Umgang mit Alters- und Genderfragen: Alle mal locker machen

Die extravagante Chromosomenanzahl meines Sohnes Willi führt dazu, dass er frei ist von diskriminierendem Gedankengut. Aber nicht alle schätzen das.

Mehrere ältere Personen sitzen auf einer Parkbank im Schlosspark Pillnitz in Sachsen.

Oma oder Opa? Willi verehrt sie alle Foto: dpa / Arno Burgi

Wir sind eigentlich eine ziemlich normale Familie: Zwei alte, weiße, hetero Eltern ohne Migrationsgeschichte, zwei Kinder, Auto und Reihenhaus mit Huhn. Zu allem Überfluss sind wir auch noch cis und fühlen uns – wenigstens bis jetzt – der Geschlechtsidentität zugehörig, die uns bei der Geburt naheliegenderweise zugewiesen wurde. Für so viel Normalität muss man sich ja echt was schämen, seit die AfD „normal“ sein für sich im Wahlkampf beansprucht hat.

So krass gesellschaftlich gecisst wie mein Mann fühle ich mich zwar nicht, aber das liegt bestimmt nur an meinem Menstruationshintergrund. Meine persönliche mediale Existenzberechtigung verdanke ich aber wohl nur der extravaganten Chromosomenanzahl unseres Sohnes. Willi kann man beim besten Willen nicht als normal bezeichnen. Aber ob Willi dabei „cis“ ist, kann ich nicht beurteilen.

Willi scheint sich und Menschen nicht nach männlich oder weiblich zu kategorisieren. Sehr vorbildlich! Auch auf Aufforderung hin ordnet er „Mädchen/Junge“ oder „Mann/Frau“ nicht irgendwelchen Abbildungen zu. In einem Intelligenztest war das mal Aufgabe – u­­nd Willi hat bestimmt nicht damit gepunktet, dass er die Zuordnung verweigert hat. Soziale Intelligenz wird eben nicht abgefragt. Ich muss allerdings zugeben, dass Willi die Geschlechter entweder gar nicht zuordnen kann oder es ihn einfach zu wenig interessiert. Ein reflektierter Akt von Gendergerechtigkeit ist es wohl eher nicht.

Dass Willi aber überhaupt männlich oder weiblich differenziert, weiß ich nur, weil er die Worte „Oma“ und „Opa“ sprechen kann und in der Öffentlichkeit weißhaarige Menschen gezielt richtig anspricht. Mit „richtig“ meine ich natürlich nur richtig im Sinne der äußerlich sichtbaren, mehrheitlich als weiblich oder männlich gelesenen Merkmale. So viel muss Willi aber nicht labern: Er zeigt einfach auf den älteren Mann mit weißem Haar und schreit begeistert: „Opaaaa!“

Ich muss zugeben, dass Willi Geschlechter entweder gar nicht zuordnen kann oder es ihn einfach zu wenig interessiert

Das beweist uns zusätzlich, dass Willi auch frei von altersdiskriminierendem Gedankengut ist. Man könnte natürlich argumentieren, dass Willi frei von einer ganzen Menge Gedankengut ist – und dem hätte ich nichts entgegenzusetzen. Ich sehe es aber trotzdem lieber positiv. Willi verehrt alle irgendwie oma- und opaartigen Wesen, denn seine Großeltern sind seine Idole. Das könnte einerseits daran liegen, dass Willi sonst keine Freunde zum Chillen hat oder aber daran, dass Oma und Opa wirklich endcool sind.

Streng genommen diskriminiert Willi natürlich doch ­– wenn auch positiv: Alte Menschen sind ja nicht aufgrund ihrer Lebensjahre oder ihrer Haarfarbe mehr wert als andere!

Wenn Willi aber platinblonde Raspelfrisuren oder graumelierte Barbershopbärte an Hipster*in­nen als anbetungswürdige Alterserscheinungen fehlinterpretiert, empfinde ich deren entsetzte Reaktionen tatsächlich manchmal als diskriminierend. Aber so manche „echte“ ältere Dame hielt Willis Auszeichnung als Oma auch schon für einen guten Grund ihn zu bepöbeln. Zum Glück ist Willi tolerant. Er scheint sich dann nur zu wundern, warum die Oma bloß eine so garstige Laune hat.

Anderen Menschen gegenüber, die wie er eine Behinderung haben, ist Willi auch recht tolerant. Nur wenn einer ebenfalls zu laut schreit, dann nervt ihn das und er schreit zurück. Ich finde übrigens, dieser Vorgang entspricht exakt dem Phänomen von Diskriminierung und Dauerempörung in den asozialen Medien. Die Lösung dafür liegt also eigentlich auf der Hand, wir müssten uns nur alle ein bisschen locker machen. Gegenüber blöden Kommentaren, vergrätzten Omis, Twitterer*innen, Gendernden und natürlich auch gegen Cissexuelle und andere Normalos. Gar nicht so einfach.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Kindersachbuch „Wie krank ist das denn?!“, toll auch für alle Erwachsenen, die gern mal von anderen ätzenden Krankheiten lesen möchten, als immer nur Corona. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de