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Ukrainische Armee486 Tage ununterbrochen im Kampfeinsatz

Oberleutnant Iwan Kawun war so lange an der Front wie kein anderer ukrainischer Soldat. Er vermisste vor allem Trinkwasser und den Kontakt zu Angehörigen.

Zerstörtes Haus in Slowjansk: Hier war der Zug stationiert, den Iwan Kawun befehligte Foto: Juri Larin

Aus Charkiw und Slowjansk

Juri Larin

„Ich darf nicht allein in ein Geschäft gehen … In den anderthalb Jahren habe ich vielleicht fünf Äpfel gegessen“, sagt der 38-jährige Iwan Kawun lächelnd. Der Kommandeur eines Maschinengewehr-Zuges der 30. Brigade, der gerade von der Front zurück ist, deutet an, dass er in Läden am liebsten alles probieren würde. Offiziell war Kawun 486 Tage ununterbrochen in den Stellungen, länger als jeder andere Soldat in der Ukraine. Diesen Negativrekord bestätigt auch seine Brigade: Bis heute gibt es bei den ukrainischen Streitkräften keinen vergleichbaren Fall.

Ein Kamerad bringt Iwan in einem altersschwachen, staubigen Jeep an den Stadtrand der ostukrainischen Stadt Slowjansk. Nicht weit von dort verläuft die Straße in Richtung seiner früheren Stellungen im bereits besetzten Bezirk Bachmut im Donezker Gebiet.

Das Treffen mit Iwan Kawun findet auf den Trümmern des Hauses statt, in dem der von ihm befehligte Zug stationiert war. Aktuell gebe es in diesem Zug weder Menschen noch Ausrüstung, erklärt der Offizier. Ein Teil der Soldaten sei in medizinischer Behandlung, der andere tot. Einige seien desertiert.

Von dem Haus ist ebenso wenig übrig geblieben wie von Kawuns Zug, nachdem hier im vergangenen Oktober eine russische Fliegerbombe eingeschlagen war. Im Inneren der Ruine liegen noch ein paar private Gegenstände der Soldaten, doch Kawun will sie nicht unter den Trümmern suchen: „Wahrscheinlich hat Gott beschlossen, dass ich mich von ihnen verabschieden sollte.“

Schlechter Gesundheitszustand, gelbliche Haut

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie es jemandem nach 486 Tagen Fronteinsatz geht. Außer vielleicht der schlechte Gesundheitszustand, in dem Soldaten von der Front kommen. „Mein ganzer Körper schmerzt, die Knie, der Nacken. Ich bin so schwach, manchmal schwanke ich im Stehen. Meine Hände zittern, meine Beine auch. Manchmal zittert meine Hand, ich spüre die Finger nicht. Ich glaube nicht, dass es psychische Probleme sind. Ich kann einen 10-Liter-Eimer anheben, aber es fällt mir schwer. Beim Laufen knicken mir manchmal die Beine weg“, erklärt Kawun.

Die Finger des Soldaten sind gelb von Schmutz und Tabakrauch, die Farbe geht auch beim Waschen nicht weg. Seine Hände sind voller Schrammen und Narben. Hin und wieder zündet Kawun sich eine Zigarette an, aus Gewohnheit fängt er die Asche mit seiner Hand auf. Die langen Monate in den Stellungen haben ihn gezwungen, seine Spuren zu verwischen. Eine Zigarette hätte den Gegner auf ihn aufmerksam machen können.

Auf dem Unterarm von Iwan Kawun verewigt: Tatoo für Zahar, seinen Sohn Foto: Juri Larin

Die Gesichtshaut des im Prinzip jungen Soldaten ist gelblich und trocken. In den vergangenen 17 Monaten hat er sich von Ein-Personen-Rationen der Armee und aus Dosen ernährt. Häufig hatte er starken Durst. Bei unserem Gespräch trinkt er Sprudel. „Ich habe mich immer sehr nach Sprudelwasser gesehnt“, bekennt er. „Jetzt habe ich vor allem Appetit auf Obst und Gemüse. Man darf mich nicht allein in Geschäfte lassen“, wiederholt er.

Nachschub auf dem Luftweg

Kawun hat für sich selber festgelegt, wie viel er mindestens trinken muss, etwa 700 Milliliter. Wenn man diese Menge trinkt, treten keine körperlichen oder psychischen Veränderungen auf, „damit kommt man klar“, sagt er. Man könne sogar ein paar Tage mit einem halben Liter auskommen, müsse dann aber unbedingt wieder zu 700 Millilitern zurück.

Mit dem Wasser gab es an der Front immer Probleme, da Nachschub nur auf dem Luftweg geliefert werden konnte. Oft gingen beim Abwurf die Wasserflaschen kaputt. Bis die Piloten eine Technik zum Verpacken des Wassers entwickelt hatten, war Wasser ein ernstes Problem. Doch trotz allem teilten die Soldaten in den Unterständen ihr Wasser und Essen mit einer Katze.

Ungefähr alle zehn Tagen konnten die Soldaten mit ihren Angehörigen sprechen, in Form von 30-sekündigen Sprachnachrichten, die Kameraden mit Funkgeräten aufnahmen und an die Telefone der Empfänger weiterschickten. In den ersten sieben, acht Monaten bekamen sie darauf aber keine Antwort. Manchmal bekam Kawun aber auf Papier geschriebene Briefe von seinen Eltern, die trägt er bis heute bei sich. Erst später gab es direkten Kontakt. „Bei der ersten Nachricht über Funk kamen mir die Tränen. Sie war von meinem Sohn, der mir 30 Sekunden ein Lied vorgesungen hat. Im Kindergarten geht er zum Gesangsunterricht“, erinnert sich der Offizier.

Vom Stadtzentrum in Slowjansk bis zur Frontlinie sind es weniger als 20 Kilometer. Zwei Salven der russischen Artillerie sind zu hören, das typische Fluggeräusch von sich in der Luft drehenden Granaten, gefolgt von Explosionen im Stadtzentrum. Kawun erzählt, dass er das an der Front eher als etwas weit Entferntes wahrnahm, das ihn persönlich gar nicht betraf. Genau wie bei der russischen Drohne, die während unseres Gesprächs in einiger Entfernung vorbeifliegt. „Man könnte sich in einer Garage verstecken“, sagt Kawun träge, aber er setzt sich nicht in Bewegung.

Hauptinteresse ist jetzt die Familie

Begleiterin an der Front: diese Katze wurde stets mit Wasser und Nahrung versorgt Foto: privat

Iwan Kawun will kein Held in einer tragischen Geschichte sein. Es muss ein glückliches Ende geben, das hat er sich in seiner Fantasie ausgemalt – ein Wiedersehen mit seiner Freundin und seinem Sohn. „Ich hab mir schon überlegt, wie das ablaufen soll.“ Aber er ist ein bisschen abergläubisch und will deshalb nicht zu viel verraten. Sonst könnte es sich nicht erfüllen. Die Familie ist so ziemlich das Einzige, was ihn wirklich interessiert. Der Rest ist entweder völlig unwichtig oder kann warten.

„Menschen, die vor nichts Angst haben, gibt es nicht. Eigentlich beunruhigt mich nichts. Aber solange ich hier nahe der Frontlinie bin, habe ich Angst um mein Leben. An der Front wäre ich bereit gewesen es zu opfern, aber hier nicht mehr. Nach allem, was hinter mir liegt, wäre das eine persönliche Kränkung“, gesteht er.

Es ist nicht überraschend, dass Soldaten beginnen, stärker an Gott zu glauben, vor allem an der Front. So auch Kawun. „In den Schützengräben gibt es keine Ungläubigen. Seit ich zur Armee gekommen bin, glaube ich stärker. Ich habe sogar jeden Tag gebetet. Weiß nicht mal, woher ich das Vaterunser kenne. Außerdem haben wir auf dem Weg zu den Stellungen das Neue Testament gefunden, ich habe es dreimal gelesen“, erzählt er.

Zwei Hochschulabschlüsse und militärische Ausbildung

Iwan Kawun hat zwei Hochschulabschlüsse: einen von der Nationalen Akademie für öffentliche Verwaltung unter dem Präsidenten der Ukraine, den anderen von der Nationalen Universität für Kunst und Kultur in Kyjiw. Vor seiner Einberufung am 1. Juli 2023 war er 13 Jahre lang bei der Zentralen Wahlkommission für die Organisation und Durchführung von Wahlkampagnen zuständig. Er war zwar vom Wehrdienst befreit, meldete sich aber freiwillig. Nach der Mobilmachung machte er noch eine Ausbildung an der Nationalen Akademie der Landstreitkräfte, anschließend einen dreimonatigen Lehrgang in Großbritannien.

Im Dezember 2023 kam er im Raum Kupjansk erstmals zum Einsatz, später war er im Raum Kramatorsk stationiert. Zwischen November 2024 und dem 27. März dieses Jahres war er im Bezirk Bachmut, bis zum Zeitpunkt des Rückzugs lag er nur neun Kilometer hinter der feindlichen Linie. Für die 18 Kilometer aus dem Kessel heraus bis Slowjansk brauchten sie sechseinhalb Stunden. Zwei weitere Soldaten, mit denen Kawun unterwegs war, sind in medizinischer Behandlung, einer ist in der Psychiatrie. Der Offizier wurde für mehrere Auszeichnungen vorgeschlagen.

Eine andere Welt im Hinterland

Jetzt, in Slowjansk, hat Iwan Kawun Angst vor dem Abzug ins Hinterland; er weiß nicht, wie fremde Menschen auf ihn reagieren werden. Was als Nächstes passieren wird und ob er wieder an die Front muss, weiß der Offizier genauso wenig. Alles hinge von seinem Gesundheitszustand ab, sagt er.

In Slowjansk hat Kawun vor allem die Existenz von KI schockiert: „Für mich war künstliche Intelligenz etwas Neues. Bevor ich an die Front kam, gab es das so noch nicht“, erzählt der Offizier. Auf die Frage, wie sich die Welt sonst noch verändert habe, antwortet Iwan Kawun: „Ich habe die Welt noch nicht wieder gesehen. Aber in Slowjansk und Kramatorsk hat sich vieles verschlechtert. Viel wurde zerstört, hier leben jetzt viel weniger Menschen. Es ist viel schwieriger, bestimmte Dienstleistungen zu erhalten. Auch die Preise haben sich verändert.“

Wie alle Soldaten, die monatelang an der Front waren, ist auch bei Iwan Kawun ein gewisser Groll auf die Gesellschaft spürbar. „Man schaut sich Tiktok und all den Kram an, da sind solche Idioten unterwegs. Es ist Krieg und ihr lebt, als gäbe es den in der Ukraine nicht. Ich verstehe gut, dass es Menschen gibt, die nicht mal ein halbes Jahr an der Front durchstehen würden“, meint der Offizier.

Über den Krieg möchte er nicht gerne sprechen. „Wenn jemand beim Essen mit mir über so etwas sprechen will, lehne ich ab. Mit Soldaten teile ich vielleicht noch ein paar Erfahrungen, ein paar Erlebnisse. Aber mit Zivilisten gibt es keine Gemeinsamkeiten. Das ist so, als würde man mit einem Franzosen Ukrainisch sprechen“, findet der Offizier.

Kawun ist nicht besonders stolz auf seine Leistungen. „Ich denke, ich habe mein selbst gestecktes Ziel erreicht. Vor allem habe ich meiner Familie versprochen, lebend zurückzukommen. Ich wünsche niemandem, in solch eine Situation zu geraten. Mehr als zwei Monate unter solchen Bedingungen kann ein Mensch nicht aushalten.“

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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