Trainerentlassung bei Werder Bremen: Das Ende der Geduld
Werder Bremen stellt nach dem zehnten sieglosen Spiel und dem Absturz auf Platz 15 Trainer Steffen frei. Die Probleme beim Traditionsclub stecken tiefer.
Wer etwas von den Sprachcodes im Profifußball versteht, konnte gestern Abend davon ausgehen, dass Horst Steffen das Sonntags-Training nicht mehr leiten wird. Auf dessen Zukunft angesprochen, sagte Werders Sport-Vorstand Clemens Fritz unmittelbar nach dem Abpfiff des Spiels gegen Borussia Mönchengladbach: „Es ist wichtig, dass wir das erst mal sacken lassen, in uns gehen und intern auch sprechen.“
Die Anzahl der Trainer, die nach solchen Aussagen im Amt bleiben, ist kaum messbar. Schon vor dem Spiel war klar gewesen, dass das Spiel für Steffen Endspielcharakter haben würde. Leichte Zweifel an der Entscheidung der Werder-Führung hatte nur noch der Kunstschuss des kurz zuvor eingewechselte Keke Topp zum 1:1 in der 94. Minute aufkommen lassen.
„Es war eine schwere Entscheidung, aber wir haben nicht mehr die Überzeugung, dass Horst den Turnaround nach dieser langen Serie ohne Sieg gemeinsam mit der Mannschaft schaffen wird“, sagte Sport-Geschäftsführer Clemens Fritz nun am Sonntagmittag
Das Spiel gegen Mönchengladbach zeigte ein ähnliches Bild wie viele vorherige: eine bemühte Mannschaft, die viel initiiert, der aber aufgrund technischer Mängel wenig gelingt. Das sah im vermeintlich goldenen Herbst, in dem sich Werder durch einige knappe Siege bis auf Platz acht vorspielte, nicht viel anders aus, aber damals zog Werder die engen Spiele durch Einzelaktionen mehrfach auf seine Seite.
Ein Abschied, der weh tut
Der Abschied von Steffen wird vielen im Verein und in der Stadt weh tun. Es war bewundernswert, wie freundlich und ausgeglichen er all die Unbilden wegmoderierte, mit denen er seit Amtsantritt zu kämpfen hatte – schwere Verletzungen von Leistungsträgern, späte Neuzugänge, ein Sammelsurium aus Leihspielern vom internationalen Markt – bis hin zum vermeintlichen Heilsbringer Victor Boniface, dessen Werder-Zeit als Posse endete und eine bittere Wahrheit offenbarte: Topscorer Marvin Ducksch ist verkauft worden, ohne annähernd gleichwertigen Ersatz parat zu haben.
Steffen versuchte viel, stellte von Vierer-auf Dreierkette zurück, setzte mal auf Kombinationen, mal auf lange Bälle, wechselte oft die Offensivformation. Und er erreichte zumindest eines der gesetzten Ziele: Es sei „sehr gut gelungen, den Kader zu verjüngen“ und mit Spielern wie Karim Coulibaly, Mio Backhaus und Patrice Covic neue Werte zu schaffen, sagte Aufsichtsratschef Hubertus-Hess Grunewald noch am Freitag in der Deichstube.
Das reichte den Fans schon länger nicht mehr. „Die Geduld ist nicht grenzenlos“, prangte am Samstag auf einem Transparent in der Ostkurve, wo sonst eher politische Statements dominieren. „Das Schöngerede muss jetzt enden.“ Und eine Online-Petition fordert eine außerordentliche Mitgliederversammlung mit einem Ziel: „Bewertung der Amtsführung von C. Fritz“.
Diese Aktionen sind als Versuch zu werten, etwas Bewegung in die trügerische Ruhe zu bringen, die nicht nur Horst Steffen ausstrahlte, sondern längst in die DNA des ganzen Clubs eingegangen ist. Das ruhige Arbeiten hat dem Rest der Republik über Jahrzehnte Bewunderung abgenötigt, wird aber zum Selbstzweck, wenn sie nicht der Qualität der Entscheidungen dient. Das scheint Ex-Trainer Ole Werner gespürt zu haben, als er im letzten Frühjahr seinen Vertrag nicht verlängerte.
Fehlende Impulse
Werder hat seit über einem Jahrzehnt für verantwortliche Positionen wie Aufsichtsrat, Geschäftsführer, Sportvorstand, Sportdirektor und Trainer niemanden mehr verpflichtet, der vorher schon einmal in der gleichen Position in der ersten Liga gearbeitet hat. Das sind oder waren alles gute Leute und nicht wenige von ihnen profitieren heute noch von ihrer Lehrzeit bei Werder.
Es ist auch eine große Stärke, den eigenen Leuten zu vertrauen und sie zu fördern. Aber fehlende Impulse von außen – und zwar auf der höchstmöglichen professionellen Ebene – höhlen auf Dauer jede Organisation aus.
„Einen neuen Impuls, neue Energie, neue Ansprache“ erhofft sich Clemens Fritz jetzt vom neuen Trainer. Das ist der branchenübliche Code, wenn man noch nichts Genaues sagen will. Erstmal sollen die Co-Trainer Raphael Duarte und Christian Groß das Training leiten, nicht ausgeschlossen, dass sie beim nächsten Spiel in Freiburg auf der Bank sitzen.
Man kann nur hoffen, dass die Werder-Verantwortlichen genauer wissen, was und wen sie jetzt im Abstiegskampf wollen. Ohne einen klaren Plan in der Tasche wäre die Steffen-Entlassung purer Aktionismus – und der ist genauso gefährlich wie trügerische Ruhe.
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