Übergriffiger Turnsport: Keine Entschuldigung
Das Frauenturnen ist nach Enthüllungen über das brutale Trainingsregiment in der Krise. Die kann beim DTB-Pokal nicht einfach weggeturnt werden.

„Das wird sicher klappen,“ sekundierte sein Pressesprecher, der auch erklärte, es werde während der Wettkampftage „Videoeinspielungen“ geben: „Damit nicht der Eindruck entsteht, wir würden das wegdrücken wollen.“ Das Video bestand vor allem aus einem QR-Code, der zu „Fragen und Antworten“ führt. Auf die Frage, warum sich der Verband bis heute nicht persönlich an die Turnerinnen gewandt hat, heißt es etwa: „Aufgrund der aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind wir zudem gehalten, hier zurückhaltend zu sein.“
Die Welle der öffentlichen Schilderungen von Schikanen, Erniedrigungen, Training mit Verletzungen und anderem mehr hatte am 19. Dezember ihren Anfang genommen; die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen am 6. Februar. An diesem Tag stellte das Landeskriminalamt unter anderem in der STB-Geschäftsstelle Unterlagen sicher. Die Ermittlungen wegen des „Verdachts der Nötigung in mehreren Fällen“ richten sich, so die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, „gegen einen Beschuldigten, der vormals als Trainer am Kunst-Turn-Forum tätig war“. Außerdem gibt es nun auch einen Expertenrat des Landessportverbands Baden-Württemberg.
Das Vorgehen des STB bleibt irritierend. Noch vor zwei Wochen erklärte Geschäftsführer Ranke zu den erhobenen Vorwürfen, es gehe aktuell „hauptsächlich um verbale Entgleisungen“. Gleichwohl hatte der STB bereits vor über zwei Monaten „dauerhafte personelle Maßnahmen“ verkündet – so die schwäbische Umschreibung dessen, was offenbar zwei Kündigungen sind. Sie betreffen Giacomo C. und Marie-Luise M., die jahrelange sportliche Leitung des Kunst-Turn-Forums.
Längst bekannte Vorwürfe
Deren Kündigung war bereits 2021 ein Thema, als die Verantwortlichen der Brief von Olympiateilnehmerin Tabea Alt erreichte, in dem sie auf über 30 Seiten Missstände in Stuttgart beschrieben hatte. Damals forderten offenbar bereits Stimmen im Deutschen Turner-Bund die Entlassung der Stützpunkttrainerin. Der schwäbische Landesverband hingegen versicherte, er werde die notwendigen Maßnahmen zur Besserung der Lage ergreifen. Am 20. März erklärte STB-Präsident Markus Frank dann bei der Landtagsanhörung: „Die Schilderungen bestürzen uns zutiefst.“ Er ist seit Mai 2021 im Amt, Geschäftsführer Matthias Ranke seit Januar 2020 und Bundesstützpunktleiter Michael Breuning seit einer gefühlten Ewigkeit.
Am Sonntag schauten diese Herren sich gemeinsam die Finalwettkämpfe an. Auf die Frage, warum sie die Veranstaltung nicht genutzt hätten, um in aller Öffentlichkeit um Verzeihung zu bitten, erklärte Frank, man werde „die Sachlage aufklären“ und dann werde er das Gespräch mit den Betroffenen suchen. Die Frage, welche Verantwortung die Funktionäre für das tragen, was sich zum Teil ja vor ihren Augen – die Büros der Stützpunktleitung befinden sich im Kunst-Turn-Forum – abgespielt hat, ist offen.
Für das Gros der Turnfans in der Halle blieb eine andere Frage unbeantwortet: Wo ist Helen Kevric? Die beste deutsche Turnerin des vergangenen Jahres – achter Platz im olympischen Mehrkampffinale, betreut von Giacomo C. – hat sich bislang zu der gesamten Debatte nicht geäußert und ist seit Dezember nicht mehr angetreten.
Zu Kevrics aktuellem Zustand gab es trotz mehrfacher Nachfragen keine zufriedenstellende Antwort. Die Situation sei „schwierig“ und jede Turnerin habe „ihren individuellen Weg“, erklärte Bundestrainer Gerben Wiersma. Vor wenigen Wochen übernahm mit Aimee Boorman die ehemalige Trainerin von Simone Biles das Training am Kunst-Turn-Forum. Ihr Motto: „It’s just gymnastics.“
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