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Thriller „Send Help“ von Sam RaimiEndlich bekommen, was man schon immer wollte

Der Regisseur Sam Raimi lässt in seinem Thriller „Send Help“ zwei verhasste Kollegen auf einer Insel stranden. So was geht nicht ohne böses Blut.

Außerbetrieblicher Umgang unter Kollegen: Bradley Preston (Dylan O’Brien) und Linda Liddle (Rachel McAdams) in „Send Help“ Foto: 20th Century Studios

In den Werken des Regisseurs Sam Raimi herrscht ein nicht sonderlich freundlicher, aber doch vergnügter Blick auf die weniger feinen Eigenschaften des Menschen, der unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft aufwachsen musste. Das gilt insbesondere für die eher kleinen Produktionen, abseits der Blockbuster, die wirken, als seien sie der Kern dieses filmischen Werks. Die Figuren werden aus dem eh schon unerfreulichen Normalverlauf herausgelöst, in Extremsituationen versetzt und dann zerlegt. Im metaphorischen Sinne oder buchstäblich körperlich.

Sein jüngster Film „Send Help“ ist eine Robinsonade, in der eine karriereversessene, aber leider nur fleißige und nicht performance-taugliche Angestellte auf ihren CEO losgelassen wird. Oder umgekehrt, je nachdem. Linda Liddle, man beachte den Namen, wird von ihrem neuen Boss Bradley die eigentlich versprochene Beförderung verweigert. Bradley ist ein Chef wie aus dem #MeToo-Horrorkatalog, dominant und übergriffig.

Rachel McAdams spielt die Untergebene, ungeschminkt, in Kartoffelsackklamotten und mit Thunfischsandwich am Mund, als intensives verkörpertes Fremdschämen. Aber auch als – zuerst noch – gute Seele. Dylan O’Brien legt am anderen Pol als mobbender Boss eine formvollendete Arschloch-Performance hin, deren immer wieder aufblitzende Klischeehaftigkeit (Golf im Büro) kein Problem ist. Schließlich ist das hier eine sehr schwarze Komödie.

Der Film

„Send Help“. Regie: Sam Raimi. Mit Rachel McAdams, Dylan O’Brien u.a. USA 2026, 113 Min.

Auf dem gemeinsamen Flug zu den Geschäftspartnern nach Bangkok stürzt das einander hassende Duo ab und strandet auf einer einsamen Insel, und mit dem Absturz eröffnet „Send Help“ ein anderes Register. Die Zerstörung des Flugzeugs und seiner Insassen (bis auf zwei) ist als überdrehte Horrorsequenz inszeniert und steht den legendären Katastrophen in den ersten „Final Destination“-Filmen in nichts nach.

Ein Auf und Ab mit Abgründen

Das Machtverhältnis verkehrt sich. Linda ist Fan von Survival-Serien und weiß, wie man einen Unterstand aus Palmenblättern baut, Wasser gewinnt und Fische fängt. Bradley weiß gar nichts. Im Wechsel zwischen Kooperation und Kampf zwischen dem Ekel-Chef und der auch nicht eben sympathischen Angestellten verschieben sich immer wieder die Hierarchien. Mal dominiert die eine, dann der andere, und in diesem Auf und Ab zeigen sich mehr und mehr Abgründe.

Das brillante Skript der bislang nicht weiter aufgefallenen Autoren Mark Swift und Damian Shannon entfaltet psychologisch überraschend subtil eine immer wieder shiftende Dynamik, deren Spannung sich oft in sehr körperlichen Sequenzen entlädt.

Sam Raimi gehört zu den wenigen Regisseuren, die es von den Rändern des Kinotreibens ins Zentrum geschafft haben: vom Splatter der in den Achtzigern entstandenen „Evil Dead“-Filme bis zu der in den Nullerjahren erschienenen „Spider-Man“-Trilogie und Marvel-Blockbustern wie „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (2022).

Die steile These, dass die Ambitionen, Erfolge und Höllenfahrten seiner Außenseiterfiguren in „Drag Me to Hell“ und gerade auch in „Send Help“ zugleich als selbstreflexive Verständigung über die Bedingungen des eigenen künstlerischen Schaffens lesbar sind, drängt sich zumindest auf.

Lust am Rumsauen

In „Send Help“ wird es immer wieder sehr physisch. Linda erbricht sich über ihrem Chef, eine Wildschweinschlachtung und eine Kastrationsszene werden als Splatterfest inszeniert, und eine Geistererscheinung am Strand könnte direkt aus Raimis „Evil Dead“-Filmen der Achtziger hinübergeweht sein.

Das Exzesshafte, das Raimi hier mit seinen seit fast vier Jahrzehnten mit ihm segelnden kongenialen Mitstreitern Bill Pope (Kamera) und Bob Murawski (Schnitt), wenn auch nur in Momenten und kurzen Sequenzen entfaltet, fällt in einer schwarzhumorigen Komödie stilistisch schon sehr auf.

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Trailer „Send Help“

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Aber es fällt nicht aus dem Rahmen. Neben der Lust am Rumsauen mit Blut und Extremitäten hat Raimi ein äußerst grimmiges Menschenbild aus seinen Karriereanfängen mit hinübergenommen. Der sardonische Humor befeuert die ekligen Bilder und umgekehrt. Raimi nimmt seine Figuren, wie sie sind, und zeigt sie in ihrer Unterwerfungskompetenz, Eitelkeit und Karriere- oder schlicht Geldgeilheit.

Vergiftetes Happy End

Der heldenhafte Mythos vom gesellschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft wird mitsamt den Figuren, die ihm in Raimis Geschichten folgen, zerstört. Wer in Filmen wie „A Simple Plan“, „Drag Me to Hell“ und jetzt eben „Send Help“ versucht, mehr aus sich zu machen und ans ganz große Geld zu kommen, wird in Kotze und/oder Blut getaucht.

„Send Help“ macht von der ersten bis zur letzten Minute Spaß und kippt nicht ins Misanthropische. Einfach, weil seine doch radikale Negativität eine ausgesprochen heitere ist. Sam Raimi fungiert als Regisseur immer dann, wenn man ihn lässt, wie Walter Benjamins destruktiver Charakter, nur eben als komischer Autor. Und der kennt, so Benjamin, nur eine Parole: „Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen.“

An die Stelle des Mythos tritt auch am Ende von „Send Help“ nichts Positives, sondern ein Happy End, das vergiftet ist, insofern, als man die Figur, die endlich das bekommt, was sie immer haben wollte, zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr mag. „Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Hass“, schreibt Benjamin. Man kommt aus den schwarzhumorigen Filmen Raimis bei all ihrer Destruktivität immer irgendwie erleichtert raus und kann erst einmal durchatmen.

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