piwik no script img

Studie über Gestapo Bremen„ Die Bereitschaft zur Denunziation war generell groß“

Die Gestapo rekrutierte in Bremen Personal und Zu­trä­ge­r*in­nen aus der Mitte der Gesellschaft. Wie sie funktionierte, hat Anna Leinen erforscht.

Interview von

Petra Schellen

taz: Frau Leinen, welche Lücke füllt Ihre neue Studie über die Gestapo in Bremen?

Anna Leinen: Es war zwar bekannt, dass das Gestapogefängnis in der heutigen Dokumentationsstätte Ostertorwache lag. Unklar war jedoch, wie die Verfolgungsbehörde funktionierte: Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gab es, wie haben die Institutionen zusammengearbeitet, welche Quellen existieren?

taz: Wie gut hat die Bremer Polizei bis dato ihre NS-Vergangenheit bearbeitet?

Leinen: Es gibt einzelne Arbeiten wie etwa Karl Schneiders Buch über die Bremer Polizeibataillone 105 und 303, die sich am Holocaust beteiligt hatten. Meine Studie ist allerdings die erste systematische Forschungsarbeit zur Bremer Gestapo.

Im Interview: Anna Leinen

Anna Leinen, Jg. 1997, ist freischaffende Historikerin mit Schwerpunkt NS-Geschichte

taz: Welche Quellenlage fanden Sie vor?

Leinen: Ich bin mit dem Wissen in das Projekt gestartet, dass viele belastende Akten vernichtet worden waren. Es fehlten zum Beispiel Personalakten der Gestapo. Allerdings gab es bis dato nicht ausgewertete Akten im Bundesarchiv und im Bremer Staatsarchiv sind Dienstpläne, Unterlagen zu Denunziationen und Verhören erhalten und die Entnazifizierungsakten.

taz: Wie haben Sie die Struktur der Bremer Gestapo rekonstruiert?

Leinen: Vieles konnte ich anhand der Entnazifizierungsakten erschließen: Wer hat über wen ausgesagt, wer mit wem zusammengearbeitet? Auch die Entschädigungsakten der Verfolgten gaben Aufschluss über Einsatzorte und Namen von Täterinnen und Tätern.

Die Gestapo war keine Behörde, die über die Stadt hereinbrach

taz: Wer bewarb sich überhaupt bei der Bremer Gestapo?

Leinen: Die Mehrheit war vorher schon im Polizeidienst. Es gab aber auch „Quereinsteiger“, die zum Beispiel ursprünglich Bäcker oder Schlachter gelernt hatten.

taz: War sie auch eine Institution in der Mitte der Gesellschaft?

Leinen: Ja. Die Gestapo war keine Behörde, die über der Stadt schwebte und über sie hereinbrach. Vielmehr war sie – wie in anderen Städten auch – darauf angewiesen, dass man ihr Informationen zutrug. Für den Zeitraum zwischen 1933 und 1935 sind in Bremen die Akten zu Denunziationen erhalten. Die Meldungen steigerten sich in ihrem Eifer bis zu dem Angebot, die Wohnung zu nutzen, um einen Nachbarn zu bespitzeln. Die Gestapo und ihre ZuträgerInnen – das waren BremerInnen, die BremerInnen verfolgt haben.

taz: Haben Sie sich näher mit dem Ausmaß der Denunziation befasst?

Leinen: Ja, denn da gibt es einen großen Aktenbestand, in dem alle Vorgänge exakt verzeichnet sind, nach Themen geordnet – etwa zu verbotenen Jugendorganisationen oder verbotenem Radiohören. Wobei mich überrascht hat, wie gründlich die Gestapo selbst kleinen, sehr vagen Hinweisen nachging. Auf den Hinweis „Da trifft sich der und der abends mit merkwürdigen Leuten“ wurde jemand monatelang beobachtet. Selbst wenn nichts dabei herauskam, wurde derjenige zum Verhör vorgeladen. Es war ein Apparat systematischer Einschüchterung.

taz: Warum denunzierten die Leute?

Leinen: Aus den verschiedensten Gründen – ob aus ideologischer Überzeugung oder ausgehend von Konflikten in Familie, Nachbarschaft oder Betrieb.

taz: Ein Beispiel?

Leinen: Eine Frau äußerte im Ladengeschäft, dass der Krieg bald verloren sei. Sie wurde denunziert, verhaftet und hingerichtet. Nach Kriegsende ließ sich nicht vollends rekonstruieren, wer sie verraten hatte. Verdächtig blieb besonders die Ladenbesitzerin, die bereits in eine andere Denunziation verwickelt war. Aber es ließ sich nicht beweisen. Deshalb habe ich die Akte nochmals studiert.

Die Gestapo

Die Geheime Staatspolizei – kurz Gestapo – wurde im Frühjahr 1933 vom preußischen Innenminister Hermann Göring initiiert und als eine auf die Gesinnung gerichtete Polizeibehörde binnen weniger Monate als Parallelstruktur zur üblichen Polizei etabliert. Sie durfte ohne weitere Kontrolle ins Privatleben der Bür­ge­r*in­nen eingreifen, sie verhaften, verhören, foltern und ins KZ schicken.

Während das Wirken der Leitstellen in Berlin und Großstädten wie Hamburg und Hannover teilweise bereits untersucht wurde, sind die Kenntnisse über die regionalen Stapo-Stellen – im Norden v. a. Braunschweig und Bremen – noch sehr rudimentär.

Darauf reagiert Anna Leinens Studie „Verfolgen und verfolgt werden. Die Gestapo in Bremen 1933 – 1945“, die als Band 76 in der Reihe Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen erscheint. Edition Falkenberg 2026, 248 S., 24,90 Euro

taz: Was fanden Sie?

Leinen: Dass auch die Angestellte des Ladens als Denunziantin infrage kam. Sie habe es wiederum später beim Friseur ihrer Mutter erzählt. Auch dort hätte es jemand mithören können, was den Kreis möglicher DenunziantInnen nochmals vergrößerte, anonymisierte und letztlich dazu führte, dass der Kreis der Verdächtigen vor Gericht „entlastet“ war. Die Bereitschaft zur Denunziation war generell groß – wobei den Leuten bewusst war, wohin das führen konnte. „Schutzhaft“ und harte Strafen wurden deutlich in der Zeitung benannt.

taz: Wie groß war das Gewaltpotenzial der Gestapo?

Leinen: Sie war eine Behörde, die psychische und physische Gewalt ausübte. Über psychische Gewalt wird in diesem Kontext bisher zu wenig gesprochen. Dabei waren die Spätfolgen auch hier gravierend und führten noch Jahrzehnte nach Kriegsende zu Erkrankungen bei den Verfolgten.

taz: Beeinflusste das auch die Nachkriegsprozesse?

Leinen: Ja – etwa, wenn Gestapobeamte vor Gericht standen und Zeugen geladen werden sollten. Es gab immer wieder Fälle, in denen Betroffene sagten, sie könnten nicht erscheinen, weil sie es nicht ertrügen, mit dem Täter in einem Raum zu sein.

taz: Dann zeigte die Einschüchterung nachhaltig Wirkung.

Leinen. Ja, und dazu kam, dass die Nachkriegsjustiz den Aussagen der Verfolgten oft stärker zu misstrauen schien, als jenen der Gestapobeamten. Die Verfolgten mussten hart und nicht selten vergeblich um Anerkennung kämpfen.

taz: Wer zum Beispiel?

Leinen: Ich weiß von einem Bremer Klempner, der nach Feierabend in der Kneipe oder auf dem Heimweg regimekritische Lieder gesungen hatte. Er wurde ermahnt, schließlich von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen. Ohne Anklage und Prozess kam er für fünf Jahre in ein Konzentrationslager. Er überlebte, war aber von der Haft gezeichnet. Da er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, beantragte er nach dem Krieg eine Entschädigung als politisch Verfolgter. Hier wollte das Gericht dann sehr genau wissen, in welchem Kontext er überhaupt gesungen hatte – und lehnte eine Entschädigung ab: Man sprach ihm ein politisches Motiv ab und argumentierte mit seinem „Lebenswandel“. Er sei ja schon zuvor wegen „Trunksucht“ verhaftet gewesen, und seine Biografie schließe politisches Engagement aus. Dabei hatte die Gestapo ihn schon vor seiner Verhaftung als KPD-nahe Person im Blick.

taz: War das ein Einzelfall?

Leinen: Nein. In Entschädigungsprozessen schienen Gerichte des Öfteren davon auszugehen, dass jemand wegen seines „Lebenswandels“ nicht „geeignet“ gewesen sei, politisch widerständig zu sein. Auch kleinere Formen des Widerstands wurden nicht ernst genommen – selbst, wenn sie für Betroffene Konsequenzen hatten.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare