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Studie zu Antisemitismus in Deutschland„Es ist mehr als ein ungutes Gefühl“

Tal Josef Tamir hat untersucht, wie sich Antisemitismus auf die Betroffenen auswirkt. Diese seelische Belastung müsse ernster genommen werden, sagt er

Clara Nack

Interview von

Clara Nack

taz: Herr Tamir, was hat Sie dazu gebracht, die psychischen Auswirkungen von Antisemitismus auf jüdische Studierende zu untersuchen?

Tal Josef Tamir: Das Thema hat sich fast aus der Not ergeben. Ich habe festgestellt, dass es zu diesem Thema viel weniger Forschung gibt, als ich erwartet hatte. Es gab zwar viele Diskussionen über Antisemitismus, aber kaum Untersuchungen dazu, was er psychisch mit den Betroffenen macht. Ich hatte auch das Gefühl, viele Menschen in der jüdischen Community sind gerade sehr belastet, und wollte die Frage beantworten, ob das nur eine persönliche Wahrnehmung ist oder sich wissenschaftlich zeigen lässt?

taz: Warum haben Sie sich für einen quantitativen Forschungsansatz entschieden?

Im Interview: 

ist an der Sigmund Freud Privatuniversität in Berlin und hat mit Irina Jarvers im Mai 2026 die Studie veröffentlicht

Josef Tamir: In der psychologischen Forschung gibt es manchmal Ergebnisse, bei denen man nur bestätigt, was man ohnehin schon erwartet hat. Wir wollten deshalb überprüfen, ob die Annahme, dass Antisemitismus die psychische Gesundheit beeinträchtigt, tatsächlich messbar ist. Wir wollten eine gewisse Distanz schaffen und nicht nur aus einer persönlichen Perspektive argumentieren.

taz: Was hat dieser Ansatz sichtbar gemacht?

Josef Tamir: Die Betroffenen haben nicht einfach eine schlechte Stimmung oder ein ungutes Gefühl. Depression, Angst und chronischer Stress sind klinisch relevante Zustände, die auch körperliche Folgen haben können. Wenn Menschen dauerhaft das Gefühl haben, angegriffen oder abgelehnt zu werden, hat das Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Antisemitismus ist eine Frage der öffentlichen Gesundheit.

taz: Warum ist das so wichtig zu verstehen?

Josef Tamir: Antisemitismus wird oft als politische oder gesellschaftliche Frage diskutiert, aber hinter dieser Diskussion stehen Menschen, die gestresster, ängstlicher oder depressiver sein können. Wir fragen in unserer Studie nicht: Was ist Antisemitismus? Wir schauen auf die Perspektive der Betroffenen. Das ist ein Ansatz, den man auch aus der Minority-Stress-Forschung kennt.

taz: Was genau bedeutet Minority Stress?

Josef Tamir: Minority Stress beschreibt chronischen Stress, der durch die Zugehörigkeit zu einer marginalisierten Gruppe entsteht. Nicht die Identität selbst verursacht Stress, sondern die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen leben. Für jüdische Menschen bedeutet Antisemitismus einen zusätzlichen Stressfaktor.

taz: Ein Ergebnis Ihrer Studie war, dass jüdische Identität selbst nicht nur belastend ist. Warum ist das wichtig?

Josef Tamir: Ich hatte erwartet, dass das Selbstwertgefühl jüdischer Studierender niedriger sein würde. Das war aber nicht der Fall. Selbstwert entwickelt sich über viele Jahre und ist relativ stabil. Das zeigt, dass jüdische Identität auch eine Ressource sein kann. Gleichzeitig kann das Tragen sichtbarer jüdischer Zeichen, wie einer Kippa, aber auch angreifbarer machen.

taz: Was bedeutet es für Sie, wenn mehr als die Hälfte Ihrer Befragten sich nicht sicher fühlt?

Josef Tamir: Das zeigt vor allem das Ausmaß des wahrgenommenen Antisemitismus. Viele Menschen erleben Deutschland nicht als einen Ort, an dem sie ihre Identität selbstverständlich leben können. Viele Menschen versuchen zu betonen: Jüdische Menschen sind nicht gleich Israel. Aber gleichzeitig haben viele jüdische Menschen eine persönliche oder familiäre Verbindung zu Israel – das macht die Realität komplex.

taz: Was sollten Universitäten und Gesellschaft aus Ihren Ergebnissen ableiten?

Josef Tamir: Universitäten sind ein wichtiger Ort, an dem etwas passieren muss. Es braucht Beratungsangebote und es braucht sichere Räume. Vor allem aber sollten wir nicht über jüdische Studierende sprechen, sondern mit ihnen. Es geht darum, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und daraus konkrete Unterstützung abzuleiten.

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