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Tagebuch aus der UkraineIn Odesa sterben die Seepferdchen

Kolumne
von Tatjana Milimko

Im Schwarzen Meer läuft Öl aus, ein Behälter wird beschossen. Viele Vögel und Fische kommen um. Dabei ist das Meer so wichtig, auch für die Menschen.

Tote Vögel am Strand von Odesa, Dezember 2025 Foto: Imago/Ukrinform

M eine Kinder, die jetzt in Wien leben, sagen oft, dass sie dort nichts zu tun haben. Sie wüssten nicht, wohin sie gehen sollten, wie sie sich vergnügen könnten.

Das überrascht mich jedes Mal: Wie kann das sein? Schließlich ist Wien die kulturelle Hauptstadt Europas. Sie hat Museen, Theater, Konzerte. Diese eine Stadt bietet ganz viele unterschiedliche Welten. Ja, schon, antworten sie, aber hier gibt es kein Meer.

Da kann ich nichts dagegen sagen. Denn in Odesa ist alles anders. Ob du traurig oder glücklich bist – du gehst ans Meer. Es ist immer da. Es heilt immer. Und ich selbst kann ohne Meer nicht leben. Bei jeder Gelegenheit, sobald ich einen freien Moment habe, gehe ich an die Küste.

Ob du traurig oder glücklich bist – in Odesa gehst du ans Meer. Es ist immer da.

Aber diesen Winter wurde es schwierig, ans Meer zu kommen. Nach dem Beschuss des Hafens von Odesa lief Sonnenblumenöl aus einem der Spezialbehälter ins Meer. Formal gilt es nicht als giftige Substanz. Aber genau dieses Öl wurde zu einer tödlichen Falle für Vögel: Wenn sie mit dem Öl in Berührung kommen, verlieren sie ihre Flugfähigkeit. Das ist eingetreten. Am nächsten Morgen fanden die Ein­woh­ne­r:in­nen von Odesa Tausende toter Vögel an der Küste.

Zarte, verletzliche, märchenhafte Wesen

Es ist schon über einen Monat her, aber das Meer spült immer noch ihre Kadaver an Land. Und dann brachte der Sturm eine weitere Tragödie aus den Tiefen des Meeres – Tausende von Seepferdchen. Zarte, verletzliche, fast märchenhafte Wesen. Die Strände waren mit ihnen übersät.

Die Meinungen über die Ursachen der Katastrophe gehen auseinander. Einige glauben, dass ein starker Sturm die Seepferdchen aus ihren gewohnten Tiefen gerissen und an Land gespült hat. Andere – und das sind die meisten Experten – bringen das mit der kürzlichen Verschmutzung durch Sonnenblumenöl in Verbindung. Mikroorganismen, die Öl in der Meeresumwelt verarbeiten, können für empfindliche Tiere wie Seepferdchen tödlich sein. Es gibt noch eine weitere Version: Das Öl sank auf den Grund, wo die Seepferdchen überwinterten, und deckte sie buchstäblich zu, wodurch ihnen der Sauerstoff entzogen wurde.

Das Problem ist, dass man das nicht direkt überprüfen kann. Die Station in Odesa, wo solche Analysen durchgeführt werden könnten, ist schon lange abgebrannt. Es konnte nur das Wasser untersucht werden – darin wurden keine schädlichen Stoffe gefunden. Aber die Seepferdchen selbst konnten nirgendwo untersucht werden.

Menschen wollen die toten Seepferdchen aufbewahren

In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viele tote Seepferdchen und Krabben an der Küste von Odesa gesehen. Die Menschen sammelten sie ein und sagten, sie wollten sie trocknen und zumindest Souvenirs daraus machen – als Erinnerung an diesen seltsamen und schrecklichen Winter.

Ich kam ans Meer, um dort zu recherchieren. Ganz zufällig traf ich einen Freiwilligen, den Vater der bekannten Umweltwissenschaftlerin Galina Teranko. Sie ist derzeit in Frankreich, arbeitet in einem Labor und kann wegen des Krieges nicht kommen. Deshalb schickt sie ihren Vater ans Meer: Er sammelt Proben, friert sie ein und schickt sie ihr nach Frankreich, damit sie eine molekulare Analyse durchführen kann.

Die Ursachen werden noch gesucht. Und doch sind all diese Katastrophen auch eine Folge des Krieges und dem, was er mit unserem Meer anrichtet. In Odesa sind wir die meiste Zeit ohne Strom und Wasser. An das Meer zu gehen, ist eine der wenigen Freuden, die wir haben. Doch auch das wird immer seltener.

Tatjana Milimko ist Chefredakteurin des ukrainischen Onlinenachrichtenportals USI.online und Alumna der taz Panter Stiftung (Workshops für Jour­na­lis­t:in­nen aus Osteuropa)

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

Durch Spenden an die taz Panter Stiftung werden unabhängige und kritische Jour­na­lis­t:in­nen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

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