Um M-Straße erneut Debatte entbrannt: Trotzdem danke fürs Aufwecken

U-Bahnhof „Mohrenstraße“ soll in „Glinkastraße“ umbenannt werden? Dabei gibt es von Decolonize Berlin einen Namensvorschlag. Ein Wochenkommentar.

An der U-Bahnhaltestelle Mohrenstraße in Mitte hängt auf dem U-Bahn-Halstestellenschild ein Plakat mit der Aufschrift "George-Floyd" im Gedenken an den in Minneapolis getöteten Afroamerikaner

Es gab auch diesen Namensvorschlag für die U-Bahnhaltestelle „Mohrenstraße“ Foto: picture alliance/dpa

Ein kleines Lehrstück in Sachen „Eigenwerbung, die nach hinten losgeht“ hat dieser Tage die BVG geliefert. Da verkündet der landeseigene Betrieb aus dem Nichts heraus, dass der U-Bahnhof „Mohrenstraße“ umbenannt werde in „Glinkastraße“. Begründung: „Als weltoffenes Unternehmen“ lehne man „jegliche Form von Rassismus oder sonstiger Diskriminierung ab“. Das klingt erst mal gut und scheint zu zeigen, dass die Diskussionen der letzten Wochen und Monate (Black Lives Matter) mancherorts eine gewisse Wirkung erzielt haben.

Dennoch hagelte es umgehend Kritik – zurecht: Denn die BVG hat mit ihrer einsamen Entscheidung ausgeblendet, dass es um die M-Straße und den dazu gehörigen Bahnhof seit Jahren Diskussionen gibt. Und vor allem AkteurInnen, allen voran das Bündnis Decolonize Berlin, denen die Abschaffung der M-Straße ein echtes Anliegen ist, die Expertise haben – und sogar einen konkreten Vorschlag für einen Straßennamen. Wer an ihnen und der Debatte vorbei einen Namen von oben dekretieren will, zeigt, dass er von postkolonialer Aufarbeitung und Erinnerungskultur noch nichts verstanden hat. Denn beides kann ohne engagierte Zivilgesellschaft und deren Multiperspektivität nicht funktionieren.

Da überzeugte auch nicht das Argument der BVG, (Michail Iwanowitsch) Glinka sei der einzig mögliche Name, da sonst keine Straße in der Nähe des Bahnhofs in Frage käme. Denn warum hat man nicht gewartet, bis die M-Straße einen neuen Namen bekommt? Straße und Bahnhof waren doch immer zusammen gedacht worden.

Die Antwort ist offenkundig: Man wollte die Gunst der Stunde nutzen – für gute PR, die wenig kostet, weil man im Dezember wegen der neuen U5 ohnehin alle Pläne ändern muss.

Namensvorschlag von Decolonize Berlin

Doch Glinka ist weder alternativlos – noch eine gute Idee. Nicht nur weil sich im Laufe der Woche herausstellte, dass der russische Komponist (1804–57) mutmaßlich Antisemit war. Mit einer „Glinkastraße“ würde auch der koloniale Kontext verloren gehen – also genau die Geschichtsklitterung passieren, die Gegner von Umbenennungen immer monieren.

Der Namensvorschlag von Decolonize Berlin dagegen – „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ – bleibt beim Thema, wechselt aber die Perspektive, indem sie an den ersten Gelehrten und Sklavereigegner afrikanischer Herkunft an einer preußischen Universität erinnert.

Dass darüber jetzt alle reden, ist am Ende das Gute an der BVG-Aktion. Zumal sich der Landesbetrieb einsichtig zeigte und am Mittwoch erklärte, Glinka sei ja nur ein Vorschlag, Hauptsache die M-Straße komme bald weg.

Das wird aber noch ein Weilchen dauern, denn nun ist der für die Straße zuständige Bezirk Mitte wieder am Zug. Und dort hat man – trotz grünem Bürgermeister und rot-rot-grüner Mehrheit – das Anliegen bislang nicht gerade mit Verve betrieben. Aber vielleicht sind die Lokalpolitiker jetzt aufgewacht. Dafür dann doch: danke, BVG!

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Jahrgang 1969, seit 2003 bei der taz, erst in Köln, seit 2007 in Berlin. Ist im Berliner Lokalteil verantwortlich für die Themenbereiche Migration und Antirassismus.

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