US-Proteste gegen rassistische Gewalt: Leuchtfeuer der Hoffnung

Trump versucht die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt zu kriminalisieren. Doch das verfängt nicht. Es formiert sich eine breite Gegenmacht.

ein Mann schaut auf buntes Gedenkgraffiti "George Floyd"

Improvisierte Stelle des Gedenkens an den getöteten George Floyd am Ort seiner Verhaftung Foto: Carlos Barria/dpa

Das Land brennt, das Land zerbricht. Die Wut und die Verzweiflung von Afroamerikaner:innen und anderen Minderheiten verwandelt die Straßen und Plätze der amerikanischen Städte für alle sichtbar in eine Kampfzone. Amerikaner:innen, die den Rassismus der Trump-Regierung nicht mehr ertragen, protestieren gemeinsam, friedlich und auch militant. Und der Präsident? Verschanzt in seinem Bunker im Weißen Haus, stempelt Donald Trump eine dämonisierte Antifa-Bewegung zu Terroristen, um die Proteste zu diskreditieren. Die Rezeptur stammt aus Trumps Kochbuch der politischen Kampagne: Manipuliere die öffentliche Debatte, indem du einen Feind definierst, gegen den du deine Anhänger aufpeitschen kannst.

Die Kriminalisierung der Proteste wird Trump wohl nutzen – auch bei manchen Wechselwähler:innen in den Vorstädten, die bei den Wahlen im November eine entscheidende Rolle spielen werden. Wenige Mittelklasse-Amerikaner haben Verständnis dafür, wenn Tankstellen, Drogerien und Läden in ihrer Nachbarschaft in Flammen stehen. Der Feind steht links, Law and Order gegen Chaos, das ist Trumps Botschaft, die oder wir. Aber es gibt auch eine gute Seite, und diese ist größer als die Tweets eines Präsidenten, der umso klarer als legalistischer Vertreter der White Supremacists erkennbar ist, desto länger er im Amt ist: Trumps Strategie ist nicht in der Lage, den Protest zu stoppen.

Christen und Chaoten, Gangs und Gewerkschafter, das ganz normale Ferguson standen tage- und nächtelang zusammen, als 2014 Michael Brown von einem Polizisten erschossen worden war. 2015 begann sich eine landesweite Bewegung zu erheben, als der 12-jährige Junge Tamir Rice in Cleveland von einem Polizisten erschossen wurde und Eric Garner im Würgegriff eines Polizisten „I can’t breathe“ hervorbrachte, genau wie jetzt George Floyd. An der alltäglichen Todesgefahr für Afroamerikaner:innen hat das jedoch nichts geändert.

Das Überwölbende der aktuellen Proteste ist das Gefühl, dass es nicht genug, sondern schon viel zu lange viel zu viel ist, dass Rassismus und Hetze aus dem Oval Office nicht mehr zu ertragen sind. Auch die Einschüchterung, die Bewegung als terroristisch zu brandmarken, zündet da nicht. Im Gegenteil: Millionenfach heißt es in den sozialen Netzwerken: „Wir sind Antifa“.

In den Straßen von Minneapolis, Denver, Philadelphia, Washington und New York wird aus Ohnmacht Gegenmacht von unten. Zum ersten Mal vermittelt sie das reelle Gefühl, als könnte sie Trump tatsächlich aus dem Weißen Haus fegen. Es wäre, bei aller Trauer und Wut über das, was derzeit in den USA geschieht, ein Leuchtfeuer der Hoffnung.

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taz-Chefredakteurin, ehemals US-Korrespondentin & Büroleiterin des Tagesspiegel in Washington. Schwerpunkte Rechtspopulismus, USA, transatlantische Politik, Datenschutz und digitale Transformation der taz.

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