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Übergriffe auf Ukrainer in Polen„Ich weiß, wo du wohnst!“

Die Stimmung gegenüber Ukrainern in Polen ist gekippt. Immer öfter kommt es zu Angriffen. Präsident Karol Nawrocki zündelt mit an vorderster Front.

Aus Warschau

Gabriele Lesser

Drei Schläger verprügeln auf offener Straße ein junges ukrainisches Paar. Eine Kamera hoch oben in einem Wohnblock in Wrocław (Breslau) nimmt alles auf. Nestia und Maxim landen im Krankenhaus. Der Ukrainerin muss ein gerissenes Ohr genäht werden. Das verwackelte Video landet im Internet und später in den Hauptnachrichten im Fernsehen. In Gdynia (Gdingen) wird eine 40-jährige Ukrainerin mit einem Spazierstock so stark auf den Kopf geschlagen, dass sie im Krankenhaus behandelt werden muss. Der mutmaßliche Täter, ein Pole, ist flüchtig.

„Du kleine Hure“, pöbelt in Bielsko-Biała ein stämmiger Pole ein elfjähriges Mädchen aus der Ukraine an. Er wolle nicht, dass sie mit polnischem Geld durchgefüttert werde, bis sie groß sei. „Verpiss dich!“, grölt er in Hooligan-Manier. Dann droht er: „Ich weiß, wo du wohnst!“ – und packt zu.

Die kleine Ukrainerin versucht die Nerven zu behalten, schreit erst trotzig: „Wo wohne ich denn?“, und dann voller Angst: „Lassen Sie mich los!“ Da erst greifen andere Passanten ein, überwältigen den Mann und rufen die Polizei. Da das Mädchen alles mit der Handykamera aufgenommen hat, gibt es einen gerichtsverwertbaren Beweis gegen den mutmaßlichen Täter. Sein Arbeitgeber hat ihn sofort entlassen.

Im oberschlesischen Gliwice (Gleiwitz) wiederum missfällt es einem Polen, dass im Stadtpark auch eine Gruppe von Polen und Ukrainern gemeinsam grillt. Die Gruppe lässt sich von den vulgären Beleidigungen nicht provozieren, und der von Ausländerhass getriebene Mann muss sich zurückziehen. Doch er kommt wieder – diesmal mit Sturmhaube und Baseballschläger. Bevor er überwältigt werden kann, verletzt er einen Ukrainer so schwer, dass dieser ärztlich versorgt werden muss. Die Polizei kann den Flüchtigen schnell festnehmen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Keine Einzelfälle

Das sind keine Einzelfälle. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres stellten ukrainische Geflüchtete, aber auch Angehörige der ukrainischen Minderheit in Polen 180 Strafanzeigen wegen „Hassverbrechen“ gegen sie. Das entspricht einer Steigerung von über 30 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr. Noch 2024 lag die Zahl bei 267 Strafanzeigen. Im Jahr darauf – 2025 – war sie schon auf 275 gestiegen. Dabei würden sehr viele Straftaten gar nicht angezeigt, so die Chefin einer Breslauer proukrainischen Hilfsorganisation gegenüber Radio TokFM.

Von der großen Solidarität und Gastfreundschaft direkt nach Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 ist kaum etwas übrig geblieben. Damals erinnerten sich viele Polen an die Hilfe, die sie selbst einmal erhalten hatten, und nahmen gerne ukrainische Mütter und ihre Kinder bei sich zu Hause auf.

Überall im Land hingen zum Zeichen der Solidarität ukrainische Flaggen. Die große Anzahl ankommender Geflüchteter forderte von Polens Behörden und der Gesellschaft eine gewaltige Anstrengung, denn es kamen Millionen Geflüchtete, die zwar oft in andere Länder Europas weiterreisten, aber doch zumindest eine Erstversorgung in Polen bekommen mussten.

Polens Regierung und Parlament beschlossen sehr schnell ein Sondergesetz, das es Ukrainern ermöglichte, sofort eine legale Arbeit in Polen aufnehmen zu können und auch krankenversichert zu sein. Polnische Staatsbürger wiederum, die Geflüchtete bei sich zu Hause aufnahmen, erhielten vom Staat ein Tagegeld von umgerechnet 10 bis 12 Euro pro Person.

Antiukrainische Fake News

Doch der Krieg dauert nun schon viel länger an als zunächst angenommen. Längst flutet Russland das polnische Internet mit täglich mehreren Millionen antiukrainischen Fake News und Hassbotschaften, die insbesondere von rechten Parteien und Politikern gerne aufgenommen und weiterverbreitet werden. Linksliberale Publizisten warnen immer öfter vor einer antiukrainischen Pogromstimmung im gar nicht mehr hilfsbereiten Polen.

Tonangebend unter den Politikern ist Polens rechtsnationaler Staatspräsident Karol Nawrocki, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vom „Völkermord“ der Ukrainer an den Polen 1943 in Wolhynien spricht.

Er greift dabei gerne auf den Sprachgebrauch der russischen Propaganda von den „ukrainischen Bandera-Faschisten“ und den „bestialischen Verbrechen der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA)“ zurück. Stepan Bandera war als junger Mann Anführer einer der beiden Organisationen ukrainischer Nationalisten geworden, saß aber bereits in einem deutschen KZ, als die Massaker an polnischen Dorfbewohnern begannen.

Obwohl Nawrocki schon über ein Jahr im Amt ist, hat er es noch nicht über sich gebracht, dem vom Krieg überzogenen Nachbarland einen Antrittsbesuch abzustatten. Zudem hat er den historischen Konflikt eskaliert und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den höchsten polnischen Orden, den „Weißen Adler“, aberkannt.

Ukraine-Hilfe stoppen

Andere Politiker wie Przemysław Czarnek, der 2027 als Premierminister-Kandidat für die rechtsnationale Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) antreten soll, will jegliche Ukraine-Hilfe stoppen und den EU-Beitrittsprozess der Ukraine so lange blockieren, bis die Ukraine die vom polnischen Sejm 2023 zum „Völkermord“ erklärten Massaker von Wolhynien an 60.000 bis 200.000 Polen als solchen anerkennt.

Die neueste Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ibris zeigt, dass über die Hälfte der befragten Polen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für die Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen verantwortlich macht und gegen einen EU-Beitritt der Ukraine ist.

Einer Umfrage für die Zeitschrift Polityka zufolge würden 44 Prozent die militärische Hilfe für die Ukraine einstellen. 55 Prozent halten es für richtig, dass Polens Präsident Nawrocki Selenskyj den „Weißen Adler“ aberkannt hat. Zudem sind 65 Prozent der Befragten dagegen, dass sich polnische Soldaten nach Kriegsende an einer internationalen Friedensmission in der Ukraine beteiligen.

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