Streit um Foto im Westjordanland: Zu echt für die Diplomatie
Israels Botschafter nennt ein Magazincover mit einem israelischen Siedler „manipulativ“. Dabei zeigt das Foto schlicht die Realität im Westjordanland.
Foto: Mosab Shawer/imago
Das Titelblatt des italienischen Wochenmagazins L’Espresso vom 10. April hat es in sich. „Der Missbrauch“ steht da, in fetten Großbuchstaben, dazu der kurze Text: „Die Annexion Jordaniens, unter Komplizenschaft der Soldaten mit den Siedlern. Gaza ausgelöscht. Der Vormarsch im Libanon. Die Grenze zu Syrien verletzt. Der Krieg gegen Iran. Ethnische Säuberung und Massaker. So verleiht die zionistische Rechte Großisrael Form.“
In sich hat es aber auch das Foto auf dem Titel. Da steht ein junger israelischer Siedler, in Militäruniform, sein Gesicht zur Grimasse verzerrt, der hinüberschaut zu einer ebenso jungen Palästinenserin, die ihrerseits konsterniert dreinblickt.
Zu viel war es für Israels Botschafter in Rom, Jonathan Peled. Auf X schrieb er: „Wir verurteilen entschieden den manipulatorischen Missbrauch, der auf dem Titelblatt des L’Espresso stattfindet. Das Bild verzerrt die komplexe Realität, mit der Israel leben muss, und unterstützt Stereotype und Hass. Verantwortlicher Journalismus muss ausgewogen und korrekt sein“.
Botschafter Peled verschweigt, was denn da verzerrt worden sein soll – außer dem verzerrten Gesicht des Siedlers, für dessen Mimik allerdings der Fotograf Pietro Masturzo nichts kann. Masturzo meldete sich am darauffolgenden Montag mit einem Instagram- und Facebookpost zu Wort, in dem er auch schreibt, im Internet sei insinuiert worden, das Bild sei mit KI erstellt worden, und dann die Details der Aufnahme berichtet.
An der Ernte gehindert
Gemacht habe er das Foto am 12. Oktober 2025 in dem auf der Westbank gelegenen palästinensischen Dorf Idhna. Jener 12. Oktober hätte dort der erste Tag der Olivenernte werden sollen. Gekommen sei die palästinensische Eigentümerfamilie des Olivenhains, dazu Nachbarn, aber auch internationale Aktivist*innen sowie Journalist*innen, unter anderem von der New York Times.
Als die Ernte beginnen sollte, sei eine Gruppe bewaffneter Siedler aufgetaucht, teils – so wie der Fotografierte – in Armeeuniform, dazu „echte“ (so Masturzo) Soldaten, die die Palästinenser*innen an der Ernte gehindert hätten.
Masturzo erklärt auch die Grimasse des Siedlers, und er belegt seine Darstellung mit einem knapp einminütigen Video der Szene. Der Israeli habe den Ruf imitiert, mit dem die palästinensischen Hirten ihre Schafherden beisammenhalten, „und sich so an die Palästinenser gewandt, als wären sie seine Tiere“.
Was verzerrend an dem Foto sein soll, bleibt deshalb das Geheimnis des israelischen Botschafters, der auch zu den gut dokumentierten dutzendfachen Siedlerübergriffen auf der Westbank bis hin zu regelmäßig ungesühnt bleibenden Morden an Palästinenser*innen schweigt. Und der mit seiner Position allein bleibt. Auch die traditionell Netanjahu-freundlichen Zeitungen der italienischen Rechten sprangen ihm diesmal nicht bei.
Das mag auch mit der sich abzeichnenden Kurskorrektur der italienischen Regierung unter Giorgia Meloni zu tun haben. Ihr Außenminister Antonio Tajani fand am Montag klare Worte gegen die israelischen Angriffe auf Libanons Zivilbevölkerung – mit der Folge, dass der italienische Botschafter in Tel Aviv umgehend ins dortige Außenministerium einbestellt wurde. Am Dienstag gab Meloni bekannt, dass ihre Regierung die Verlängerung des italienisch-israelischen Verteidigungsabkommens aussetzt.
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