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Über die geschlechtergerechte Stadt„Die Stadt ist gemacht für den weißen Mann in einem Auto“

Hamburg ist nicht für alle gebaut. Ein feministischer Stadtrundgang zeigt, was fehlt. Das sind nicht nur öffentliche Toiletten, sagt Luise Wolff.

Interview von

Nele Rebentisch

taz: Frau Wolff, welche Orte in Hamburg zeigen besonders deutlich, dass unsere Stadt nicht für alle Menschen gleich gut funktioniert?

Luise Wolff: Eigentlich sieht man das schon gut bei öffentlichen Toiletten. Also, wie viele gibt es in der Stadt, für wen sind sie gemacht und wie zugänglich sind sie. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass es bei einer feministischen Stadt nicht um eine Stadt für Frauen geht, sondern eine geschlechtergerechte Stadt. Es gibt verschiedene Diskriminierungsformen und Geschlecht ist ein Aspekt. Es geht aber auch zum Beispiel um Rassismus und Klassismus.

taz: Wer wird in der heutigen Stadtplanung in Hamburg besonders ausgeschlossen und wer wird im Gegenzug planerisch am meisten bevorzugt?

Wolff: Studien zeigen, wenn Geschlecht bei der Planung nicht mitgedacht wird, dass sie dann vor allem Männer zentriert und Männer bevorzugt. Benachteiligt werden alle, die davon abweichen, das sind zum Beispiel Frauen, aber auch nicht binäre und queere Personen. Die Stadt ist gemacht für den weißen Mann in einem Auto.

Im Interview: Luise Wolff

Luise Wolff, 28, ist Bildungsreferentin bei der W3 Werkstatt für internationale Kultur und Politik und wohnt in Hamburg.

taz: Und wie sieht das konkret aus?

Wolff: Besonders merken das Personen mit einer Behinderung, die ihre Mobilität betrifft – das sieht man auf jeden Fall auch im Stadtbild, beispielsweise an der Bodenbeschaffenheit und Hürden, die man einfach mitdenken und abschaffen müsste. Auch da fällt auf, dass die Stadt für Personen gemacht ist, die Auto fahren. Dann geht’s aber auch darum, wer ist überhaupt sichtbar in der Stadt. Das wird zum Beispiel daran deutlich, wie viele Straßennamen nach Frauen oder Personen of Color benannt sind.

taz: Warum geht die Stadtplanung noch immer von einem neutralen Einheitsmenschen oder dem Mann aus?

Wolff: Das hängt damit zusammen, wer das entscheidet, das ist einfach historisch gewachsen. Es waren einfach sehr häufig Männer, die die Stadt für Männer konzipiert haben. Gar nicht unbedingt absichtlich. Aber es fehlten und fehlen andere Perspektiven. Deshalb ist es so wichtig, das intersektional zu betrachten und verschiedene Diskriminierungsformen mitzudenken, um mehr Perspektiven einzubeziehen. Und das heißt in der Schlussfolge auch, dass diese Personen auch in Entscheider*innen-Positionen müssen.

taz: Reicht es also nicht, dass die Hamburger Behörde für Stadtplanung und Wohnen in den vergangenen 18 Jahren in Frauenhand war?

Wolff: Nein. Selbst wenn jetzt Frauen auf Entscheider*innen-Positionen sind, dann können sie immer noch weiße, nichtbehinderte, nicht von Klassismus betroffene Personen sein. Und dann fallen ja schon mal viele Perspektiven weg.

Feministischer Stadtrundgang

„Gender and the City- Ein feministischer Stadtrundgang zu (Un-)Sichtbarkeiten, Care, Sicherheit und Umwelt(un)gerechtigkeit“, mit Leonie Weizsäcker und Luise Wolff, beide sind Bildungsreferentinnen der W3

8. 8., 14 bis 17 Uhr, Treffpunkt vor dem W3, der Werkstatt für internationale Kultur und Politik, Nernstweg 32-34, Hamburg. Weitere Infos und die Möglichkeit, sich anzumelden, gibt es auf der Internetseite der W3. Eintritt frei, aber um Spenden wird gebeten.

taz: Scheitert inklusive Planung eher an der Erkenntnis, an den Ideen oder an der Umsetzung?

Wolff: Ich würde sagen, die Erkenntnisse sind da und es scheitert eher an der Umsetzung. In Wien beispielsweise gibt es seit 2013 ein Handbuch, an dem sich die Stadtplanung orientieren soll. Denn wer eingeschlossen wird, ist immer auch eine Ressourcenfrage.

taz: Aber reicht ein Handbuch, wenn Gleichstellungsziele immer auch mit wirtschaftlichen Interessen, Wohnungsbau und Verkehr konkurrieren? Oder braucht es mehr Verbindlichkeit?

Wolff: Ich glaube, es braucht ganz konkrete Ziele, wie die gerechte Stadt aussehen soll. Aber manchmal macht es Sinn, einfach auch klein anzufangen. Bei breiteren Gehwegen für Personen mit Kindern zum Beispiel.

taz: Wie könnte eine Stadt aussehen, die sich an unterschiedlichen Lebensrealitäten orientiert?

Wolff: Es muss gemeinschaftlicher gedacht werden, denn die Stadtviertel sind unterschiedlich gut aufgestellt. In einkommensstarken Vierteln gibt es mehr öffentliche Toiletten. Wichtig wäre, dass man die Stadt als Ganzes denkt und das Ziel ist, dass Menschen, egal wo sie leben, innerhalb von 15 Minuten an den wichtigsten Orten, also Einkaufen, Arzt und Kita sind. Und wir brauchen gemeinsame Orte im Grünen, wo sich Leute begegnen können.

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