Streit um Unkrautvernichter Glyphosat: Niederlage für Pestizid-Freunde
Die Unbedenklichkeitserklärung für den Unkrautkiller Glyphosat muss revidiert werden, sagen Experten der Vereinten Nationen.
taz | Den Befürwortern des meistverkauften Pestizids Glyphosat scheint ein wichtiges Argument wegzubrechen: Nachdem die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Mittel im März als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte, verwies US-Hersteller Monsanto auf ein anderes Gremium, das „Gemeinsame Treffen“ der WHO und der UN-Agrarorganisation FAO über Pestizidrückstände in Lebensmitteln (JMPR). Dieses hat dem Unkrautvernichter mehrfach bescheinigt, in den erlaubten Mengen weder Krebs noch Schäden am Erbgut zu verursachen.
Doch jetzt rät selbst eine vom JMPR eingesetzte Expertengruppe, diesen Persilschein für die Chemikalie zu überprüfen. Die Arbeitsgruppe empfiehlt eine vollständige Neubewertung von Glyphosat. Das ist offenbar als grundsätzliche Kritik an der Arbeit des Gremiums gemeint. Schließlich plädieren die Experten auch dafür, dass „das JMPR interne Richtlinien überprüft, um die Kriterien für Einbeziehung/Ausschluss von Daten [in seine Analysen, die Red.] zu stärken“.
Das JMPR habe „viele“ von den WHO-Tumorforschern verwendete Studien vor allem aus Fachzeitschriften nicht ausgewertet. Die Experten heben hervor, dass die Krebsforscher nicht nur Untersuchungen, in denen es allein um Glyphosat geht, sondern auch solche mit Mischungen analysiert hätten. Pestizidprodukte wie Monsantos Unkrautkiller Roundup sind Kombinationen aus dem Wirkstoff und mehreren Hilfssubstanzen. Die Fachleute bemerken zudem, dass das JMPR sich nicht auf Rückstände in Nahrung beschränken dürfe, die durch die Nutzung von Glyphosat als Pflanzenschutzmittel entstehen.
Diese Kritikpunkte sind nicht nur für die Diskussion über den Unkrautvernichter wichtig. Vielmehr können sie eine fundamentale Reform der JMPR-Arbeit begründen – und damit des Umgangs der Behörden mit Pestiziden in vielen Ländern. Schließlich setzt das JMPR wichtige Richtwerte fest, wie viel eines Pestizids von Menschen eingenommen werden kann, ohne gesundheitliche Schäden zu erleiden. Diese Zahlen dienen Staaten als Grundlage, um gesetzlich verbindliche Grenzwerte zu beschließen.
Laufendes Zulassungsverfahren abbrechen
Der Gentechnik-Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Harald Ebner, forderte nach Bekanntwerden des Berichts, die Anwendung von Glyphosat zu stoppen oder zumindest einzuschränken. „Es kann nicht sein, dass Menschen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind, weil die zuständigen Behörden womöglich vorsätzlich im Profitinteresse gepfuscht haben.“ Die EU müsse ihr laufendes Verfahren für eine neue Zulassung von Glyphosat abbrechen.
Monsanto dagegen gibt sich unbeeindruckt. „Ich gehe nach wie vor davon aus, dass eine positive Bewertung durch die EU-Behörden herauskommt“, sagte der Zulassungsleiter der deutschen Konzernniederlassung, Holger Ophoff, der taz. Das staatliche Bundesinstitut für Risikobewertung, das Glyphosat für die EU analysiert hat, war am Sonntag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
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