Tradition versus Moderne: Kollisionen jenseits der Norm

Der Sampler „Tonal Unity Vol. 2“ des gleichnamigen Labels aus Seoul bringt junge Künstler*innen mit koreanischen Musiktraditionen zusammen.

Die koreanische Multiinstrumentalistin Beck Junghyun an ihren Tools

Multiinstrumentalistin Beck Junghyun Foto: Senggi Studio

Helle Bambusflöten dringen durch ein schlichtes, elektronisches Rhythmuskorsett. Dazu verflechten sich langsam und pulsierend immer weitere hauchende Klänge mit ­folkig anmutendem koreanischen Gesang, alle Sounds verdichten sich zu einzigartigem Klang. Mamazu, Produzent aus der Downtempo-Szene Tokios, hat für das Stück „Blueprint“ Samples aus dem Minyo, einer Form traditioneller koreanischer Vokalmusik, zu einer hypnotischen Collage verarbeitet. Sein Song erscheint zusammen mit anderen Beiträgen auf der lohnenswerten Koppelung „Tonal Unity Vol. 2“.

Der Sampler ist der zweite von drei Teilen einer Serie, für die das namensgebende Label Tonal Unity aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul Künstler*innen aus aller Welt und ihre diversen elektronischen Spielarten dazu einlädt, sich mit traditioneller koreanischer Musik auseinanderzusetzen. Fusionen zwischen historisch gewachsenen Klangtraditionen und der Gegenwart bilden den Fokus von Tonal Unity, das seit 2016 vor allem Ambient- und Downbeat-Künst­le­r*in­nen, digital und in liebevoll gestalteten Kleinstauflagen auf Kassette und Vinyl veröffentlicht.

Alle sechs Tracks auf „Tonal Unity Vol. 2“ nähern sich der traditionellen koreanischen Musik über ihren Klangcharakter: Manches in der mehr als 1.500 Jahre alten koreanischen Musiktradition legt die Begegnung mit fließenden, transzendierenden Genres elektronischer Popmusik von heute nahe, etwa das Zeitverständnis: Im Jeongak, der Musik des Hofes, gibt die Frequenz des menschlichen Atems das Tempo vor, wodurch langsame, weite Bögen entstehen.

Repetition und Meditation

Manchmal schweigen die sonst motorisch treibenden Trommeln und Gongs ganz. Ursprünglich entstand Jeongak aus meditativen buddhistischen Gesängen. Wiederholung und Improvisation sind prägend und zwischen den Stücken gibt es bei Aufführungen keine Pause.

Various Artists: „Tonal Unity Vol.2“ (Tonal Unity/Import)

https://tonalunity.bandcamp.com/album/tonal-unity-vol-2

Ein Pansori, eine gesungene Erzählung, kann bisweilen acht Stunden am Stück dauern – vorgetragen von einer einzigen Person! Viele traditionelle Instrumente Koreas erzeugen durch ihre Bauart besonders zarte, weiche Klänge: Die Flöten sind aus Bambus, die Zupf- und Streichinstrumente haben Saiten aus Seide. Für Ohren, die an Klavierstimmung gewöhnt sind, scheinen die Instrumente um die Töne zu kreisen, was einen schwebenden Eindruck der Musik verstärkt.

X.Y.R. aus Sankt Petersburg, der für seine Kompositionen zwischen Ambient und Cocktailjazz meist mit alten sowjetischen Analogsynthesizern experimentiert, hat sich für „Bamboo Haze“ der traditionellen koreanischen Instrumente angenommen. In seinem luftig flirrenden Soundscape schwebt zwischen Vogelzwitschern und synthetischen Flächen der Klang der Bambus-Querflöte Daegeum und die abwechselnd dumpfen und raschelnden Schläge der behutsamen Rhythmen erinnern an die markante, sanduhrförmige Trommel Janggu.

Perlende Klavierakkorde

DJ Bowlcut, in Seoul für analogen Lo-Fi-House bekannt, spielt in „Dream Valley“ mit Samples der koreanischen Schalmei Taepyeongso, die wie eine metallisch verstärkte Oboe klingt. „Flow“ von der koreanischen Multiinstrumentalistin Beck Junghyun zeigt nach zwei Minuten dämmriger Hotelbarstimmung voll perlender Klaviereinwürfe und wanderndem Bass eine deutliche Verbindung zur koreanischen Folktradition: Behutsam geht Junghyuns Stimme in einen tonumspielenden traditionellen Gesang über.

Es wäre spannend gewesen, für „Tonal Unity Vol. 2“ die Praxis des nahtlosen Übergangs zwischen den Stücken, ähnlich einem DJ-Mix, aufzugreifen. Wie dem auch sei, durch die Einladung zur konzentrierten Annäherung an die traditionelle Musik Koreas wird von Tonal Unity der Eindruck exotisierender Aneignung vermieden. Hier prallen Elemente unterschiedlicher Genres und Musiktraditionen frontal aufeinander und dabei entstehen klanggewaltige Kollisionen.

Die Auseinandersetzung der Künstler*innen mit Geschichte wird im Zusammenspiel mit ihren kreativen Ideen stets hörbar. So oder so ist „Tonal Unity Vol. 2“ die Einladung für neue, auch ungewohnt klingende Entdeckungen, jenseits der musikalischen Norm.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de