Streit um öffentliche Toilette in Hamburg: Das Pinkelprivileg

An der Alster wurde die Frauen-Toilette zur Unisex-Toilette umgebaut, während die Männertoilette erhalten blieb. Linke-Politiker fordern Rückbau.

Drei Urinale vor grüner Wand, das mittlere ist mit Band abgesperrt

Nicht nur wegen Corona ein heikles Thema: Abstand auf Toiletten wie hier in Basel Foto: Georgios Kefalas/dpa/KEYSTONE

HAMBURG taz | In Hamburg wird darüber gestritten, dass Frauentoiletten zugunsten einer Unisex-Variante abgeschafft wurden. Nicht ganz unwichtig ist dabei: Die Betreuung der rund 130 öffentlichen Toiletten ist seit 2016 Sache der grün geführten Umweltbehörde, genau genommen der Stadtreinigung. Und in der Drucksache zur Entscheidung hieß es schon damals, dass „aus gleichstellungspolitischen Gründen“ künftig beim Umbau „stets der Gedanke von Unisex-Toiletten“ geprüft werde. Wobei Urinale, also Stehpinkelbecken für Männer, zwar nicht „geschlechtsneutral“, jedoch in Einzelfällen eine wichtige Ergänzung seien.

Nun ist Papier geduldig und so ein Umbau wird wegen knapper Mittel nur nach und nach irgendwo fertig. An der Hamburger Alster am Fähranleger „Alte Rabenstraße“ wurden etwa die unterhalb des Anlegers liegenden Toiletten saniert und umgebaut – für veranschlagte 460.000 Euro.

Das seit April zu bestaunende Ergebnis ließ laut Lokalpolitiker Peter Gutzeit eine taz-Leserin zum Hörer greifen, um sich bei der Linksfraktion im zuständigen Bezirk Eimsbüttel zu beschweren.Gutzeit ging mit einigen Genossen an die Alster und findet: Das, was dort gebaut wurde, geht gar nicht. „Die Frauen haben keine eigene Toi­lette mehr, dafür haben die Männer jetzt zwei.“

So wurde im ehemaligen Männerklo die eine Kabine mit Sitztoilette entfernt. Dort stehen jetzt drei Urinale, eins hängt niedriger und ist für Jungs. Das ehemalige Frauenklo wurde mit mehr Kabinen ausgestattet, draußen an die Tür ein Unisex-Symbol angebracht. Auch Männer müssen im Zweifel da rein.

Gutzeit reichte nun mit seiner Fraktionskollegin Manuela Pagels und Fraktion einen Antrag „zur Wiederherstellung der bisher getrennten Frauen- und Männerklos“ am Alsteranleger ein. Denn nach einer spontanen Umfrage unter Passanten seien acht von zehn Frauen empört und geschockt gewesen, dass nun Männer ihren Toilettenbereich benutzen dürfen. Umgekehrt sei es Männern unangenehm, das Sitzklo im Frauenbereich zu nutzen.

Auch Umweltbehörde erhielt eine Beschwerde

In dem Antrag wird der Rückbau gefordert, denn: „Frauentoiletten müssen Frauentoiletten bleiben. Basta!“ Als Begründung führt die Linksfraktion Argumente an, die sich auf dem Wikipedia-Eintrag zu Unisex-Toiletten finden. Etwa dass nach Erhebungen aus Großbritannien an die 90 Prozent der auf Toiletten vorkommenden sexuellen Übergriffe gegen Frauen auf Unisex-Toiletten stattfänden.

„Sie müssen dort eine Treppe runter und in einen einsamen Toi­lettenvorraum. Das ist für Frauen und Mädchen gemeinsam mit fremden Männern nicht zumutbar“, sagt Manuela Pagels. Auch für Transmenschen sei dies „ein Angst­raum, der geschaffen wird“.

Für Unisex-Toiletten, die es etwa in Zügen schon lange gibt, sprechen die bessere Ausnutzung von Platz und die Vermeidung von Ausgrenzung von Intersexuellen und anderen Personen mit einer nicht eindeutig weiblich oder männlichen Identität, die mitunter beim Besuch der Frauen- oder Männertoilette angefeindet werden. Zudem gibt es vor Frauenklos häufiger Warteschlangen, weil das Urinieren an den Stehbecken schneller geht.

In der Umweltbehörde versteht man die Aufregung nicht. Die neue Toilette an der Alten Rabenstraße sei seit 15. April im Betrieb, „seither hat sich den ganzen Sommer über die Praxistauglichkeit gezeigt“, sagt Sprecher Björn Marzahn. Die Anlage werde sehr gut angenommen. Die Behörde habe bisher „nur eine Beschwerde erreicht“. Durch die Sanierung sei ein heller, großzügig wirkender Raum entstanden. Zudem seien die Kabinen mit raumhohen und überkletterungssicheren Trennwänden versehen. Das entspreche einer gutachterlichen Empfehlung, „um Angsträume zu vermeiden“.

Auch sei es dank Unisex-Klos gelungen, mehr Kabinen und Waschbecken für Damen zu schaffen. Der neue Unisexbereich sei größer als der ehemalige Damenbereich, ergänzt Kay Goetze, Sprecher der Stadtreinigung Hamburg. Habe man dort doch Teile eines ehemaligen „Technikbereichs“ mit hinzu genommen.

Kein Platz für drei separate Toiletten

Pagels und Gutzeit ist es wichtig, dass sie nicht gegen Unisex-Toiletten an sich sind. „Wir fordern die. Aber als zusätzliches Angebot.“ So eine Extratoilette gebe es zum Beispiel im Bezirksamt. An der Alster wäre dies in einem benachbarten Haus der Wasserrettung möglich. Auch andernorts macht die Linke eher mit der Forderung nach Unisex-Toiletten von sich reden. Cansu Özdemir, Frauenpolitikerin der Linken in der Bürgerschaft, sagt, sie persönlich finde die Lösung an der Alten Rabenstraße akzeptabel, doch der Prozess sei unglücklich gelaufen. „Wir vertreten als Partei, dass sich alle wohl fühlen sollen. Das heißt, es sollte Frauentoiletten, Männertoiletten und Unisex-Toiletten geben.“

Gefragt, was denn an der Alster dagegen spreche, sagt Behördensprecher Marzahn: „Fehlender Platz.“ Peter Gutzeit kontert: „Bevor wir Frauen ihr Klo wegnehmen, wäre eher den wenigen diversen Menschen zuzumuten, sich für Frauen- oder Männerklo zu entscheiden.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de