Tod von Drogenboss El Mencho: Kampf um Deutungshoheit entbrannt
Nach dem Tod von Drogenboss El Mencho bricht eine Gewaltwelle los und soziale Medien werden von Fake News geflutet. Wem nützt das Chaos?
Foto: Alejandra Leyva/ap/dpa
Dutzende Pick-ups mit schwerbewaffneten, vermummten Nationalgardisten geleiteten den weißen Transporter der Gerichtsmedizin durch die Innenstadt von Mexiko-Stadt. Es war kurz vor 18 Uhr Ortszeit am Sonntagabend, als der Konvoi vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität am zentralen Boulevard Paseo de la Reforma eintraf. Er brachte, wie kurz darauf bestätigt wurde, die Leiche von Nemesio Oseguera Cervantes, 59 Jahre, Gründer und Anführer des paramilitärischen Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG), des mächtigsten Drogenkartells Mexikos.
Am Morgen hatte das mexikanische Militär Cervantes auf einer Ranch nahe Tapalpa, gut 600 Kilometer westlich der Hauptstadt, festgenommen. Das Verteidigungsministerium veröffentlichte Videoaufnahmen von der Stürmung der Ranch. Bei dieser wurden offiziellen Angaben zufolge vier Kartell-Miglieder vor Ort getötet, drei weitere schwer verletzt. Die drei Verletzten seien an Bord eines Militärflugzeugs auf dem Weg nach Mexiko-Stadt gestorben. Unter ihnen sei auch der „El Mencho“ genannte Cervantes gewesen, der das CJNG vom westmexikanischen Bundestaat Jalisco aus ab 2009 aufgebaut hatte.
Insgesamt wurden am Sonntag im Zusammenhang mit der Festnahme 17 Armeeangehörige und 8 Kartellmitglieder getötet. Das Militär habe bei der Aktion unter anderem gepanzerte Fahrzeuge und Raketenwerfer sichergestellt. „Das Imperium von Jalisco ist am Ende“, schrieb das Militär auf „X“. „Nach dem Sturz von El Mencho macht sich die mexikanische Armee nun an die anderen Mörder.“
Das CJNG ist für seine extreme Brutalität bekannt. Nach Angaben des schwedischen Uppsala Conflict Data Program gehen rund 75.000 Morde auf das Konto des Jalisco-Kartells. Die mexikanische Regierung schätzt, dass das CJNG ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar angehäuft hat.
Gewaltwelle in Touristenort Puerto Vallarta
Das Kartell reagierte auf die Festnahme mit schwerer Gewalt. Bis zum Abend zählten mexikanische Medien 252 Straßenblockaden in 20 der insgesamt 32 mexikanischen Bundesstaaten, vor allem im Nordwesten des Landes.
In der besonders bei US-Amerikanern als Urlaubsziel beliebten Stadt Puerto Vallarta an der Pazifikküste von Jalisco legten mutmaßliche Angehörige des CJNG nach Angaben der Stadtverwaltung an verschiedenen Stellen Brände, unter anderem in Einkaufszentren. Videoaufnahmen zeigen Urlauber am Strand, umringt von hohen Rauchsäulen, Armeehubschrauber in der Luft.
Am späten Vormittag kursierten Videos vom Flughafen in Guadalajara, der Hauptstadt von Jalisco. Sie zeigten panische Menschen, die aus dem Flughafengebäude fliehen, nachdem Gerüchten zufolge bewaffnete Männer in das Gebäude eingedrungen seien. Tatsächlich war das Behördenangaben zufolge nicht der Fall. Gleichwohl wurden an den Flughäfen Puerto Vallarta, Guadalajara, Manzanillo und Tepic bis zum Abend insgesamt 237 Flüge gestrichen, vor allem, weil Airline-Mitarbeiter:innen wegen der Straßenblockaden nicht durchkamen.
Die US-Botschaft rief US-Bürger:innen in weiten Teilen des Landes dazu auf, in Wohnräumen oder ihren Hotels Schutz zu suchen und diese nicht zu verlassen. Die Präsidentin Claudia Sheinbaum rief zur Ruhe auf: „In den meisten Teilen des Landes laufen die Aktivitäten ganz normal weiter.“
Kampf um Deutungshoheit
Washington hatte ein Kopfgeld von 15 Millionen Dollar auf Cervantes ausgesetzt. Die USA hätten der mexikanischen Regierung „nachrichtendienstliche Unterstützung“ bei der Operation in Tapalpa zur Verfügung gestellt, sagte US-Regierungssprecherin Karolin Leavitt am Sonntag. „‚El Mencho‘ war als einer der größten Fentanyl-Schmuggler in unser Land ein Hauptziel der mexikanischen und der US-amerikanischen Regierung“, so Leavitt. 2025 hatten die USA das Jalisco-Kartell als „ausländische terroristische Organisation“ eingestuft.
Die Beteiligung der USA an Cervantes’ Festnahme befeuerte in den sozialen Medien einen von Fake News und Verschwörungsideologie durchzogenen Kampf um die Deutungshoheit über die Ereignisse. Schon ab dem frühen Nachmittag kursierten offensichtlich KI-generierte Videos, die schwerste Zerstörungen in mexikanischen Städten zeigen sollten und massenhaft verbreitet wurden.
Influencer, die offenkundig dem rechten MAGA-Lager zuzurechnen waren, streuten unter anderem die Behauptung, dass die Kartellmitglieder von der Ukraine trainiert worden oder von US-Präsident Joe Biden faktisch aufgerüstet worden seien, weil dieser zugelassen habe, dass das Kartell sich Kriegswaffen beschafft habe. Die nun ausbrechende Gewalt sei Beweis, dass die „Kommunistin“ Claudia Sheinbaum unfähig sei, Mexiko zu regieren. Der Schlag gegen das Kartell sei entsprechend ein Erfolg Trumps.Umgekehrt war auf mexikanischen Social-Media-Accounts zu lesen, die Festnahme Cervantes sei ein Schachzug Trumps, um Sheinbaum zu stürzen, indem diese an der Bewältigung des nun erwartbar ausbrechenden Chaos scheitere. Die Aktion des mexikanischen Militärs wurde so gleichsam zu einem Angriff auf die mexikanische Souveränität umgedeutet, der dazu dienen solle – ähnlich wie in Venezuela – Sheinbaum durch eine Pro-Trump-Regierung zu ersetzen.
Indes stellten sich am Sonntag die Gouverneure aller 31 Bundesstaaten und des Distrikts Mexiko-Stadt in einer Erklärung hinter Sheinbaum. „Wir würdigen die koordinierte Arbeit der Streitkräfte und des Sicherheitskabinetts“, heißt es in einer Erklärung. Man bekräftige „unsere uneingeschränkte Bereitschaft“, Sheinbaums Strategie „weiter zu stärken“.
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