Treffen von Atomkraftfetischisten: Brokdorfer Mottenkiste
Die Atomlobby plant eine „Anschalt-Konferenz“ in Berlin. Neun abgeschaltete AKWs sollen nach ihrer Vorstellung reaktiviert werden.
Foto: Georg Wendt/dpa
Die Atomlobby lässt nicht locker. Für den 22. Mai planen der Verein „Nuklearia“ und die „Radiant Energy Group“ im Berliner Luxushotel de Rome eine „Anschalt-Konferenz“ mit internationaler Beteiligung. „Kernkraft für Deutschland – jetzt!“, ist die Einladung überschrieben, und weiter heißt es: „9 Kernkraftwerke reaktivieren. Wirtschaft retten. Klimaziele erreichen.“
Die Energiewende mit dem Ziel „100 % Erneuerbare“ habe Deutschland an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds geführt, behaupten die Veranstalter. Schuld daran seien die hohen Energiepreise, die im Wesentlichen zurückgingen auf den Ersatz planbarer, preiswerter Kernkraft durch die wetterabhängigen Energiequellen Wind und Solar, unterstützt durch fossile Gas-Importe.
Unter den angekündigten Redner:innen sind Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU), die Technik-Historikerin Anna Veronika Wendland, der Geschäftsführer der Deutschen Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft, Achim Jansen-Terstegen und der italienische Atomanwalt („Avvocato dell’Atomo“) und Publizist Luca Roma, der in seinem Heimatland über etliche Social-Media-Kanäle kräftig Stimmung für Atomkraft macht.
Konkret die Kraftwerke Brokdorf, Emsland und Grohnde könnten schon innerhalb von ein bzw. drei bis vier Jahren wieder Strom liefern, verkünden die Veranstalter. Sechs weitere Anlagen wären innerhalb von sechs bis acht Jahren wieder betriebsbereit: „Das ist technisch möglich, dabei preiswerter und schneller als ein Neubau.“
Eine Provokation gegenüber der Anti-AKW-Bewegung
Tatsächlich befinden sich alle stillgelegten AKWs längst im Rückbau. Zudem haben die deutschen AKW-Betreiber abgewinkt, sie sind vor allem aus wirtschaftlichen Gründen an einer Wiederbelebung der Reaktoren nicht interessiert.
Dass ausgerechnet Brokdorf als Kandidat für eine Wiederinbetriebnahme genannt wird, ist durchaus als politische Provokation der Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung zu verstehen. Das AKW an der Unterelbe stand wie kein zweites für den durch den Ausstieg leidlich befriedeten Großkonflikt um die Atomkraftnutzung. Ende 2021 wurde Brokdorf endgültig stillgelegt. Betreiber Preussen Elektra (EON) prüft am Standort derzeit die Errichtung eines leistungsfähigen Batteriespeichers.
Anders als vor der Wahl von der Union lautstark gefordert, will die neue Bundesregierung bis auf Weiteres keine Rückkehr Deutschlands zur Nutzung von Atomenergie prüfen. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD finden sich keine Regelungen zum Thema Atomausstieg. Die letzten drei Atomkraftwerke sind vor zwei Jahren vom Netz gegangen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert