piwik no script img

UN warnt vor Super-El-NiñoWenn das Christkind Dürre und Fluten bringt

Peruanische Fischer tauften das Wetterphänomen einst „El Niño“. Bis Februar soll es besonders extrem werden, warnt die Weltorganisation für Meteorologie.

Gerade erst musste Celeste Saulo die verheerende Flut im Himalaya erklären, die argentinische Meteorologin ist Generalsekretärin der Weltorganisation für Meteorologie (WMO). „Diese Flut verdeutlicht die wachsende Kaskadengefahren in Hochgebirgen“, erklärte Saulo Ende August. Jetzt fordert sie „außergewöhnliche Vorbereitungs- und Reaktionsmaßnahmen“. Allerdings geht es diesmal um El Niño.

Das Wetterphänomen im Pazifik hat weltweite Verwerfungen: „Mit außergewöhnlich hoher Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 Prozent“ werde El Niño bis Februar 2027 anhalten, sagte die WMO-Generalsekretärin in Genf, das Ereignis habe das Potenzial, Gesellschaften und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt einen massiven Schlag zu versetzen.

Das Ereignis hat das Potenzial, Gesellschaften und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt einen massiven Schlag zu versetzen.

Celeste Saulo, Generalsekretärin der Weltorganisation für Meteorologie (WMO)

Den Namen verdankt das Wetterphänomen einem Jahrhunderte altem Erfahrungswissen: Peruanische Fischer hatten es dank des Fischreichtums vor ihrer Küste zu gewissem Wohlstand gebracht, aller paar Jahre aber blieben um die Weihnachtszeit ihre Netze plötzlich leer. Zum fehlenden Fang kamen andere Besonderheiten hinzu: heftigere Stürme beispielsweise, sintflutartige Regenfälle, Hitzewellen mit Ernteausfällen und Hunger.

Nachweislich seit dem 17. Jahrhundert wird dieses Wetterphänomen „El Niño de Navidad“ genannt – wie das neugeborene Christkind. Denn so, wie die Geburt Jesu, ließ die Fischer auch „El Niño“ anbetend auf die Knie fallen: Möge es diesmal doch bitte weniger dramatisch werden!

Dürre und Überschwemmungen

Heute ist El Niño natürlich sehr gut erforscht: Im Normalzustand wehen die Winde im Pazifik von Ost nach West, was warmes Ozeanwasser von Südamerikas Küsten Richtung Asien und Australien treibt. Vor den Küsten Chiles, Perus und Kolumbiens strömt kaltes, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe des Pazifiks nach, was die üppigen Fischschwärme erklärt.

Im El-Niño-Jahr aber ist das anders: Dem Passatwind fehlt es an Kraft, der Ozean vor Südamerika erwärmt sich sehr stark – der kalte Zustrom aus den Tiefen fehlt, weshalb in den oberen Wasserschichten das Plankton abstirbt. Fische finden keine Nahrung mehr, was zum Zusammenbruch ganzer Nahrungsketten führt – und weltweit für Wetterextreme sorgt: Beispielsweise werden dadurch die Niederschläge des indischen Monsuns intensiver, Regen in Ostafrika dagegen geringer, was dort Dürren zur Folge hat. El Niño beeinflusst die Strömungspumpe in der Antarktis, heizt die Arktis weiter auf, führt auch in Europa zu lang anhaltenden Dürren.

Auch die Auswirkungen der Klimaerhitzung sind mittlerweile gut erforscht: El-Niño-Ereignisse werden bei fortschreitendem Klimawandel deutlich intensiver. Zu diesem Ergebnis kommt gerade wiederum eine Studie, die im Fachjournal „Science“ veröffentlicht wurde. Für ihre Arbeit untersuchten Forschende versteinerte und lebende Korallen rund um die Galápagos-Inseln und rekonstruierten so die Oberflächentemperaturen der vergangenen eintausend Jahre. Ergebnis: Die Temperaturvariabilität des El-Niño-Systems liegt heute 36,5 Prozent über dem Niveau des vorindustriellen Jahrtausends.

Klimawandel verstärkt El Niño

Das bedeutet: Die globale Erwärmung hat das natürliche Klimaphänomen bereits verstärkt. Auch die Heftigkeit der Begleiterscheinungen nimmt zu: Die Erderwärmung verstärke die mit El Niño verbundenen Auswirkungen, warnt die WMO, „da ein wärmerer Ozean und eine wärmere Atmosphäre die Verfügbarkeit von Energie und Feuchtigkeit für Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen erhöhen“.

Seine letzte Hochphase hatte das „Christkind“ zwischen November 2023 und Januar 2024, nach WMO-Erhebung das bislang fünftstärkste Ereignis seiner Art. Damals gab es Überschwemmungen in Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas sowie gleichzeitig Dürre: Während der Rio Negro 2023 den niedrigsten Wasserstand seit Beginn der Messungen erreichte, sorgten 2024 Regenfluten für Überschwemmungen der Wüste auf der arabischen Halbinsel. Die Extremwetterlagen verursachten weltweit Schäden in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, das bislang tödlichste El Niño kostete im Jahr 1997 mehr als 23.000 Menschen das Leben.

„El Niño nimmt vor unseren Augen gigantische Ausmaße an“, erklärt nun auch der UN-Generalsekretär António Guterres. Die Wissenschaft lasse keinen Zweifel: „Unser Planet bewegt sich in unbekannten Gewässern – und diese Gewässer erwärmen sich.“ Tatsächlich haben die Meere bislang gut 90 Prozent jener Energie aufgenommen, die durch den menschengemachten Treibhauseffekt auf der Erde verblieben sind, eine Studie ergab, dass dies 228 Zettajoule Energie bis 2019 waren: so viel, wie etwa 4 Atombomben der Hiroshimagröße haben würden – pro Sekunde.

UN-Generalsekretär António Guterres spricht von einem Wettlauf zwischen den wachsenden Risiken und unserem Engagement für Klimaschutz: „Diesen Wettlauf müssen wir gewinnen.“ Zuletzt sind die Emissionen weltweit allerdings auf ein neues Rekordniveau geklettert.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!