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TempolimitVernünftig Rasen

Wer beim Tempo auf Vernunft setzt, verkennt die Macht des Rausches. Warum nicht Appelle, sondern Straßen und die Autos selbst uns bremsen müssen.

Geschwindigkeit ist geil. Und gefährlich Foto: Rainer Keuenhof/imago

G erade läuft ein Prozess gegen drei Männer, die per Auto zwei unbeteiligte Frauen töteten. Unter einem taz-Text, der fragte, warum Autohersteller Geschwindigkeit noch immer als Werbebotschaft verkaufen, sammelten sich 133 Kommentare. Viele sahen zu schnelles Fahren als eine Frage der Selbstverantwortung. Man könne doch nicht immer neue Verbote fordern. Den Leuten müsse auch mal was zugetraut werden!

Nun ja. Ich dachte an meine eigene Jugend. Schon damals liebte ich Zweiräder, allerdings die mit Antrieb. Ich fuhr eine schwere BMW mit Boxermotor, das Familienmotorrad, gesetzeskonform auf 27 PS gedrosselt. Meine beiden Motorradkumpel hatten 100 PS starke, vollverkleidete japanische Rennmaschinen. Solche, wie sie auch als Poster in meinem Zimmer hingen.

Nachmittags machten wir Ausfahrten. Auf der Kurvenstraße hinterm Ortsausgang fuhr ich hinterher und bewunderte, wie die beiden ihre Plastikbomber so tief in die Kurven legten, dass die Fußrasten Funken schlugen. Und einmal ließen die beiden sich zwischen zwei Dörfern auf einen Biketausch ein. Ich weiß noch genau, wie ich glücklich kurz Gas gab und dann auf den Tacho sah: 160 Kilometer pro Stunde. Auf einem Feldweg. Auf der alten BMW hätte es mich dabei längst aus dem Sitz gehoben.

Geschwindigkeit ist geil. Und gefährlich. Meine beiden Freunde zerlegte es kurz nach der Schulzeit. Ich selbst hatte das bräsigere Bike und einen agilen Schutzengel. Ein paar Jahre später überlegte ich, mir ein eigenes Motorrad zuzulegen. Doch mein Mann wünschte sich, mich gern im Stück zu behalten. Er hatte Recht. Ich bin eine gelassene Autofahrerin, weil ich dank mangelnden Fahrtwinds und Körpergefühls vier Räder immer schon langweilig fand. Aber eine besonnene Bikerin würde ich nie werden. Seitdem fahre ich Fahrrad. Und behielt den Fahrstil: Geschwindigkeit macht high. Und wenn man sie selbst erzeugt, macht sie auch noch stolz.

Straßen dürfen keine Startbahn sein

Ja, es gibt Menschen, die diszipliniert und vorsichtig sind. Großartig! Ich gehöre zu den anderen. Wenn ich Heißhunger auf Schokolade habe, brauche ich keinen Ernährungsratgeber, sondern eine schokoladenfreie Wohnung. Ansonsten wird gegessen, bis nur noch das Papier raschelt. Für Leute wie mich braucht es keinen Appell zur Selbstverantwortung, sondern eine Verkehrsführung, die führt: enge Fahrbahnen, Zebrastreifen, Bäume, breite Fuß- und Radwege, Kurven, Blumenkübel, Muster auf dem Asphalt. Straßen müssen sich nach Menschen anfühlen, nicht nach Startbahn.

Mit einem modernen Auto auf gerader Straße 30 zu fahren, fühlt sich an, als überhole einen gleich ein Opa mit Rollator. Natürlich drückt dieses Gefühl aufs Gas. Eben deshalb brauchen wir Straßen, die bremsen und Assistenzsysteme, die Tempolimits einhalten, ohne sich einfach wegdrücken zu lassen. Denn Geschwindigkeit ist leider geil. Aber, anders als Schokolade, auch gefährlich für andere.

Und wer trotzdem seinen Rausch haben will, kann einfach das Gefährt wechseln. Mit einem R4 oder Trabbi knallen auch 30 Stundenkilometer auf Kopfstein richtig rein. Gute Fahrt!

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Kerstin Finkelstein
Dr. phil, Expertin für Verkehrspolitik und Migration. Studium in Wien, Hamburg und Potsdam. Volontariat beim „Semanario Israelita“ in Buenos Aires. Lebt in Berlin. Fährt Fahrrad. Bücher u.a. „So geht Straße“ (Kinder-Sachbuch, 2024), „Moderne Muslimas. Kindheit – Karriere - Klischees“ (2023), „Black Heroes. Schwarz – Deutsch - Erfolgreich“ (2021), „Straßenkampf. Warum wir eine neue Fahrradpolitik brauchen“ (2020), „Fahr Rad!“ (2017).
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