Tourismus und Klimawandel

Lasst uns reisen, lasst uns reden!

Die Technik wird es richten, auch bei der Klimadebatte. Das ist das Credo beim Treffen der Deutschen Tourismuswirtschaft in Berlin.

Badende Touristen schauen einem Flugzeug zu, das über das Meer fliegt

Reisen im Flugzeug? Da sieht das Klima rot! Foto: Yiannis Kourtoglou/reuters

BERLIN taz | Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) hat zum Branchentreffen nach Berlin geladen. Das Thema: „Tourismus in Zeiten des Wandels“. Dabei ging es vor allem um die Herausforderungen des Klimawandels für die Reisebranche, auch um die Zukunft der Pauschalreise.

Engagiert als Impulsgeber und wissenschaftlicher Referent war Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Der Physiker referierte über eine Welt, wo die reichen Industrieländer unter dem Banner der Reisefreiheit ihre Touristen überall hinschicken und den Klimawandel damit anheizten.

Die Menschen, die als Folge des Klimawandel beispielsweise aus subsaharischen Ländern migrieren müssten, würden jedoch an Grenzen aufgehalten. Das Paradox einer Reisefreiheit, die eine Einbahnstraße sei. Sein Appell an die Touristiker: Ohne Visionen, ohne Gestaltungswillen sei der Klimawandel nicht zu bewältigen. Ein Anfang wäre, wenn im Kurz-und Mittelstreckenbereich das Fliegen ganz verschwinden würde. Schelln­huber fordert subversive Lösungen: „Wenn wir uns immer nur im gleichen, engen Betriebssystem bewegen, kommen wir nicht voran.“

Subversive Lösungen für die deutsche Tourismuswirtschaft? Visionen? Auch das ein Paradox. Eine Branche, wo bei den meisten Unternehmen Nachhaltigkeit allenfalls dann diskutiert wird, wenn sie Einsparungen bei den Betriebskosten bringt. Eine Branche, die zwar global agiert, deren Weltläufigkeit sich aber auf knallhartes Destinationsmanagement beschränkt. Eine Branche, wo fast ausschließlich Männer die Podien besetzen und unternehmerische Selbstverpflichtung als Ende der Freiheit betrachtet wird.

Eine fantasielose Geschäftswelt, die ihre Margen zwischen Gewinnspanne, Konkurrenzkampf und ungebremstem Wachstum absteckt. Aber wohlfeil daran festhält, der Garant für die Demokratisierung des Reisens zu sein, indem sie die Welt zu Dumpingpreisen verscheuert.

Gegen Luftverkehrssteuer

„Wir brauchen das klare politische Ziel, Klimaschutz und Freiheit unter einen Hut zu bringen – und damit meine ich auch die Reisefreiheit“, sagt Michael Frenzel, der Präsident des BTW. „Lasst uns reisen. Lasst uns die Welt anschauen.“ Eine höhere Luftverkehrssteuer wie sie aktuell vorgesehen ist, habe aber keinen Nutzen fürs Klima. Im Gegenteil: „Sie nimmt deutschen Unternehmen Substanz, um in Innovationen zu investieren.“

Der Schreckensvision, dass der Klimawandel die Strände dieser Welt oder ein Drittel des Weltkulturerbes verschwinden lassen könnte, also die Ressourcen der Tourismusbranche, setzt die Branche Technikgläubigkeit entgegen. „Luftverkehr und Kreuzfahrt sind zwei Achillesfersen des Tourismus. Angriffsflächen, die von Kritikern bewusst attackiert werden“, sagt Frenzel. Aber emissionsarme Techniken seien in Sicht: „Mit Corsia würde die Luftverkehrsbranche ab 2020 weltweit der erste Industriesektor mit eigenen Klimaschutzinstrumenten sein. Und in der Kreuzfahrt würde der LNG-Antrieb eingesetzt“, sagt Frenzel.

Michael Frenzel, BTW-Präsident

„Luftverkehr und Kreuzfahrtsind zwei Achillesfersen des Tourismus“

Corsia, das Carbon Offsetting and Reduction Scheme für die internationale Luftfahrt, ist ein von der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation entwickelter Ansatz zur Emissionsminderung für die globale Luftfahrtindustrie. Verflüssigtes Erdgas (LNG) als Kraftstoff zum Antrieb von Schiffen wird als Möglichkeit emissionsärmerer Schifffahrt gehandelt.

Wir hoffen auf die Technik und machen möglichst weiter wie bisher, so das Fazit. Ohnehin, so Frenzel, finde das Wachstum längst woanders statt. „In China sind mehr als 200 Flughäfen in Planung. Dort und in anderen asiatischen Regionen der Welt findet das Wachstum hauptsächlich statt.“ Warum also hier Verzicht predigen oder neue Rahmenbedingungen fordern?

Dabei scheint eine Trendwende längst eingeläutet. Die besinnungslose Vielfliegerei rund um den Globus bringt zumindest hierzulande immer weniger Sozialprestige. An die Erzählung der Reisebranche, „die Malediven für alle“, glaubt vor allem sie selbst. Das Reisen im industrialisierten Tourismus ist eine Ware wie eine Waschmaschine, die viel zitierte „Demokratisierung des Reisens“ ist vor allem die Ausweitung der Warenzone um jeden Preis.

Staatliche Einmischung ist nicht erwünscht

„Wollen wir wirklich, dass der Staat über richtigen oder falschen Konsum, guten oder schlechten Tourismus richtet“, fragt Frenzel. „Die Gesellschaft wandelt sich. Und wir müssen uns mit wandeln. Vielleicht müssen wir für Dinge eintreten, die vordergründig gegen unsere Interessen gehen. So wie sich der Luftverkehr bereit zeigt, Inlandsflüge zunehmend auf die Bahn zu verlagern.“

Die Klimadiskussion hat das Thema Nachhaltigkeit bei Reiseveranstaltern zumindest wieder ins Gespräch gebracht. Wie damals, als die Grünen die Parteienlandschaft mit dem Thema Ökologie aufmischten und sich sogar TUI einen Umweltbeauftragten leistete. Viel verändert hat sich seither nicht in der Branche. Und auch grüne Politiker, wie der Sprecher für Tourismuspolitik und ländliche Räume, Markus Tressel, wirken wenig inspiriert, wenn es um die Mobilitätswende und das Geschäftsmodell „Heimaturlaub“ geht.

Die Diskussion um die Inwertsetzung von Regionen erschöpft sich in der Frage, wie bereit Gäste sind, Geld für Qualität auszugeben. Die Reisebranche ist defensiv, reformscheu und ihre wenigen politischen Repräsentanten wirken ideenarm.

Der renommierte Klimaforscher Schellnhuber wartet auf dem Gipfel mit einer Anekdote auf: Mit der Handlungsbereitschaft bei der Klimadebatte sei es so wie bei dem Mann, der aus dem 12. Stock eines Hochhauses falle und sich im Flug vorbei am 2. Stock sage: Zum Glück ist ja noch nichts passiert.

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