Streit um spanische TV-Serie: Polizeiserie regt auf

„Antidisturbios“ empört die spanischen Polizeigewerkschaften. Offenbar haben die Macher der Serie einen wunden Punkt getroffen.

Ein Polizist im Konfettiregen

Ein Polizist im Konfettiregen bei einer Zwangsräumung in Barcelona im Oktober 2020 Foto: Joan Mateu/ap

MADRID/taz | „Serie des Jahres“ oder „echter Müll“? Die Meinungen gehen weit auseinander, wenn es um die Serie „Antidisturbios“ („Bereitschaftspolizisten“) geht. Während ein Großteil des Publikums und auch die Kritik die Produktion von Movistar lobt, sind mehrere Polizeigewerkschaften empört.

In der sechsteiligen Serie geht es um „Puma 93“, die Besatzung einer „Wanne“. Der mit Holzknüppel verlängerte Arm des Gesetzes wird beim Einsatz gezeigt. Als bei der Zwangsräumung in der Madrider Altstadt ein Immigrant vom ersten Stock in den Innenhof stürzt und stirbt, wird die „Innere“ aktiv. Die junge, hartnäckige Ermittlerin stößt schnell auf mehr als auf einen unverhältnismäßigen Polizeieinsatz: ein Netzwerk aus einem korrupten Polizeichef, einem Richter und einem Unternehmer, die an der Gentrifizierung des Stadtteiles verdienen und die Zwangsräumungen oft an der Gesetzeslage vorbei anordnen.

Doch es ist nicht etwa dieser durchaus realitätsnahe Einblick in das spanische System, der die Polizeiorganisationen erzürnt. Es ist vielmehr die Darstellung der Beamten selbst. Es sind normale Menschen, mit ihren persönlichen Miseren und alltäglichen Problemen, mit Depressionen und Aggressionen und natürlich mit ihren Lastern in Form von Alkohol- und auch Drogenmissbrauch.

Verhasste Eliteeinheit

Die Autoren von „Antidisturbios“, Isabel Peña und Rodrigo Sorogoyen, zeigen eine Gruppe von Arbeitern und wie sie während der Untersuchung durch die „Innere“ nach und nach zusammenbrechen. Die Serie taucht ein in den Alltag einer Eliteeinheit der spanischen Polizei, die so verhasst ist wie keine zweite.

„Sie stellen uns auf das gleiche Niveau wie die Ratten“, heißt es aus Reihen der Polizeigewerkschaft Jupol. Die Serie sei „beleidigend, erniedrigend“ und „sie beschmutzt das Image der Bereitschaftspolizei“, erklärt die Gewerkschaft, die zuerst von den rechtsliberalen Ciudadanos gesponsert wurde, um anschließend in den Armen der rechtsextremen Vox zu enden, in sozialen Netzwerken.

„StopBulos“ – spanisch für „Stoppt Fakenews“ – lautete das Schlagwort der Kampagne gegen „Antidisturbios“. Dass so mancher Bekannte, wie etwa der fortschrittliche Investigativjournalist und TV-Moderator Jordi Évole oder der katalanische Unabhängigkeitspolitiker Gabriel Rufián oder auch die linksliberale Tageszeitung El País „Antidisturbios“ empfehlen, macht die Sache in Augen der Jupol noch schlimmer.

„Die Generaldirektion der Polizei genehmigt Dreharbeiten in Einrichtungen. Es werden Uniformen und Fahrzeuge verwendet. Sie haben offizielle Beratung erhalten. Dabei kommt die Serie ‚Antidisturbios‘ heraus, die 2.500 Kollegen mit Lügen und Klischees beleidigt. Wir fordern dringend eine Erklärung“, schreibt auch die andere rechte Polizeigewerkschaft, CEP.

Nichts verschönern, nichts verteufeln

Das Innenministerium und die Polizeiführung haben Peña und Sorogoyen den Zutritt zu den Kasernen ermöglicht, um sich ein Bild von der Arbeit zu machen. Das verwundert nicht. Denn Peña und Sorogoyen sind keine Unbekannten. „Antidisturbios“ ist nicht ihre erste Erfolgsserie. Sorogoyen war selbst für einen Oskar nominiert. Filmerisch geben die beiden alles, um eine beklemmend dichte Atmosphäre zu schaffen. Viele Szenen sind mit Weitwinkel aus der Hand gedreht, die Kamera immer wieder so nah wie möglich an den Gesichtern der Protagonisten.

„Wir wollen nichts verschönern und nichts verteufeln“, erklärt Sorogoyen. Es gehe vielmehr darum, dass „der Zuschauer so realistisch wie nur möglich miterlebt, was diese Leute erleben, und dass er danach sein Urteil fällt.“ „Natürlich schrecken wir nicht davor zurück, zu erzählen, wie unnötig gewalttätig und ungerecht die Bereitschaftspolizei manchmal ist“, fügt Peña hinzu. Die Idee zu der Serie entstand nach der „Bewegung der Empörten“ 2011 und den völlig überzogenen Polizeieinsätzen gegen sie und die Proteste gegen die Sozialkürzungen in den Jahren der Eurokrise.

Auch die weitaus gemäßigtere Gewerkschaft SUP, die einst gar Hand in Hand mit der postkommunistischen CCOO gegen ebendiese Sozialkürzungen auf die Straße ging, beschwert sich und verlangt, dass die „Verantwortlichen bei der Generaldirektion der Polizei Rechenschaft ablegen“. Die SUP selbst stand bei den Recherchen Rede und Antwort und taucht im Abspann der Serie auf. „Wir wollen in den Danksagungen nicht erscheinen“, twittert die SUP-Führung jetzt, wo sie durch die rechten Kollegen unter Druck geraten ist.

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