Trendsport Curling: Schach auf Eis, aber mit Besen
Zu Unrecht verspottet: Curling erfordert Intelligenz, Teamgeist und mehr. Die Sportlerinnen und Sportler verdienen mehr Beachtung. Und mehr Geld.
Wintersport ist für manche eh schon so eine Sache, aber Curling, diese amerikanische Version des Eisstockschießens, also dieses Boccia mit Besen auf Eis, ist noch mal ’ne besondere Nummer. Oder anders und von uns aus besser formuliert: Es gibt kaum eine Wintersportart, die ähnlich verleumdet, unterschätzt, verächtlich gemacht wird wie Curling. Und das völlig grundlos.
Denn man könnte statt den lahmen Vergleichen oben auch einen Schach-Vergleich anstellen, denn in wohl keiner anderen Sportart, die auf Eis stattfindet, muss dermaßen viel nachgedacht werden wie beim Curling. Taktik und Kombinationsdenken, Vorausschau und Verhinderung, das wären die Stichworte. Und doch bringt das Curling noch weitere Anforderungen mit: Geduld, Einfühlsamkeit und Sinn für Mathematik. Auch Balance – Curlende tragen keine Schlittschuhe, sondern Spezialfußbekleidung. Ein Curlingschuh hat nämlich zwei verschiedene Sohlen – eine glatte zum Sliden, eine raue zum Abstoßen. Wie cool ist das denn?
Aber das wäre noch längst nicht alles. Athletik ist ebenfalls vonnöten – gerade die Abstoßbewegung erfordert Präzision und Körperbeherrschung, das Wischen erfordert sehr viel Kraft und Ausdauer.
Das Schönste aber ist, dass Curling eine Teamsportart der besonderen Art ist. Das Team muss sich permanent neu abstimmen – Kommunikation ist hier das A und O. Ähnlich wie bei anderen TV-Sportarten, deren Feinheiten sich nicht sofort erschließen (Darts, Snooker, auch Kricket oder Baseball könnten dazu zählen), muss man sich vielleicht erst mal darauf einlassen, eine Weile zuschauen, um das Spiel zu verstehen und dann umso mehr genießen zu können.
Selbst ist der Skip
So viel zur groben Einführung. In Cortina d’Ampezzo hat der olympische Wettbewerb bereits früh begonnen; tatsächlich ist Curling wie Eishockey an jedem einzelnen Tag im Programm. Begonnen hat es mit dem Mixed-Wettbewerb, der ferner die Besonderheit hat, nur 2 SpielerInnen pro Team aufzufahren: eine Frau, ein Mann. Hier ist niemand nur Wischer, hier wischt der „Skip“ (die Kapitänin/der Kapitän) noch selbst.
Deutschland, immerhin 2024 Europameister bei den Herren, stellt leider kein Team im Mixed, die Quali wurde verpasst. Die Favoriten kommen aus Großbritannien und Italien – die Briten dominierten die Vorrunde deutlich, schlugen auch Italien mit 9:6. Die Gastgebenden schwächeln ein wenig, sie kassierten ganze 3 Niederlagen (Großbritannien nur eine), haben sich allerdings ebenso wie die von der Insel fürs Halbfinale qualifiziert.
Ausgeschieden ist hingegen die Schweiz, und zwar unter Tränen. Auch Südkorea, das beim Auftakt von den Schiedsrichtern benachteiligt wurde – sie hatten sich schlicht verrechnet –, muss fortan zusehen. Neben Großbritannien und Italien schafften es Schweden und die USA ins Halbfinale. Das Finale findet am Dienstag ab 18 Uhr statt.
Geschlechtertrennung
Mittwoch werden die Geschlechter wieder getrennt, Damen und Herren spielen dann wiederum ihre Vorrunden. Die Finals steigen tatsächlich erst mit Ende der Spiele – am Samstag, 21. Februar, curlen die Herren, am Sonntag, 22. Februar, die Damen. Auch deren Spiele laufen ohne deutsche Beteiligung.
Im Gegensatz zu manch anderem Trendsport ist Curling eine recht selbstausbeuterische Angelegenheit; am besten, man übt neben dem Sport noch einen „Brotberuf“ aus – SportlerInnen der zweiten oder dritten Reihe sind die Bohemiens dieser Zeiten. Bei der EM in Finnland 2024 gab es für die Sieger den „symbolischen“ Preis von 9 Käsen (kein Witz). Fürs olympische Gold hat die deutsche Sporthilfe immerhin mehr ausgelobt – von 30.000 Euro ist die Rede.
Aber Gold muss man auch erst mal holen. Bislang gingen die Deutschen bei Olympia in Sachen Curling nämlich immer leer aus.
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