Studien zur Omikron-Variante: Boostern, jetzt erst recht

Neue Daten legen nahe, dass nur eine Drittimpfung ausreichend vor der Omikronvariante schützt. Im Dezember gibt es genug Impfstoff.

spritzen in einer orangen Schale

Aller guten Dinge sind drei: Vor der Omikronvariante schützt man sich am besten mit Boosterimpfung Foto: Robert Michael/dpa

Noch sind es wenige Daten – und ordentlich veröffentlicht und von anderen Wis­sen­schaft­le­r*in­nen geprüft sind sie auch noch nicht. Dennoch sorgen die jüngsten Forschungsergebnisse zur Omikronvariante des Coronavirus bei Ex­per­t*in­nen für große Sorge. Denn vier verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Wirkung von Antikörpern gegen die neue Variante bei Geimpften etwa vierzigmal geringer ist als bei der derzeit vorherrschenden Deltavariante. Eine der Untersuchungen stammt aus dem Team der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek; zwei weitere stammen von For­sche­r*in­nen aus Südafrika und Schweden. Auch der Impfstoffhersteller Bion­tech hat Labordaten ausgewertet.

Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen, würde stark verringerte Reaktion auf Antikörper bedeuten, dass sich doppelt Geimpfte sehr viel leichter mit der Omikronvariante infizieren können. „Es ist daher mit mehr Impfdurchbrüchen zu rechnen“, meint der Impfstoffforscher Leif Erik Sander von der Berliner Charité. Wie schwer eine solche Infektion verlaufen würde, ist allerdings unklar – denn dafür ist vor allem ein anderer Teil des Immunsystems verantwortlich, die sogenannten T-Zellen.

Zur Frage, wie diese mit der neuen Variante zurechtkommen, gibt es noch keine Ergebnisse. Ex­per­t*in­nen sind derzeit allerdings optimistisch: Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, erklärte etwa, er gehe davon aus, dass die Impfung „immer noch Schutz vor schwerer Erkrankung“ biete.

Auch wenn noch viele Fragen offen sind, herrscht unter den Corona-Expert*innen in einem Punkt große Einigkeit: Für bisher Ungeimpfte ist es durch das Auftreten von Omikron noch wichtiger, sich jetzt impfen zu lassen. Und Menschen, die schon geimpft sind, sollten auf jeden Fall und möglichst schnell eine Drittimpfung bekommen. Denn die vorliegenden Daten legen zumindest nahe, dass diese auch die Antikörperantwort gegen Omikron stark verbessert. So zeigte die Studie aus Südafrika, dass Personen, die zuvor eine Corona-Infektion überstanden hatten und doppelt geimpft waren, vergleichsweise gut geschützt waren, was hoffen lässt, dass das bei drei Impfungen ähnlich wäre. „Die Ergebnisse sind besser, als ich erwartet hatte“, schrieb der Studienleiter Alex Segal auf Twitter.

Lieber nicht auf den nächsten Impfstoff warten

Zu diesem Ergebnis kam auch Bion­tech: Eine Boosterdosis erhöhe den Antikörperspiegel um das 25-Fache. Das sei ausreichend, um auch die Omikronvariante zu neutralisieren, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Bei Bedarf könne ab März ein angepasster Impfstoff bereitgestellt werden. Der Konzern nutzte für seine Untersuchung eine künstlich hergestellte Form des Virus.

Die Zahl der Corona-Impfungen lag zuletzt fast wieder so hoch wie beim Höchststand im Juni

Angesichts der neuen Daten forderte auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité schnelle Fortschritte beim Boostern. „Es sieht nicht gut aus für doppelt Geimpfte“, schrieb Drosten auf Twitter. „Eine dritte Dosis ist nötig.“

Den besten Schutz dürfte dabei ein speziell an Omikron angepasster Impfstoff bieten, sagte Virologe Watzl gegenüber dem Science Media Center. „Da diese angepassten Impfstoffe frühestens im Februar oder März kommen werden, sollte man aber jetzt nicht darauf warten, sondern sich jetzt impfen oder boostern lassen.“

Das tun auch derzeit schon viele: Die Zahl der Corona-Impfungen lag im 7-Tage-Mittel mit 840.000 pro Tag zuletzt fast wieder so hoch wie beim Höchststand im Juni; fast drei Viertel davon entfallen auf Boosterimpfungen, aber auch die Erstimpfungen liegen – trotz zuletzt wieder rückläufigem Trend – mit knapp 80.000 pro Tag noch fast dreimal so hoch wie Anfang November.

Die Frist verlangsamt die Impfungen

Nachdem die Impfstofflieferungen zuletzt teilweise gekürzt wurden, was für viel Frust in den Arztpraxen gesorgt hatte, zeigt eine neue Aufstellung aus dem Bundesgesundheitsministerium, dass in den nächsten drei Wochen genug Stoff für über 40 Millionen Impfungen geliefert wird. Um diesen komplett zu verimpfen, müsste die Zahl der täglichen Impfungen sich in den nächsten Wochen allerdings mehr als verdoppeln – was nicht nur angesichts der Weihnachtsferien sehr ambitioniert erscheint.

Derzeit werden vielerorts außerdem nur Menschen geboostert, deren Zweitimpfung mindestens sechs Monate her ist. Das wären bis Ende des Jahres insgesamt weniger als 30 Millionen. Und selbst wenn diese Frist, wie schon in einigen Bundesländern geschehen, bundesweit auf fünf Monate verkürzt würde, könnten bis Jahresende insgesamt höchstens 40 Millionen Menschen geboostert werden; weil knapp 16 Millionen die Drittimpfung bereits erhalten haben, bliebe also Impfstoff übrig, selbst wenn die Zahl der Erstimpfungen durch den Beginn der Kinderimpfungen noch einmal deutlich steigen dürfte. Bei der Organisation der Impfungen und den dafür geltenden Regeln sind vom neuen Gesundheitsminister Karl Lauterbach also schnelle Entscheidungen gefragt.

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