Überlassen wir die Jugend den Rechten : Wer nicht da ist, verliert
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Was entscheidet darüber, ob sich ein frustrierter Jugendlicher radikalisiert oder seine Wut in etwas Produktives umwandelt? Ein Ossi of Colour und ein rechter Aussteiger diskutieren.
In einer früheren Mauerecho-Folge sagte Sarah Schröder von der Alten Spitzenfabrik im sächsischen Grimma: „Es hätte damals nur einige Zufälle gebraucht und ich hätte auch bei den Nazis landen können.“ Christian Weißgerber, Gast der aktuellen Folge und ehemaliger Neonazi, erzählt von der entgegengesetzten Erfahrung. In Eisenach habe es damals keine gut organisierten linken Strukturen gegeben. Mit seiner Wut, sagt er, hätte er ebenso „ein extrem guter Linksaußen werden können“.
Eine wichtige Rolle spielt, wem Jugendliche begegnen und welche Gemeinschaft ihnen angeboten wird. Weißgerber beschreibt die Nachwuchsgewinnung als strategische Kernarbeit der rechten Szene. Junge Menschen seien über Bekannte und Veranstaltungen erreicht worden, die zunächst Spaß und einen sozialen Raum geboten hätten. Weißgerber diskutiert mit dem Mauerecho-Host Dennis Chiponda.
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Die Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus bestätigt diese Strategie: Extremistische Akteure nutzen demnach Grillfeste, Konzerte, Fußballturniere und andere Freizeitangebote, um Jugendliche anzusprechen. Ideologische Botschaften stehen anfangs häufig im Hintergrund. Radikalisierung beschreibt die BIGE als vielschichtigen Prozess, bei dem Wut, mangelnde Anerkennung und Orientierungslosigkeit eine Rolle spielen können.
Diese Faktoren führen jedoch nicht automatisch in den Rechtsextremismus, betont der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak: „Haltlosigkeit, Wut und fehlende Anerkennung führen nicht automatisch in den Rechtsextremismus: „Man kann genauso gut die Fusion gründen oder zu den Backstreet Boys auf Konzerte gehen.“
Die Jugendzentren verschwinden
Doch viele niedrigschwellige Räume sind verschwunden. Laut dem 17. Kinder- und Jugendbericht sank die Zahl der Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit zwischen 2006 und 2020 um 24,2 Prozent – von 17.966 auf 13.617. Die Zahl der Jugendräume und Jugendheime ohne hauptamtliches Personal ging sogar von 7.019 auf 3.183 zurück. Der Bericht nennt dafür unterschiedliche Ursachen; einen automatischen Zusammenhang mit Radikalisierung beweisen die Zahlen nicht.
Wie wichtig neben Räumen auch verlässliche Bezugspersonen sind, zeigt die Arbeit der Bildungsreferentin Luana Brückner. Ihr Projekt „Brücken, die uns näher rücken“ verliert im Zuge der Umstrukturierung von „Demokratie leben!“ Ende des Jahres seine bisherige Förderung. Brückner warnt: „Wenn wir das nicht machen, machen das eben andere. Und die wissen genau, was sie wollen und wo sie hinwollen.“
Eine schlecht ausgestattete Jugendarbeit macht junge Menschen nicht automatisch rechtsextrem. Doch sie lässt Lücken, die die organisierte Rechte gezielt nutzen kann. Warum demokratische Jugendarbeit deshalb verlässliche Orte, Fachkräfte und langfristige Unterstützung braucht, hört ihr in der neuen Folge Mauerecho.
„Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der taz panterstiftung. Er erscheint alle zwei Wochen donnerstags auf taz.de/mauerecho sowie überall, wo es Podcasts gibt. Besonderer Dank gilt unserem Sounddesigner Sebastian Jautschus.
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