Tempelhofer Feld in Berlin: „Ich stehe zum Volksentscheid“
Steffen Krach, der SPD-Spitzenkandidat für die Berlin-Wahl trifft sich mit „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Und er erklärt, warum seine Partei nun gegen jede Randbebauung ist.
Das mit dem „Du“ will nicht so richtig klappen. „Wir duzen uns, oder?“, fragt Steffen Krach in die Runde. „Klar“, antworten die Mitglieder der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Aber schon ein paar Sätze später fallen sowohl der Spitzenkandidat der SPD für das Rote Rathaus als auch seine DialogpartnerInnen immer wieder zurück ins „Sie“. Es ist nicht nur die Macht der Gewohnheit, es steht auch für ein hartnäckiges Fremdeln.
Genau das soll das Treffen am Freitagnachmittag eigentlich ausräumen. Auf Initiative der Tempelhofer SPD-Abgeordneten Melanie Kühnemann-Grunow sitzt die Initiative mit Krach an einem Tisch – unter einem Sonnensegel neben dem „Luftschloss“ auf dem Feld. Es gibt kaltes Sprudelwasser, hinter der Holzfassade der Open-Air-Bühne singt sich ein Chor ein, und wer aufpasst, hört im Hintergrund die Feldlerchen zwitschern.
Ganz so idyllisch wie dieses Setting verläuft das Gespräch dann aber nicht. Die Initiative, die seit Jahren hartnäckig das Volksentscheid-Gesetz von 2014 zur Freihaltung des Felds verteidigt, freut sich, dass die SPD in ihrem Wahlprogramm für den 20. September eine Randbebauung ausschließt. Aber sie traut dem Frieden nicht.
„Wir hatten ja ein eher frostiges Verhältnis zur SPD, um es mal vorsichtig zu sagen“, formuliert Mareike Witt von „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Insbesondere der amtierende Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler habe sich ja immer für Wohnungsbau auf dem Feld stark gemacht. „Warum nun diese Kehrtwende um 180 Grad?“, möchte Witt wissen.
Steffen Krach, ganz Politprofi, redet das Offensichtliche klein: „Also ich empfinde das nicht als 180 Grad“, sagt er. Er habe schon früh gesagt, dass er zum Volksentscheid stehe, und jetzt solle man doch „in die Zukunft schauen“. Senator Gaebler vertrete eine andere Position, aber die Wahlprogramm-Kommission habe nun mal entschieden. Was sonst so in den letzten Wochen passiert sei, seien Wahlkampfmanöver, „da halte ich nichts von“.
Damit bezieht sich der Kandidat vor allem auf einen im April veröffentlichten Entwurf des Senats zur Änderung des Tempelhofer-Feld-Gesetzes, der die langfristige Errichtung von Geflüchtetenunterkünften ermöglichen soll. Die bisher geltende Befristung der Containerunterbringung auf Höhe des Columbiadamms bis 2028 würde demnach entfallen.
Wer weiß schon, was die Zukunft bringt
Das werde schon nicht geschehen, beruhigen Kühnemann-Grunow und Krach – vor der Wahl passiere ohnehin nichts mehr das Parlament. „Wir wollen Geflüchtete eigentlich dezentral unterbringen“, so Kühnemann-Grunow, nur sei das leider nicht so einfach.
Wann denn im Falle eines Wahlsiegs der SPD damit zu rechnen sei, dass der Status der Unantastbarkeit des Feldes wieder hergestellt werde, will ein Mitglied der Initiative wissen. „Das hängt von vielen Faktoren ab“, weicht Krach aus, „auch von künftigen Fluchtbewegungen.“ Es sei „nicht seriös“, ein Datum dafür zu nennen, aber: „Es ist unser Ziel.“
Die Hauptsorge der Feld-FreundInnen sind natürlich die ständigen Vorstöße für eine massive Randbebauung der Fläche mit mehreren zehntausend Wohnungen durch den Senat oder, wie vor ein paar Wochen wieder, durch Architektenteams. „Wir lesen jetzt in Ihrem Wahlprogramm, dass eine Randbebauung nicht in Frage kommt – solange die bisherigen Flächen in Berlin ungenutzt sind“, sagt Mareike Witt. „Für uns klingt das sehr nach einer Hintertür.“
Das will Steffen Krach nicht gelten lassen, er verweist auf das große Flächenpotenzial, das es stadtweit gebe. „Ich weiß nicht, was in 60 Jahren ist“, sagt er, „aber es geht jetzt um die kommende Legislaturperiode.“ Im Übrigen werde in Berlin weiterhin gebaut werden müssen und zwar viel – „egal, wer regiert“. 100.000 Wohnungen müssten es in den kommenden fünf Jahren sein, um die Nachfrage in der wachsenden Stadt zu bedienen.
Und noch ein Problem hat die Initiative mit dem Versprechen der Krach-SPD: „Um die Aufenthaltsqualität des Felds zu verbessern, bringen wir notwendige gesetzliche Anpassungen auf den Weg“, heißt es in deren Wahlprogramm. Diese Notwendigkeit sehen die AktivistInnen nicht im Geringsten, schließlich gebe es einen Entwicklungs- und Pflegeplan (EPP).
„Es fehlen die Ressourcen“
Krachs Erläuterungen, dass es „zum demokratischen Verfahren gehört, auch über bestehende Gesetze zu beraten“, kommen nicht so gut in der Runde an. Sekundiert von der SPD-Kandidatin für das Rathaus Schöneberg, Marijke Höppner, spricht er von Defiziten bei der Barrierefreiheit, von der Hitze und fehlendem Schatten, von zu wenigen Sportangeboten.
Die Initiative schüttelt kollektiv den Kopf. „Das Problem sind die fehlenden Ressourcen“, spielt Anita Möller den Ball zurück. Darum mangele es der gewählten Feldkoordination, der sie angehöre, an Handlungsfähigkeit, um das Feld im Rahmen des EPP weiterzuentwickeln, mit mehr Sport und Kultur, „vielleicht auch mehr Bäumen“. Schließlich räumt Krach ein, dass eine Gesetzesänderung im Idealfall überflüssig sei.
So richtig gestritten hat sich die Runde am Ende nicht, aber Vertrauen sieht anders aus. Überhaupt: Was passiert eigentlich, wenn die SPD doch wieder mit der CDU koaliert und die Christdemokraten auf der Randbebauung bestehen, will ein Aktivist wissen. „Für uns ist das eine Bedingung“, versichert Kühnemann-Grunow. Steffen Krach ist zu diesem Zeitpunkt schon zu einem weiteren Termin aufgebrochen.
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