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Ulf Poschardt zur BerlinaleAlle oder keiner

Wer darf welche Filme mit welchem Geld drehen? Und wer darf sich auf der Berlinale wie äußern? „Welt“-Herausgeber Ulf Poschardt hat mal wieder den Schuss nicht gehört.

Kunstfreiheit muss für alle gelten: Regisseur Abdallah Alkhatib, ausgezeichnet mit dem Preis für das beste Spielfilmdebüt Foto: Ronny Hartmann/reuters

U lf Poschardt hat mal wieder den Schuss nicht gehört. Am Montag hatte sich der „Welt“-Herausgeber wohl ganz entspannt beim hauseigenen Trash-TV-Sender selbst eingeladen und eine mundgerechte Frage zur jüngsten Berlinale-Dankesrede von Regisseur Abdallah Alkhatib servieren lassen. Seine Antwortzeit nutzte der 58-Jährige dann, um schnaubend gegen Geflüchtete zu hetzen und widersprüchlich über Kunstfreiheit zu schwadronieren.

Der Grund: Alkhatib, der auf der Abschlussveranstaltung der Berliner Filmfestspiele am Samstag für seinen Film „Chronicles from the Siege“ geehrt wurde, hatte seine Rede genutzt, um „über Palästina zu sprechen“, wie er es ausdrückte.

Dabei warf der Filmemacher, der als syrisch-palästinensischer Geflüchteter in Deutschland lebt, der Bundesregierung eine Mitschuld am „Genozid“ in Gaza vor. Man werde sich erinnern, wer den Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen zur Seite stand – und wer es nicht tat. Das bürgerliche Deutschland reagierte eingeschnappt. Auch Poschardt gefiel das anscheinend gar nicht.

Bei Welt TV wettert er gegen das „Flüchtlingsmilieu“, die „migrantische Unkultur“, den „Schrott, der hier nix verloren hat“. Danach, natürlich ohne seine Kollegin ausreden zu lassen, schlägt er implizit vor, Alkhatib nach Rafah abzuschieben – die Stadt, die durch israelische Bomben größtenteils dem Erdboden gleichgemacht wurde und in der trotz Waffenruhe immer wieder geschossen wird. Dem Kulturbetrieb als Ganzem wirft er vor, einen „eliminatorischen Antisemitismus“ salonfähig zu machen.

Grundrechte für wen genau?

Poschardt ist dabei augenscheinlich so wütend, dass er gar nicht merkt, wie schlecht seine Argumente sind. Zwischendurch schiebt er relativierend ein: „Nochmal, Kunstfreiheit muss radikal gedeckt werden.“ So in etwa: Man solle ja alles drehen dürfen, nur mit Steuergeldern finanziert werden, könne solch rot-grün-roter Kulturkampf bitte nicht: „Nicht mit meinem Geld!“, schäumt der Mann in Hemd und Pullover.

Ja was denn nun? Kunstfreiheit oder „hier nichts verloren“? „Sollen die alles machen“, oder doch lieber politische Gegner zur Strafe für abweichende Meinungen in Kriegsgebiete abschieben? Leider klappt das mit den Grundrechten bekanntermaßen nur, wenn sie für alle gelten. Und auch wenn Fördermittel und Festivalpreise nur die kriegen dürfen, die nach der Pfeife der Regierung tanzen – oder noch besser nach der der Springerpresse –, kann von Freiheit keine Rede sein.

Poschardt klingt nicht danach, als wolle er generell deutsche Filmförderung einstellen oder der Berlinale sämtliche Staatskohle streichen. Vielmehr hört es sich an, als wolle er speziell dieses Werk und diesen Regisseur aus der deutschen Öffentlichkeit entfernen – weil ihm seine Position nicht passt.

Poschardt sollte sich entscheiden: Entweder Kunstfreiheit oder autoritäres ‚IHR MACHT WAS ICH SAGE!‘ (Hier jetzt mal nur sinngemäß zitiert). Beides zusammen funktioniert nicht. Und wirkt auch irgendwie unehrlich.

In letzter Zeit merkt man, dass der Welt-Herausgeber und ehemalige DJ-Forscher inzwischen ganz weit rechts auf dem Spektrum angekommen ist. Ein Umstand, der ihm anscheinend verziehen wird – auch im liberalen Milieu ist man nachsichtig. Wenn man ihn sich so ansieht und anhört, ist aber der Eindruck vor allem: In seinem nun auch schon fortgeschrittenen Alter sollte er vielleicht mal mehr auf den Blutdruck achten.

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Fabian Schroer
Auslandsredakteur
Zuständig für Digitales im Auslandsressort. Schreibt hauptsächlich über Migration, Medien und soziale Gerechtigkeit.
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