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Ukrainischer Blick auf Venezuela„Schlag gegen russische Interessen“

Während sich Ukraines Regierung vorsichtig zustimmend zum US-Angriff auf Venezuela äußert, wird dieser in der Gesellschaft unterschiedlich bewertet.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij bei einem Briefing am 3. Januar Foto: Danilo Antoniuk/dpa

„Wenn man so mit Diktatoren umgehen kann, dann wissen die USA, was sie als Nächstes tun müssen“, kommentierte Präsident Wolodymyr Selenskyj das US-Eingreifen in Venezuela. Das südamerikanische Land sei seit Jahrzehnten eine brutale von Russland unterstützte Diktatur, argumentiert der Abgeordnete Maryan Zabloskiy von der Regierungspartei „Diener des Volkes“ auf Facebook. Die US-Maßnahmen seien gerechtfertigt. Für die Ukraine sei die Entwicklung sehr positiv. Russland verliere Einfluss, Ressourcen und Prestige.

Mit der Festnahme Maduros verliere Russland einen weiteren Verbündeten, zitiert 24tv.ua den Politologen Petro Oleschtschuk. Venezuela sei für Russland nach dem Sturz Assads in Syrien ein neuer Rückschlag. Die Entwicklung zeige, dass Russlands internationales Bündnissystem zunehmend brüchig werde.

Das offizielle Kyjiw müsse das Vorgehen des US-Präsidenten in Venezuela unterstützen, meint der Politologe Gleb Ostapenko laut 24tv.ua. Moskau sei dort machtlos, könne lediglich seine Besorgnis äußern.

Der auf Militär spezialisierte Beobachter Denis Popowitsch glaubt, dass die Ölpreise fallen, sollten die USA tatsächlich das venezolanische Öl kontrollieren. Und das wäre, so zitiert ihn 24tv.ua, für Russlands Staatshaushalt ein empfindlicher Schlag.

Maduros „antiukrainische Regime“

Auf „Radio NV“ bewertet der Politologe Iwan Fetschko die amerikanische Militäroperation in Venezuela als Erfolg. Diese habe die Fragilität und strukturelle Schwäche des venezolanischen Regimes offengelegt. Gleichzeitig sei der Schlag gegen Venezuelas „antiukrainisches Regime“ auch ein Schlag gegen die russischen Interessen gewesen. Denn Russland wurde eine wichtige Stütze in der westlichen Hemisphäre genommen.

Wenig Freude indes bereitet das US-Vorgehen dem in der Ukraine sehr bekannten exilrussischen Journalisten Arkardi Babchenko. „Ich würde mich an der Stelle der Ukrainer nicht darüber freuen.“ Nun herrsche nicht mehr das Völkerrecht, sondern das Recht des Stärkeren. Und das sei langfristig gefährlich. Wenn Trump nun glaube, er könne Diktatoren jederzeit schnell stürzen, senke das die Hemmschwelle für neue militärische Abenteuer. Und wenn sich die USA dann auch noch auf andere Kriege konzentrierten, stünde die Ukraine Putin allein gegenüber, so Babchenko in der New Voice.

Auch der Gewerkschaftsaktivist Vitali Dudin warnt davor, militärische Interventionen – selbst durch Verbündete – zu legitimieren, weil das internationale Recht weiter ausgehöhlt wird. Langfristig schade das der Ukraine.

Nun zeige sich, so der in Odessa lebende Anarchist Wjatscheslaw Asarow, dass Trump sich vorwiegend mit Lateinamerika und sogenannten „ungehorsamen Staaten“ beschäftigen werde und damit die ukrainezentrierte Phase der Weltpolitik vorbei sei. Für die ukrainische Führung bedeute das, dass sie sich in einer sich schnell wandelnden Welt rasch sichern solle, was noch zu sichern sei: Sicherheitsgarantien, Investitionen und Territorien. Das sei nur durch einen Friedensvertrag möglich.

Sorge, dass Maduro zum Märtyrer werden könnte

Serhi Sydorenko und Hanna Schelest fürchten in der Ukrajinska Prawda, dass es mit Maduro so gehen könne wie mit Saddam Hussein. Die USA hatten ihn als Verbrecher hingestellt, tatsächlich aber wird er von vielen nun als Märtyrer angesehen. Bisher hatten auch Führer von mit den USA verfeindeten Staaten wie Muammar al-Gaddafi oder iranische Ayatollahs die Vollversammlung der UNO in New York besuchen können, so Sydorenko und Schelest. Wenn die Amerikaner auf dem Territorium eines anderen Staates so handeln wie sie es getan haben und Trump andeutet, dass er dies wiederholen könnte, stelle sich die Frage, ob er nicht ähnliches eines Tages auch auf eigenem Territorium tun werde.

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