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„Volksbad“ vor der VolksbühnePlanschen statt Premierenparty

Der neue Volksbühnen-Intendant, Matthias Lilienthal, lässt ein Pop-up-Freibad vor das Theater bauen. Es ist eine Protestaktion gegen den Verfall öffentlicher Infrastruktur.

Oberkörperfreie Männer verschrauben in der brütenden Hitze Holzplanken mit dem Metallgerüst, das das marineblaue Planschbecken umgibt. Einer lehnt sich über den Beckenrand, formt die Hände zu einer Schale und gießt sich das Wasser über Kopf und Oberkörper. Am Eingang des Grünen Salons, rechts vom Schwimmbad, hängt ein anderer ein Plakat auf. „Pommes am Volksbad“ steht darauf in roter Schrift.

Mit einem ganz schönen Tamtam lässt der neue Intendant der Volksbühne, Matthias Lilienthal, seinen Auftakt feiern. Eine Premierenparty scheint dem gebürtigen Neuköllner zu profan, er hat vor den Theaterstufen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz kurzerhand ein Schwimmbad errichten lassen. Oder, in den Worten Lilienthals: ein „Spuckbecken“.

Das „Volksbad“-Projekt des Pollesch-Nachfolgers bewegt sich irgendwo zwischen größenwahnsinniger Selbstinszenierung und öffentlicher Fürsorge. Sein Pop-up-Becken ist 25 Meter lang, 5 Meter breit und 1,30 tief. Dazu gibt es Klos und Umkleiden, der Pavillon am Eingang zum Grünen Salon wird sich in eine Pommesbude verwandeln. Was wäre ein Freibadbesuch schon ohne Pommes mit Schranke? Am Dienstag startet der Ticketverkauft, am Freitag wird das Bad eröffnet.

„Es ist ein herzliches ‚Hallo‘ an die Nachbarschaft“, sagt Lilienthal der taz. Geplant sind Anwohner*innentage, Kraulkurse sowie Einführungskurse ins Synchronschwimmen. Wie viel Performancekunst dazugehört, dürfte sich zeigen, sobald das Programm ab Dienstag nach und nach veröffentlicht wird. Eins steht fest: Choreografin und Profiprovokateurin Florentina Holtzinger wird sich etwas einfallen lassen, um das Publikum zu schocken. Sie dürfte auch Ideengeberin für Lilienthals ostentativ volksnahes Projekt gewesen sein. Für ihr Stück „Ophelias Got Talent“ ließ die Performancekünstlerin ein Becken auf die Theaterbühne der Volksbühne bauen.

„Diese umarmende Geste macht klar, dass etwas Neues an der Volksbühne entsteht“, sagt Lilienthal über seinen Pop-up-Pool. „Gleichzeitig ist es ein Protest gegen verfallende Infrastruktur in Berlin.“

Racial Profiling in öffentlichen Freibädern

Der Freibadbesuch ist für viele nicht mehr bezahlbar. Der reguläre Eintritt in Sommerbäder wie das Prinzen- oder das Columbiabad kostet inzwischen 7 Euro. Seit Juli 2023 gilt zudem eine allgemeine Ausweispflicht. Das „Volksbad“ soll dagegen „gratis und ohne Ausweispflicht“ zugänglich sein. „Wir wollen versuchen, einen offenen Raum zu etablieren, in dem auch soziale Randgruppen integriert werden“, sagt Lilienthal. Der Umgang der städtischen Bäder mit bestimmten Gruppen resultiere aus realen Erfahrungen, sei aber auch einer Art von Racial Profiling.

Mit seiner Bade-Aktion will Lilienthal Kunst ohne Hürden zugänglich machen. Für den neuen Intendanten und sein Team war der Weg dorthin alles andere als hürdenfrei: Die Differenz zwischen Straße und Gehweg musste ausgeglichen werden, es wurden Sondernutzungserlaubnisse vom Straßen- und Grünflächenamt fällig, vom Bauamt und Denkmalschutz. Die 200.000 Liter Wasser, die das unbeheizte Becken füllen, müssen durch eine Wasseraufbereitung kontinuierlich gereinigt werden, die Wasserqualität muss regelmäßig kontrolliert und die Beckenanlage nach festgelegten Standards gereinigt werden.

Die 300.000 Euro sind gut investiert. Es zeigt Bewohner*innen, dass die Volksbühne auf sie zugeht und Bedürfnisse ermöglicht, die über Performance und Theater hinausgehen

Matthias Lilienthal, Intendant

Es drängt sich die Frage auf: Muss ein Pop-up-Pool in Zeiten der Klimakrise sein? „Ich habe großes Verständnis dafür, dass Leute das Projekt aus Umweltschutzaspekten kritisieren und sagen, davon hätte man drei super Off-Theater machen können“, sagt Lilienthal. „Wir hätten auch sehr gern eine rein ökologische Reinigungsanlage gehabt, das wären aber die nächsten 100.000 Euro gewesen.“ Das Wasser werde danach vom Chlor gereinigt, so der Intendant. Eine teilweise Verwendung zur Bewässerung werde geprüft.

300.000 Euro kostet das Projekt

Der Badespaß kostet laut Lilienthal 300.000 Euro aus dem laufenden Haushalt: 90.000 für das Schwimmbecken, 210.000 Euro für Bademeister, Security, Toiletten, Umkleiden und anderes. Ziemlich happig angesichts der Sparauflagen von 1,25 Millionen Euro, die die Volksbühne für die erste Spielzeit seiner Intendanz bekommen hat. „300.000 Euro ist extrem viel Geld“, sagt Lilienthal. Aber die seien gut investiert: „Es zeigt Bewohner*innen, dass die Volksbühne auf sie zugeht und Bedürfnisse ermöglicht, die über Performance und Theater hinausgehen.“

Seit Dienstag sind die ersten kostenlosen Zeitslots für die Dauer von zwei Stunden über die Website der Volksbühne buchbar. Neue Zeitfenstertickets werden drei Tage vor dem jeweiligen Badetag freigegeben. „Es kann immer sein, dass vorübergehend ausgebuchte Zeitslots wieder verfügbar werden“, schreibt das Theater. „Es lohnt sich also, die Website auch spontan zu checken.“

Am 7. August wird das Volksbad um 12 Uhr feierlich eröffnet. Danach soll es bis zum 1. Oktober von Dienstag bis Samstag von 12 bis 20 Uhr und Donnerstag von 13 bis 21 Uhr geöffnet sein. Sonntags und montags bleibt das Volksbad zu. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Gesamtlärmemission unter dem Grenzwert bleibt.Die neue Spielzeit beginnt dann am 1. Oktober. Ob Lilienthal dem ehrwürdigen Amt der Pollesch-Nachfolge gerecht werden kann? Für einen Nutzer im Internetforum reddit steht fest: „Lilienthal ist ein grantiger Arsch, kann aber was.“

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