaum, dass sich Plattner anbot, das Gebäude abzureißen und durch etwas wertvolleres zu ersetzen, fanden sich plötzlich irgendwelche Leute ein, die entdeckten, welch wunderbare Erinnerungen an Jugendweihfeiern sie mit dem Klotz verbanden. Wo waren die all die Jahre vorher?

  • Hm, hier in Dresden wird gefühlt alles was an DDR erinnert entweder abgerissen oder es fällt von alleine zusammen.

  • Das Kino wurde von der freien :) Wirtschaft saniert, hat bei dem Bad nicht geklappt. Aber vielleicht können die Aktivisten richtig aktiv sein und das Bad kaufen und auch sanieren?

    • @Donni:

      Eine Genossenschaft wäre genial.

      • @rero:

        Was meinen Sie, welche Eintrittspreise man verlangen müsste, um allein die Stromrechnung für Eisbahn, Schwimmbäder und Saunen zu bezahlen?

        • @Suryo:

          Ich bin mir sicher, die 150 Wissenschaftler werden sich beteiligen und gerne hingehen.

          • @rero:

            Da das SEZ im Failed Bezirk Fhain-Xberg liegt, würde sicher auch noch der Versuch unternommen werden, die Steuerzahler zu beteiligen. Florian Schmidt wäre sicher Feuer und Flamme.

  • Klar, wer braucht denn schon Wohnungen und eine Schule, wenn man stattdessen ein Spaßbad haben könnte? Ok, den Eintritt könnten sich die Anwohner nicht leisten - aber das Gebäude würde im sozialistischen Gedenken weiterbetrieben.

  • Wichtig ist halt, dass die geschichtliche Einordnung immer klar bleibt. Die Bauten sollten einst die glorreiche DDR-Diktatur repräsentativ verherrlichen - ganz ähnlich wie viele Bauten aus der Hitlerzeit das NS-Regime verherrlichen sollten. Ein gutes Beispiel ist das heutige Haus der Kunst in München. Wenn sie heute noch genutzt werden ist das Mindeste eine Erklärtafel neben dem Eingang, die den Kontext herstellt.



    Das Schlimmste, was also passieren könnte, ist dass sich Besucher nach der Renovierung einen Bau anschauen und spontan sagen: "Was für ein schöner Palast - in der DDR war doch nicht alles schlecht" ...

    • @Winnetaz:

      ob die "geschichtliche einordnung (..) klar bleibt", wenn das SEZ mit dem haus der kunst verglichen wird, darf bezweifelt werden. die undifferenzierte gleichsetzung des ns-terrors mit dem ddr-regime relativiert jedenfalls eher historisches in unzulässiger und fragwürdiger weise als dass sie belastbare erkenntnisse brächte.

  • Wichtigster Punkt bei der Erhaltung alter Gebäude (egal ob DDR oder nicht) ist ein sinnvolles und wirtschaftliches Nutzungkonzept. Kann ein solches nicht erstellt werden, dann sollte das Gebäude abgerissen werden. Beispiele für einen Abriss in Berlin:

    - Mäusebunker



    - ICC



    - SEZ



    - Plänterwald

    Ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb des SEZ ist vollkommen ausgeschlossen. Der Plänterwald wird absehbar entweder Pleite gehen oder den Steuerzahler auf Dauer belasten.

    • @DiMa:

      die behauptung, ein wirtschaftlicher weiterbetrieb des SEZ sei ausgeschlossen, ist empirisch nicht belegt. ein abriss und eine wiederherstellung des verlorengegangenen nutzungspotenzials kostet jedenfalls ebenfalls viel geld und ist zugleich ökologisch höchst fragwürdig. im übrigen macht es sinn, sich vor augen zu führen, was mit "wirtschaftlich" jeweils gemeint ist. bedeutet es, das eine nutzung überschüsse erzielen muss oder profite? oder gibt es nutzungen, für die ein hoher sozialer bedarf konstatiert werden kann (z.b. ein schwimmbad in einer gegend ohne schwimmbäder), für die jedoch keine hohe kaufkraft vorhanden ist, weil sie gerade auch menschen zugute kommen muss, die einen schmalen geldbeutel haben? solche nutzungen wären dann durch steuern dauerhaft zu subventionieren. ein mechanismus, der im übrigen an allen ecken und enden unserer gesellschaft angewendet wird, auch dort, wo die kaufkraft höher ist: denn auch das kapital nimmt dankend die öffentlich finanzierte her- und bereitstellung all der infrastrukturellen inputs an, die es zur produktion oder distribution von waren benötigt, aber nicht selbst herzustellen in der lage oder zu finanzieren bereit ist.

      • @Pflasterstrand:

        "....solche nutzungen wären dann durch steuern dauerhaft zu subventionieren"

        Die Schwimmhalle im Thälmann-Park liegt keine zehn Minuten vom früheren SEZ entfernt.

      • @Pflasterstrand:

        Das Ding verschlang schon zu DDR-Zeiten Unsummen.

        Was meinen Sie denn, was Eisbahn, mehrere Schwimmbäder und Saunen allein für Strom verbrauchen? Warum wohl existiert so ein riesiges Spaßbad in Berlin nicht mehr - auch nicht im Westen, siehe Blubb?

        Weil es sich einfach nicht lohnt.

      • @Pflasterstrand:

        "... für die jedoch keine hohe kaufkraft vorhanden ist, weil sie gerade auch menschen zugute kommen muss, die einen schmalen geldbeutel haben?"

        Eben genau das spricht gegen den teuren Erhalt des SEZ.

        Friedrichshain ist kein armer Ortsteil.

        Die liegen in Berlin woanders.

      • @Pflasterstrand:

        Es geht mir nicht darum, emprisch zu belegen, dass ein Gebäude nicht wirtschaftlich nutzbar ist, sondern darum, dass es das ist.

        Das SEZ war weder ein richtiges Schwimmbad, noch ein richtiges Spaßbad, sondern eine Mischform, die bereits zu DDR-Zeiten nur durch erhebliche Subventionen zu betreiben war.

        Der Eintritt ins Spaßbad kostet in der Berliner Umgebung pro Erwachsenen mind. 20 Euro bei zwei Stunden Aufenthalt, ermäßigt 15 Euro. Da wird ein Schwimmkurs auf Dauer doch recht teuer. Schul- und/oder Vereinsschwimmen wäre da dann auch nicht möglich. Zu den normalen Preisen der Bäder Betriebe wäre das SEZ jedoch nicht zu betreiben.

        Das in etwa zur gleichen Zeit gebaute Blub (Neukölln) wurde genau aus diesem Grund auch sang- und klanglos abgerissen.

        Und wohin solche politischen Traumschlösser führen, werden wir ja demnächst im Plänterwald erleben. Mein Tip ist, dass der Betrieb dieses mal sehr viel weniger als 30 Jahre dauern wird.