TV-Debatten über Corona: Die Talkshow-Combo der Pandemie

In jeder Talkshow wird über die Coronapandemie gesprochen. Meist auch mit den immer selben Leuten. Kann es da überhaupt noch Neuigkeiten geben?

Sechs Personen sitzen während einer Talkrunde mit Abstand auf Sesseln in einem Fernsehstudio

Diesen Anblick kennen wir alle: die bekannten Gesichter in der Talkshow „Anne Will“ Foto: Wolfgang Borrs/NDR

Neulich, bei Maybritt Illner. „Sag mal, der Lindner, der Blonde und der Dings“, die saßen doch letztens schon alle bei Anne Will zusammen“, sagt die Mitbewohnerin. „Die sitzen doch bestimmt alle in ’nem Tourbus, mit dem sie als Combo von Studio zu Studio brausen.“ Nur dass dieses Mal Olaf Scholz frei hatte und im Bus bleiben durfte. Aber dafür ist ja verlässlich Manuela „Schalte“ Schwesig dabei.

Nach der Pandemie werden es die Menschen schwer haben, dass es sie auch ohne Standbild „Schweriner Schloss bei Nacht“ im Hintergrund gibt. Und Markus „Struwwel“ Söder findet die neuen Coronabeschlüsse jetzt plötzlich prima. Obwohl er bis knapp davor doch noch knallhart „Trau keinem über 35“ propagiert hat. Dann kann er ja auch mal wieder seinen Frisör kommen lassen. Leider wussten wir da alle noch nichts vom dem Nüßlein, das die Union gerade zu knacken hat. Scholz hatte übrigens doch nicht frei, sondern ’nen Solo-Gig zu später Sendezeit bei Lanz.

„Wie viele Menschen hätten Sie mit einem besseren Management retten können?“, stand dann mal wieder als Frage im Raum und blieb unbeantwortet. Aber irgendwann wird er kommen, der Coronazähler links unten am Bildrand, ein Echtzeit-High­score für Infizierte, Todesfälle und freie Grabstellen. Der Erkenntnisgewinn in solchen Runden? Null. Es gibt nichts Neues, lediglich für alle, die es noch nicht wissen: FDP-Lindner und Grünen-Habeck sind per Du!

Ostern auf Mallorca

Gegen Schluss sagte dann noch jemand „Da sitzen unheimlich viele Experten drin, und das sollten wir respektieren“, was das Dilemma gut zusammenfasst. Manche Dinge wissen wir nach einem Jahr Corona einfach immer noch nicht, wollen das aber nicht so gerne zugeben. Der Rest ist längst zerredet.

Bei Anne Will am Sonntag drauf hatte Scholz dann aber endlich wirklich frei. Dafür saß da Reiner Haseloff und wirkte ein bisschen, als müsse er gegen seinen Willen den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt machen. Haseloff verhedderte sich souverän, warum die Länder schon mit Augenmaß und das muss jeder selbst verantwortlich und überhaupt die Selbsttests!

Als Höhepunkt waren endlich mal wieder die Zeugen Dehogas da, die fest an den unmittelbar bevorstehenden Untergang von Hotellerie und Gastronomie glauben. Und es entspann sich folgender göttlicher Dialog: „Die Menschen fahren Ostern nach Mallorca!“ – Haseloff: „Ja, aber das sollen sie nicht“ – „Das tun sie aber!“ – Haseloff: „Das ist ja das Schlimme!“

Das passt natürlich zu einem Ministerpräsidenten, der seine eigene Fraktion in Sachsen-Anhalt nicht im Griff hat und deshalb letztes Jahr mal eben die Rundfunkbeitragserhöhung versenkte. Nett von der ARD, dass sie ihn überhaupt in den Tourbus lässt.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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