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Stromausfall nach BrandanschlagBerlins Südwesten bleibt dunkel

Notstromaggregate sichern nach dem großen Stromausfall die Versorgung von Krankenhäusern und Pflegeheimen. Auch die Bundeswehr soll nun helfen.

Der Regierende Bürgermeister besichtigt die Baustelle nach dem Kabelbrand. Zehntausende sind weiterhin ohne Strom Foto: Britta Pedersen/dpa

Am Tag drei des großen Stromausfalls in Berlins Südwesten gehen die Reparaturarbeiten weiter. „Mit Hochdruck“ arbeite man daran, die durch einen Brandanschlag zerstörten Leitungen an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal instand zu setzen, betonte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bei einer Pressekonferenz am Montagmittag. Gleichzeitig versuchten die Stromnetze, die betroffenen Stadtteile über eine zweite Leitung mit einer Baustelle an der Argentinischen Allee wieder ans Netz zu bringen.

„Das Problem ist, dass wir neben Mittelspannungskabeln auch Hochspannungskabel ersetzen müssen“, erklärte Bernhard Büllmann, Geschäftsführer der Stromnetz Berlin. Hochspannung sei deutlich schwieriger zu flicken, noch dazu bei dem aktuellen Winterwetter. Die 10 Zentimeter dicken Kabel müssen dafür vorgewärmt werden, auch die Baugrube, für die sie 150 Kubikmeter Boden ausgehoben hätten, werde erwärmt. Büllmann lobte dabei die Unterstützung aus vielen anderen Bundesländern, sie hätten ihnen Material bereitgestellt, „aber auch Menschen mit der Kompetenz, Hochspannungskabel zu reparieren“, das könnten nur wenige.

Die 10 Zentimeter dicken Kabel müssen vorgewärmt werden, auch die Baugrube wird aufgewärmt.

Büllmann sagte, er sei zuversichtlich, dass bis Donnerstagnachmittag wieder alle Menschen in den betroffenen Teilen von Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde versorgt werden könnten. Am Montag waren noch immer rund 28.000 Haushalte und rund 1.500 Gewerbe dort ohne Strom. Allerdings seien die Krankenhäuser verlässlich auf Notstromaggregate umgestellt und auch 64 der insgesamt 74 Pflegeheime würden inzwischen mit Notstrom versorgt, die anderen zehn Einrichtungen sollten im Laufe des Tages folgen, sagte Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege (SPD). Dadurch werde es nicht notwendig, die pflegebedürftigen Menschen woanders hin zu verlegen. Auch Supermärkte konnten dank Notstrom inzwischen wieder öffnen.

Aber Notstrom – das sei immer nur eine punktuelle Lösung, erklärte Büllmann. „Es ist immer noch zeitlich schneller, die Struktur wieder herzustellen, als alle Haushalte über Notstrom zu versorgen“, betonte er. Doch auch Notstromaggregate laufen nicht von allein, sie brauchen Diesel. In den kommenden Tagen sollen Bun­des­wehr­sol­da­t*in­nen diese zuverlässig befüllen. Berlin hat die Hilfe der Bundeswehr angefordert, Verbindungsoffiziere nehmen schon jetzt an allen wichtigen Krisenstabstreffen teil und das Land erwartet nun die schnelle Genehmigung der Hilfe, sagte Wegner.

Zusammenhalt ist groß

Wegner lobte auch den Zusammenhalt der Menschen vor Ort und sagte, es sei bewundernswert, was die Zivilgesellschaft beitrage. „Die meisten sehen, was geleistet wird, die meisten packen mit an“, sagte er. Andere Bundesländer seien ungefragt auf Berlin zugekommen, um Hilfe anzubieten. „Wir werden alle Hilfe brauchen und sie auch in Anspruch nehmen“, sagte Wegner. Sein Ziel sei es, die Menschen „durch diese Krise zu führen“, sie wieder mit Strom und Wärme zu versorgen und im Nachgang die Infrastruktur besser als bisher zu schützen. „Denn die kritische Infrastruktur ist angreifbar“, sagte er.

Wir werden alle Hilfe brauchen und sie auch in Anspruch nehmen

Kai Wegner (CDU), Regierender Bürgermeister von Berlin

Dabei sieht sich der Senat in der Krisenbewältigung bisher „gut aufgestellt“. „Die Krisenstäbe funktionieren“, betonten alle anwesenden Regierungsmitglieder. Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe (SPD) sagte, es sei insbesondere erfreulich, dass die Menschen in der Zehlendorfer Thermometersiedlung schon wieder Strom hätten. In den dortigen Hochhäusern wohnten viele alte, schwache und arme Menschen. Sie wies außerdem darauf hin, dass es noch eine Herausforderung wird, alle Heizungen wieder in Betrieb zu nehmen.

Steglitz-Zehlendorfs Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) wies auf Übernachtungsmöglichkeiten in den drei Notunterkünften und zwei weiteren im benachbarten Brandenburg hin. Dort könnten Menschen sich auch aufwärmen, Geräte aufladen oder Informationen bekommen. Sie bedankte sich beim Senat, dass dieser die Großschadenslage ausgerufen hat. „Länger als zwei Tage geht es nicht mit gutem Willen. Wir brauchen dann mehr“, sagte sie. Die Großschadenslage biete dafür die Voraussetzung – etwa auch weil Ehrenamtliche von THW, DRK und Johannitern dann von ihrer Arbeit freigestellt werden. Die Ehrenamtlichen haben in den vergangenen Tagen demnach einen Großteil der Aufgaben übernommen.

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