Tourismuspolitik zu Coronazeiten: Und was ist mit Reisen…?

Der Lockdown trifft die Tourismusbranche hart. Er erweitert aber auch den Blick auf neue Strukturen für ökologisches und erdgebundenes Reisen.

Messestand mit leerem Liegestuhl vor einer Fototapete Meer auf der Internationalen Tourismusboerse ITB in Berlin 2018

Der anhaltende Lockdown wirkt sich auf die Reisebranche an vielen Stellen katastrophal aus Foto: Stefan Boness/Ipon

taz: Herr Tressel, anhaltender Lockdown. Wie geht es der Reisebranche damit?

Markus Tressel: An vielen Stellen, besonders bei den Veranstaltern und bei den Leistungserbringern vor Ort sieht es katastrophal aus. Bei den Veranstaltern und im Vertrieb ist es extrem schwierig, weil sie keine Planungsperspektive haben. Aber auch in vielen Destinationen führt das lange Schließen von Hotels, Gastronomie und anderen Leistungserbringern viele an den Rand der Existenzbedrohung oder darüber hinaus. Die Reisebranche ist neben der Kultur und dem Handel vom Lockdown am stärksten betroffen.

Welche Hilfen gibt es konkret?

Es gibt ja diverse Hilfszusagen des Bundes und der Länder, von den Sofort- über die Überbrückungs- bis zu den November- oder Dezemberhilfen. Das Problem ist weniger die Höhe, sondern die Frage, wie gut, in welchem Umfang und vor allem wie schnell kommen die Betroffenen an das Geld. Die Bundesregierung hat das zum Teil nicht niedrigschwellig organisiert, kompliziert und für Laien undurchschaubar gemacht. Das ist vielfach mit heißer Nadel gestrickt worden und ich befürchte, dass einige Unternehmen das Eintreffen des Geldes nicht mehr erleben werden.

Also ein Bürokratie-Problem?

Zum Teil, aber auch ein Problem aufgrund der Komplexität z. B. des Steuerrechts. Da hätte man viel früher und stärker mit den Betroffenen, den Verbänden ins Gespräch kommen müssen, um mit einem höheren Einsatz zu praktikableren Lösungen zu kommen. Im ersten Lockdown hat die Bundesregierung ja monatelang gebraucht, um überhaupt die Notlage der Branche zu erkennen.

Man hört ja wenig von den Verbänden.

Ja, nach außen hin ist das sicher so, aber mein Eindruck ist, dass die alle sehr intensiv daran arbeiten, die Bundesregierung da in die richtige Richtung zu bewegen. Das ist ein logistischer Großakt für beide Seiten. Die Verbände versuchen jetzt im Hintergrund an der einen oder anderen Stelle noch einmal Anpassungen zu erreichen. Aber ich glaube, ohne die touristische Basisbewegung im Sommer, als die Reisebüros und etwa die Busreisebranche auf die Straße gegangen sind, wäre die Not der Branche nicht mit der notwendigen Wucht bei der Bundesregierung angekommen.

Markus Tressel ist seit 2017 Vorsitzender der Grünen im Saarland. Er ist Sprecher für Tourismuspolitik und ländliche Räume der Grünen-Bundestagsfraktion.

Wirkt sich die Krise auf die Regionalentwicklung aus?

Das hängt sehr davon ab, wie stark die Regionen vom Tourismus leben. Es gab in Deutschland ja Destinationen, die im Sommer sehr frequentiert waren und auch profitiert oder zumindest nicht so stark wie erwartet verloren haben. Viele konnten aber natürlich bei Weitem ihre Potentiale nicht ausschöpfen. Mengenbegrenzung und Abstandsgebot haben da das Ihre getan. Deshalb ist es extrem wichtig, jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen und die nationale Tourismusstrategie zum Abschluss zu bringen, auch mit Schlussfolgerungen aus der Pandemie.

Also sehen Sie auch eine Chance für die Regionen?

Ich glaube, perspektivisch kann die Coronakrise vielen Regionen helfen, weil viele Leute jetzt den Nahbereich entdecken. Das wird manche Regionen stärken, weil man jetzt eben auch in Regionen fährt, die früher nicht als typische Urlaubsziele galten. Und da wurden jetzt oft mit viel Kreativität neue Angebote entwickelt. Ein Problem ist durch die lange Lockdown-Phase, dass vielerorts das Personal abspringt. Viele, die normal in der Gastronomie arbeiten, überlegen, ob sie die Branche wechseln, weil sie Planungssicherheit brauchen. Da müssen wir schnell etwas tun.

Aber Gastronomie und Hotellerie hatten schon vor der Krise Nachwuchsprobleme?

Das stimmt, aber die drohen sich jetzt zu verstärken, und ohne ausreichend vorhandenes Fachpersonal keine qualitative Weiterentwicklung des Tourismus. Die Verantwortlichen vor Ort haben jetzt die Chance, die Regionen bei Bedarf auch neu zu positionieren. Aber dafür muss man zunächst Strukturen und Fachkräfte retten, deshalb ist es wichtig, dass jetzt Gelder fließen und Perspektiven entstehen. Denn wenn die Krise abklingen wird und die Menschen wieder reisen wollen, dann braucht es auch Strukturen dafür. Wir müssen nun auf Qualifizierung und Weiterentwicklung und Verbesserung setzen. Nachhaltigkeit, Vernetzung und gute Arbeitsbedingungen müssen dabei eine wichtige Rolle spielen.

Europaweit, wo seit fast einem Jahr die große Masse der Reisenden fehlt?

In viele Regionen, die bisher überwiegend von Tourismus gelebt haben und wo das soziale Netz schwächer ist, da wird die Entwicklung sicherlich soziale Verwerfungen hervorrufen. Diese Regionen darf man nicht hängen lassen. Man braucht aus meiner Sicht eine europäische Strategie, um mit diesen Fragen umzugehen. Ich denke, wir müssen Tourismuspolitik europäisch deutlich stärker machen. Heute wurschteln viele für sich. Aber auch hier müssen wir stärker das Ganze sehen, auch ökonomisch begründet.

Was wäre eine europäische Strategie?

Eine europäische Strategie, die den neuen Bedingungen Rechnung trägt: Social distancing und gute Hygienestandards, eine höhere Nachfrage nach erdgebundenem Reisen, ein europaweites Zugnetz. Letzteres hat man bereits begonnen angestoßen. 2021 soll ja das europäische Jahr der Schiene werden. Die Erreichbarkeit der Destinationen mit der Bahn muss deutlich verbessert werden. Auch die Erschließung von Regionen, die bisher nicht als touristisch galten, muss stärker in den Fokus rücken, um die Gäste klüger zu verteilen, mehr Wertschöpfung vor Ort zu organisieren, ohne aber einzelne Regionen zu überlasten. Dazu gehört auch eine europäische Strategie, wie man Regionen bei diesen Bemühungen finanziell, etwa mit den Kohäsionsfonds der EU, unterstützt.

Gibt es einen politischen Willen zur Umgestaltung?

Einige Regionen werden sich neu erfinden nach dieser Krise. Ich sehe in vielen Regionen Aktivitäten der Tourismusorganisationen, aber auch Graswurzel-Bewegungen schließen sich zusammen und suchen, wie man die Krise nutzen kann. Wir haben jetzt ein Fenster, in dem die Leute darüber diskutieren, wie kann man klimaverträglich reisen, wie kann man auch so verreisen, dass es den Regionen zugutekommt. Overtourism ist im Moment kein Thema mehr. Auf der ganzen Welt hat die Tourismusbranche eine Vollbremsung gemacht. Das ist ein Problem für die Wirtschaft und für viele Regionen, es ist aber auch die Möglichkeit zu überlegen, wie wollen wir in Zukunft Tourismus gestalten. Ich hoffe, dass dieser Impuls angenommen wird.

Wie sieht es konkret aus mit einem transeuropäischen Zugnetz?

Was mich ein wenig optimistisch stimmt, ist, dass es nicht nur in Deutschland Thema ist, sondern auch bei unseren europäischen Nachbarn. Wir hätten jetzt die Chance, diesen Bewusstseinswandel in Politik umzusetzen. Und es gibt auch mehr Druck auf die Politik, weil auch mehr Leute nachfragen. Als die österreichische Bundesbahn den Nachtzugverkehr übernommen hat, glaubte keiner an den Erfolg. Jetzt sehen wir, dass die österreichische Bundesbahn damit offenbar Geld verdient und ein gutes Angebot etabliert hat. Die Krise hat den Verbrauchern gezeigt, dass man mit erdgebundenem Reisen einen tollen Urlaub machen kann. Und dass die Anreise möglicherweise schon Teil des Urlaubs ist. Das wird nicht morgen 90 Prozent der Reisen betreffen, aber es zeigt, dass es sich lohnt, ein gutes Nachtzugnetz auszubauen.

Und derweil warten viele Verbraucher nach den staatlichen Hilfen für die Airlines auf die Rückerstattung ihrer nicht stattgefundenen Flugreisen…

Wir haben bei der Bundesregierung darauf gedrängt, dass staatliche Hilfen auch an Bedingungen geknüpft werden und dass vor allem Ver­brau­che­r*in­nen zu ihrem Recht kommen müssen. Aber viele Airlines haben sich gemessen an den Beschwerden viel Zeit gelassen, sicher auch, weil sie ihre Liquidität bewahren wollten. Die Krise war insbesondere zu Beginn ein verbraucherpolitisches Fiasko und hat gezeigt, dass wir bei Verbraucherrechten in der Folge auch nochmal genauer hinschauen und im Zweifel Unklarheiten beseitigen müssen.

Und die Großen wie TUI?

Die werden es möglicherweise in der Zukunft schwerer haben, je nachdem wie lange diese Krise ihr Kerngeschäft beeinträchtigen wird. Die TUI hat fast 5 Milliarden Euro Staatshilfe in unterschiedlicher Form seit Beginn der Krise bekommen. Aber die Krise wird nicht morgen vorbei sein und das beeinträchtigt natürlich die Fähigkeit der Großkonzerne, die viele kostspielige Strukturen über die Krise bringen müssen, Schulden auch wieder abzubauen. Ihr Geschäftsmodell ist nun mal der Massentourismus.

Hat der eine Zukunft?

Ich glaube, wir werden in Zukunft individueller reisen, mittelfristig wird das sicher eine Folge der Pandemie, aber auch der Klimakrise sein. Es wird weiterhin Pauschalreisen geben, weil es eine bequeme und sichere Variante ist, möglicherweise wird man da auch andere Angebote entwickeln müssen. Aber auch die Digitalisierung hilft der Individualisierung. Also: Die Pauschalreise wird sicher ein wichtiges Segment bleiben, aber das klassische Geschäftsmodell aus den 70er und 80er Jahren wird sich verändern müssen.

Die neuen Player wie Airbnb haben einen entscheidenden Vorteil, sie haben keine eigenen Hotels, kaum Angestellte, keine Airline, keinen Riesenapparat.

Ja, deswegen glaube ich, dass diese plattformbasierten Modelle auch nach der Krise weiter an Kraft gewinnen, weil sie sich u. a. schneller auf neue Lagen einstellen können. Die Marktmacht dieser Plattformen muss man sich aber auch in Zukunft durchaus kritisch anschauen. Aber ich glaube auch, dass Familienbetriebe sich –trotz aller Schwierigkeiten- leichter auf die Folgen der Krise einstellen können. Sie sind flexibler, wenn wir sie jetzt auch gut über die Krise bringen.

Was wird aus der Kreuzfahrt, die der boomende Bereich im Tourismus war?

Da haben wir jetzt erstmal große Kapazitäten im Markt und weniger Menschen, die diese auf absehbare Zeit nutzen wollen. Wir sehen jetzt vereinzelte Ausflottungen von alten Schiffen und auch Insolvenzen bei den Anbietern. Ob die Kreuzfahrt in den nächsten Jahren wieder so stark kommt, wie es einmal vor der Krise war, da mache ich drei Fragezeichen. Verbraucherverhalten und Nachfrage könnten sich auch hier durch die Krise verändern. Hinzu kommt nach wie vor der negative ökologische Fußabdruck dieser Reiseform. Die Klimadebatte hat einige Kreuzfahrer ins Nachdenken gebracht. Vielleicht ist diese Krise aber auch für die Kreuzfahrt eine Chance –im Rahmen ihrer Möglichkeiten- ökologisch und ökonomisch nachhaltiger zu werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de